„Locke & Key“: Horrorserie nach Kultcomic von Stephen Kings Sohn

  • Magische Türöffner, Dämonen und eine trauernde Familie …
  • Netflix zeigt die Verfilmung des Joe-Hill-Comics „Locke & Key“.
  • Dabei stört, dass der Horror mit „Stranger Things“-artigem Humor gekontert wird.
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Dem Bild wohnt ein Zauber inne. Am blauen Winterhimmel stehen Pfirsich- und Lavendelwolken, als die Lockes ihrem neuen Zuhause entgegenfahren. Die Teenager Tyler (Connor Jessup) und Kinsey (Emilia Jones) wären viel lieber in Seattle geblieben, Nesthäkchen Bode (Jackson Robert Scott) mit seiner G.I.-Joe-Actionpuppe nimmt die Ankunft im idyllischen, schneebedeckten Massachusetts leichter.

Die Lockes haben harte Zeiten hinter sich. Der Vater ist tot, erschossen von dem Außenseiter Sam, den er gefördert hatte. Dass ein Neuanfang ausgerechnet in Daddys Elternhaus schwierig werden dürfte, ahnt man. Als man den schwarz-grünen viktorianisch angehauchten Riesenpott aber erblickt, schließt man sich Kinseys spontanem Ausruf „Heilige Scheiße“ an. Hier haust gewiss nichts Gutes. Dass es neben allerhand seltsamen Vitrinen auch Waschmaschine und Trockner gibt, Anzeichen der Moderne also, beruhigt einen nur wenig.

Dem Keyhouse wohnt ein Grauen inne

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Spätestens, wenn der kleine Bode dann in den Schacht im Brunnenhaus „Hallo! Bist du mein Echo?“ hineinruft, und eine Frauenstimme „Ja, das bin ich, Bode!“ zurückruft, weiß man, dass diesem Keyhouse genannten Gemäuer ein Grauen innewohnt und dass man an Mutter Ninas (Darby Stanchfield) Stelle jetzt ganz schnell eine Vierzimmerwohnung in Matheson mieten würde.

Die Brunnenfrau ist ein übernatürliches Wesen namens Dodge. Die Schöne im Schacht möchte an magische, Unverständliches flüsternde Schlüssel gelangen, die im Keyhouse verborgen sind, und die schon der tote Vater Rendell mit seiner Clique benutzte. Den ersten entdeckt der kleine Bode im Armreif seiner Schwester. Mit ihm kann er überall hingelangen.

Ein weiterer öffnet die Tür zu Köpfen (auch zum eigenen), mit einem anderen kann sich die Seele vom Körper befreien und buchstäblich Ausflüge unternehmen. Ein besonders unheimlicher Schlüssel führt hinter die Spiegel, wo man angeblich die Toten treffen kann. Bode ist begeistert, weiht seine Geschwister ein und erkennt, dass die inzwischen dem Brunnen entronnene Dodge ihm die Fundstücke nicht gewaltsam abnehmen kann. Um dennoch in den Besitz der magischen Schmiedearbeiten zu kommen, befreit sie den Killer Sam aus dem Gefängnis. Und der macht sich schnurstracks auf die Reise zu den Lockes.

Literarische Vorlage von Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft

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In der literarischen Vorlage hieß der Flecken Matheson noch Lovecraft, nach dem Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890–1937), der mit seinen extrem düsteren Geschichten Nerven kitzeln konnte wie niemand sonst. Sein Kollege Joe Hill vermag das auch, er ist ein echter Horrorprinz, sein Vater ist der große Stephen King. Hill schreibt Romane („Teufelszeug“, „Christmasland“), Shortstorys und – nach einer herausfordernden Abfuhr von Marvel („Lass es bleiben, Junge“) – eben auch Comics.

Seine Graphic Novel „Locke & Key“ (2009), nach der die gleichnamige, jetzt bei Netflix startende Horrorserie entstand, war ein Bestseller in den USA und Großbritannien. Und so finden sich unter den Machern der Verfilmung ebenfalls bewährte Genrespezialisten. Der ausführende Produzent Andy Muschietti war Regisseur der beiden erfolgreichen „Es“-Filme, und die Showrunner haben sich schon in erfolgreichen Gänsehautproduktionen bewährt: Carlton Cuse etwa war schon Chefplaner von „Bates Motel“, Meredith Averill Produzentin und Autorin des enorm gruseligen „Spuk in Hill House“.

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Grauen wird mit „Stranger Things“-artigem Humor gekontert

So ist kaum zu verstehen, dass das aufziehende Grauen immer wieder mit „Stranger Things“-artigem Humor, mit biestigen Highschoolprimadonnen und nerdigen Teeniefilme-Machern gekontert wird, was der Absicht des Angstmachens zuweilen krass zuwiderläuft. Auch ist die Reaktion der Lockes auf den Einbruch des Irrealen in die Welt nicht annähernd glaubwürdig. Hinter den Spiegeln ist eine Welt, im Brunnen lebt jemand – das geht bei den Lockes ruckzuck klar, alles ganz normal. Wie aber die Erkenntnis des Übersinnlichen am menschlichen Geist rüttelt, ihn zerrüttet, hat zuletzt Toni Collette mustergültig in „Hereditary“ gezeigt.

Außer einer Geschichte über Dämonen und Hexenwerk ist das solide Horrorwerk „Locke & Key“ natürlich auch eine von Schuld und Reue. Wer das Alte nicht loslässt, kann im Neuen nicht ankommen, so die Moral. Die Erinnerung ist das schlimmste Monster. Anders als die Ausgeburten der Hölle ist sie wirklich unbesiegbar.

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