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  • Lockdown-Kritik von Marlene Lufen: Wie viel Wahrheit steckt in dem Instagram-Video oder hinkt die Argumentation der Moderatorin?

Marlene Lufens Lockdownkritik: Wut und Irrtum

  • Die Moderatorin Marlene Lufen stellt den Lockdown infrage und argumentiert mit häuslicher Gewalt und Depressionen.
  • Die Argumentation jedoch hinkt, findet Matthias Schwarzer.
  • Er beobachtet eine zunehmend verzerrte Wahrnehmung der Corona-Problematik.
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Berlin. Die „Frühstücksfernsehen“-Moderatorin Marlene Lufen hat ein sehr erfolgreiches Instagram-Video veröffentlicht, das inzwischen mehr als zehn Millionen Mal abgespielt wurde. Es ist eines dieser Videos aus der Kategorie „Endlich sagt‘s mal einer“, und ungefähr so klingt auch dessen Inhalt.

Lufen kritisiert – grob zusammengefasst –, dass Politik (und zum Teil auch die Medien) beim Thema Corona ausschließlich auf die Infektionszahlen schauen würden, die Symptome des Lockdowns jedoch völlig außer Acht ließen. Als Beispiele nennt Lufen etwa häusliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder und das Thema Depressionen.

Als mögliche Lösung schlägt Lufen vor, etwa Pflegeheime besser zu schützen, gleichzeitig stellt sie den Lockdown infrage.

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Das 14 Minuten lange Video kommt an: Von Motsi Mabuse über Petro Lombardi bis Vera Int-Veen, nahezu die gesamte Promilandschaft äußert sich begeistert in den Kommentarspalten auf Instagram. Am Dienstagabend war Lufen schließlich zu Gast im Instagram-Talk von Dunja Hayali und bekräftigte dort ihre Kritik: Sie habe das Gefühl, „es leiden so viele Menschen“, aber manche würden „gar nicht wahrgenommen“.

Die Argumentation hinkt

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Die hohen Abrufzahlen und der massive Zuspruch machen deutlich, wie sehr Lufen den Zuschauern ihres Videos aus der Seele spricht. Dabei hinkt die Argumentation in dem Clip an einigen Stellen ganz gewaltig – und zeigt gleichzeitig ein ganz anderes Problem auf.

Man kann durchaus argumentieren, dass die Corona-Regeln seit Beginn sehr rational durchgesetzt werden, dass mehr auf körperliche als auf psychische Gesundheit geschaut wird. Es ist aber keineswegs so, als würden die Begleiterscheinungen des Lockdowns nicht oder zu selten thematisiert.

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Im Gegenteil: In unzähligen Fernsehsendungen, Zeitungen und Onlinemedien finden sich auf Anhieb Dutzende Artikel zu Lufens genannten Themen, etwa zu den Auswirkungen des Lockdowns auf die Psyche, auf Familien und über häusliche Gewalt.

Etwas provokanter formuliert: Eigentlich sprechen wir seit Anbeginn des zweiten Lockdowns über nichts anderes als dessen Auswirkungen. Dazu gehören nicht nur die von Lufen angesprochenen Themen, dazu gehört auch die Problematik in den Schulen sowie Einzelschicksale, etwa von Friseuren oder Kulturschaffenden.

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„Wir sind auf einem guten Weg, und wir müssen diesen Weg weiter konsequent bestreiten", sagte Wieler.   © dpa

Covid-Schicksale werden nur selten bekannt

Machen wir doch zur Abwechslung mal ein Gegenexperiment: Wie oft haben Sie in den vergangenen Tagen von Schicksalen gelesen, die nicht mit dem Lockdown zu tun hatten, sondern mit dem Virus selbst? Eigentlich müsste das sehr häufig gewesen sein, denn eigentlich hatten wir in den vergangenen Wochen im Schnitt 1000 Corona-Tote am Tag. Das bedeutet: wahrscheinlich Tausende trauernde Angehörige jeden Tag.

Und klar, natürlich berichten Medien immer wieder über besonders tragische Fälle, etwa wenn junge Menschen oder Prominente an Covid-19 sterben. Das große Abbild der Trauer (zur Erinnerung: 1000 Tote am Tag) ist jedoch weder im Fernsehen noch im Netz zu sehen – und das hat mehrere Gründe.

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Corona wird zum Phantom

Auch die Berichterstattung der Medien ist in der Pandemie eingeschränkt. Journalisten können nicht tagtäglich durch Krankenhäuser laufen, um dort trauernde Angehörige zu interviewen – das wäre (ganz abseits der Pietätsfrage) enorm gefährlich.

Ebenso fehlen die Bilder, die noch im Februar und März durch die Welt gingen. Bilder aus Italien von völlig überlasteten Intensivstationen. Bilder, die uns – dank des Lockdowns – zum Glück erspart bleiben. Und ebenfalls dank des Lockdowns haben noch immer viele Menschen trotz hoher Zahlen bislang keinen eigenen Todesfall in der Familie gehabt.

All das hat zur Folge, dass Corona rund ein Jahr nach seinem Ausbruch zu einer Art Phantom mutiert ist. Etwas, das man nicht sieht, das man nicht erlebt hat, das man nicht greifen kann, etwas, das inzwischen nicht mehr ist als eine tägliche Zahl, anhand derer die Politik unliebsame Regeln beschließt.

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Willkommen im Präventionsparadoxon

Lufen schlägt in ihrem Video nun vor, man müsse die Begleiterscheinungen des Lockdowns mit den Infiziertenzahlen „gegenrechnen“ und schippert damit schnurstracks in Richtung Präventionsparadoxon. Denn nur der Lockdown erlaubt ja überhaupt ein „Gegenrechnen“. Gäbe es keinen Lockdown, wären die Todeszahlen durch Corona so exorbitant, dass wir heute vermutlich ganz andere Dinge diskutieren würden, sofern wir es denn überhaupt noch könnten. Und mal ganz abgesehen davon: Häusliche Gewalt, Gewalt an Kindern und Depressionen wären dann übrigens immer noch da – denn dazu braucht es gar keinen Lockdown.

Natürlich spricht nichts dagegen, im Lockdown auf das Schicksal von Kindern, Frauen, Kranken und Depressiven hinzuweisen. Im Gegenteil: Je öfter, desto besser. Sie jedoch als Argumentation für ein Ende der Corona-Regeln hinzuhalten ist mehr als fragwürdig.

Lufens Video suggeriert, die größte Gefahr für die Menschheit gehe derzeit nicht vom Virus selbst aus, sondern von den Maßnahmen gegen das Virus. Sie lässt außer Acht, dass Kinder auch dann leiden, wenn sie nahe Angehörige an Covid-19 verlieren, wovor sie der Lockdown derzeit bewahrt. Sie suggeriert, Covid-19 betreffe nur Menschen in Pflegeheimen, was ebenfalls nicht stimmt. Sie macht den Lockdown für Suizide oder häusliche Gewalt verantwortlich – als wären Männer außerhalb des Lockdowns weniger gewalttätig oder Depressive weniger suizidgefährdet.

Ein Video, das verunsichert

Bei ihrem Vorschlag, nur noch Pflegeheime zu schützen, lässt Lufen zudem vollkommen die Mutationen außer Acht, die im schlimmsten Fall die Wirksamkeit des Impfstoffs gefährden könnten. Und sie versucht, Schicksale „gegenzurechnen“, die sich nicht gegenrechnen lassen.

Lufen beschreibt ein Bauchgefühl, das zwar gut teilbar ist, aber mit der Realität kollidiert. Und das Schlimmste: Sie publiziert ein Video, das am Ende des Tages niemandem hilft, sondern noch viel mehr verunsichert. Brauchen wir das gerade wirklich?

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