„Loki“: Zu Marvels neuer Serie will man tanzen

  • So machen Comicverfilmungen Spaß.
  • „Loki“ (ab 9. Juni bei Disney+) ist an Leichtigkeit und Einfallsreichtum kaum zu überbieten.
  • Tom Hiddleston glänzt in der Titelrolle der neuesten Marvel-Serie als Gott der Täuschung – und Owen Wilson als sein kongeniales Gegenüber Mobius.
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Müde waren wir zuletzt der vielen Comicverfilmungen. Hofften auf keine schrill gewandeten Erwachsenen und Jugendliche mit Spezialkräften mehr. Gelegentlich gab es zwar noch Überraschungen wie „Black Panther“ (2018) oder „Wonder Woman“ (2017). Und natürlich erinnerten erhabene Tragödien wie „Logan“ (2017 – über Wolverine) oder „Joker“ (2019 – über Batmans leistungsstärkste Nervensäge) immer mal wieder an den Gipfel des Genres – Christopher Nolans „Dark Knight“-Trilogie (über Batman). Aber wer konnte ohne Wikipedia-Hilfe einen kurz zuvor gesehenen zweieinhalbstündigen „Avengers“-Film nacherzählen? Kompliziert und ausgelutscht war das alles – von den Besten nichts Neues.

Und jetzt beleben die Marvels ihre Heldenwelt bei Disney+ auf den Fernsehschirmen mit einer Leichtigkeit und einem Esprit, den man sich für die immer schwerfälligeren Kinokolosse gewünscht hätte. Was für ein Coup: „WandaVision“ als 50er-Jahre-Sitcom beginnen zu lassen. Und „The Falcon and the Winter Soldier“ an die Kumpelactionkomödien der 80er-Jahre anzulehnen. Man wollte fast mit den Fingern dazu schnippen, als besäßen diese Serien einen Rhythmus.

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Nicht alle fallen vor den Asen auf die Knie

Nun also der dritte Streich – die von Kate Herron („Sex Education“) inszenierte erste Staffel von „Loki“, in der der titelgebende nordische Gott der Täuschung und des Schabernacks erfahren muss, dass es Institutionen wie die Time Variance Authority (TVA) gibt, in denen man vor Unsterblichen wie ihm nicht automatisch auf die Knie fällt. Sondern sie im Zweifelsfall einknastet.

Es ist die Stunde von Tom Hiddleston. Der hat zwar auch in Serien wie „Kommissar Wallander“ (ab 2008) und „The Night Manager“ (2016) gespielt, war großartig in Spielbergs „Gefährten“ (2011), und sang in dem sonst eher mittelmäßigen Biopic „I Saw the Light“ (2015) als coole Musikikone Hank Williams sogar Countrysongs. Aber der Loki überragt seine Karriere leuchtturmmächtig.

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Als der vor Kurzem 40 gewordene Londoner vor nunmehr zehn Jahren erstmals in der Rolle des hintertriebenen Asen in Kenneth Branaghs Film „Thor“ das Marvel Cinematic Universe betrat, avancierte er umgehend zum Publikumsliebling. Ein (relativer) Schmalhans in der Welt der bizepsschweren Hammerschwinger und Weltenerschütterer. Ein Gott mit Grips und Tücke – seit jeher schließt man ja die ambivalenten Bösewichte, die einem Zugang zu sich gewähren, besonders ins Herz.

Der Schauspieler zeigte den nordischen Gott des Schabernacks und der Täuschung als komplex, eitel, scharfsinnig und witzig. Kaum zu glauben, dass Hiddlestons Lieblingssuperheld der superlangweilige Superman ist. In „Avengers: Endgame“ (2019) schnappte Loki sich den mythischen Superwürfel Tesserakt und verabschiedete sich mit einem „Puff!“ und einem Qualmwölkchen ins Irgendwo.

Die „heilige Zeitlinie“ muss bewahrt bleiben

Damit erschuf er freilich eine neue Zeitlinie, eine parallele Realität. Der Verpuffte schlägt nur einen Moment später in der Wüste Gobi auf, wo ihm in der ersten Episode der Serie eine walkürenhafte Soldatin (Wunmi Mosaku) einen Schlag versetzt, der seine Lippen 30 Sekunden lang Wellen schlagen lässt. Loki kann seine Neuschöpfung nicht auskosten, er wird samt Tesserakt eingesackt von der TVA, einer drei kosmischen Zeitwächtern unterstehenden Behörde, die die Einhaltung der „sacred timeline“ (des heiligen, eigentlichen Zeitverlaufs) überwacht.

Alles Abweichende, Abgespaltene, geeignet dazu, Chaos zu verursachen oder gar das Multiversum kollabieren zu lassen, und muss von der TVA schnellstmöglich korrigiert werden. Ein Mitarbeiter namens Mobius (Owen Wilson), spießig mit Schlips und Schnauzbart, glaubt, mithilfe des göttlichen Gefangenen einen offenkundig ein Spiel der Zerstörung spielenden Super-Loki finden zu können, der mit der neuen Zeitlinie in die Welt kam.

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Ob dessen gestaltwandlerischer Fähigkeiten ist das kein Leichtes, aber Loki kommt auf die (richtige) Idee, sein anderes Ich könne sich als Apokalypsenspringer betätigen. Und: Action! – die nach Alabama in die vom Klimawandel um ein Vielfaches verstärkte Hurrikansaison 2050 führt und weit zurück ins Pompeji des schicksalhaften Vesuvjahres 79 vor Christus.

Das Design dieser wahrlich überraschungsreichen detektivischen Zeitreise- und Weltenrettungsstory ist superb. Vor allem die Interieurs der Weltraumstadt der TVA sind krass gegensätzlich zu ihrer überwältigenden Sky- respektive Spaceline im biederen Beige, Braun und Orange der 70er-Jahre gehalten, die Saaldecken sind voller halbverchromter Glühbirnen. Im Archivservicepoint der Behörde sitzt überdies eine klassische graue Aktenlady (Zele Avradopoulos), und sie hat eine klassische Tresenklingel aus Altmessing vor sich.

Zu „Loki“ möchte man glattweg aufstehen und tanzen

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Es kommt einem dabei früh der Gedanke, dass dieser Retrozauber nur ein Bluff ist, um die TVA-Zeitwache für Menschen mit eingeengtem Verstand begreifbar zu machen (ähnlich Gottvaters seltsamem Wohnzimmer am Ende von Kubricks Sci-Fi-Epos „2001“). Altmodische Roboter und Zeichentrick-Erklärvideos der HB-Männchen-Güte verstärken den Eindruck einer etwas hilflosen Illusion. „Warum habe ich noch nie von euch gehört?“ versucht der verunsicherte Loki seinen Gottstatus als überlegen ins Feld zu führen. „Weil es keinen Grund gab“, erwidert Mobius trocken.

Zwei Folgen hat Disney+, das Haus des Geizes, den beruflichen Betrachtern vorab wieder mal nur zur Sichtung überlassen. Und obwohl diese vornehmlich dialoglastig sind (mit ein paar prächtigen Ausreißern ins Cineastische), ist der Rhythmus des Dialogs von Michael Waldron („Rick and Morty“) so bezwingend, dass man zu „Loki“ glattweg aufstehen und tanzen möchte.

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Tom Hiddleston und Owen Wilson als sein Gegenspieler und zeitweiliger Teammate liefern sich jede Menge scharfsinniger Wortgefechte. Und erweisen sich damit als bestmöglich vorstellbare Buddys wider Willen.

Der Gott des Schabernacks hat tränenschwere Augen

Und wenn Lokis Augen über einem vergilbten Aktenpapier über die von ihm einst betriebene Zerstörung der Götterstätte Asgard in Tränen schwimmen, wird erneut klar, dass dieser Ase tief gründet, dass er mit Schuld und Ängsten zu kämpfen hat, dass seine Doppelung ihn in eine Identitätskrise stürzt, die auf Läuterung und Neuanfang hinweist. „Ich bin ein Diener der heiligen Zeitlinie“, erklärt Loki sich schon früh in der zweiten Episode gegenüber Mobius. Großer Seufzer!

Glauben Sie ihm kein Wort!

„Loki“, sechs Episoden, bei Disney+, von Michael Waldron, Regie: Kate Herron, mit Tom Hiddleston, Owen Milson, Wunmi Mosaku, Gugu Mbatha-Raw (ab 9. Juni)

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