Liv Lisa Fries – „Babylon Berlin“ zeigt die Frau der 20er-Jahre

  • Liv Lisa Fries ist der Star der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ (bei Sky, ab 24. Januar).
  • So, wie ihre Figur Charlotte Ritter die „alten Zwanziger“ samt Flucht und Exzess repräsentiert, steht ihre Darstellerin ein Jahrhundert später für die „neuen Zwanziger“.
  • Fries ist bewusst lebend, suchend, politisch – eine Begegnung mit der Schauspielerin.
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Manchmal passiert es, dass Liv Lisa Fries an seltsamen Orten plötzlich die Frage nach dem Sinn überkommt. Da sitzt sie im schwarzen Cocktailkleid bei der Gala des Europäischen Filmpreises in Berlin. Es ist die soundsovielte Trophäe für „Babylon Berlin“, irgendwann verschwimmt ja alles. Blitzlicht, roter Teppich, Lächeln, Bussi. Aber Fries sitzt da, erzählt sie, und kann einen Gedanken nicht mehr verscheuchen: „Braucht’s das denn? Braucht’s das alles?“

„Jerusalem Post“: „Eine der besten Schauspielerinnen Europas“

Liv Lisa Fries ist 29 Jahre alt. Sie ist die Hauptdarstellerin einer TV-Serie, die in 100 Ländern der Erde läuft. Starfotografin Ellen von Unwerth hat sie für den „Spiegel“ als prototypische Frau des modernen Deutschland fotografiert. Sie sei „eine der besten Schauspielerinnen Europas“, schwärmt die „Jerusalem Post“. Sie spiele „mit unbändigem Überschwang“, befindet „The Irish Times“. Heute startet bei Sky die neue, dritte Staffel. Fries ist die Frau der Stunde. Sie könnte sich feiern lassen.

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„Aber darum geht es mir nicht“, sagt sie. Sie sitzt jetzt in einem Hotel am Kurfürstendamm, ein Hauch von 20er-Jahre-Historie liegt in der Luft, als müsse hier auch ein Fläschchen Absinth stehen und ein schwerer Kristallaschenbecher mit Zigarettenspitze. Und sie wundert sich, dass nicht Krankenpfleger Preise bekommen, sondern sie. „Schauspieler gilt als wahnsinnig anerkannter Beruf“, sagt sie. Sie spricht schnell, konzentriert, die Hände helfen. „Das finde ich irritierend. Es ist eine komische Verschiebung von Werten im Kapitalismus. Es gibt doch viel wichtigere Dinge.“

Fries fühlt Verantwortung, ihre Stimme zu erheben

Das könnte kokett klingen. Kapitalismus. Wichtigere Dinge. Klare Sache: leichte Hybris, falsche Bescheidenheit, typisch Schauspieler. Aber es klingt nicht kokett. Es klingt nach einer Frau, die nicht einsieht, warum Entertainer die Leitfiguren unserer Zeit sein sollen. Und im Grunde ist es ja absurd, dass Leonardo DiCaprio UN-Friedensbotschafter ist und Tom Cruise einen Bambi für Zivilcourage bekam für – ja, für was? Für die Courage, den Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg gespielt zu haben? Also dreht Fries den Spieß einfach um: Sie nutzt ihren Ruhm als Vehikel für Wichtigeres.

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„Ich bin keine Politikerin“, sagt Liv Lisa Fries. „Ich bin auch keine Greenpeace-Aktivistin. Aber in unserer Gesellschaft ist es eben so, dass Menschen Schauspielern zuhören. Das finde ich nicht gut, aber so ist eben das System. Und damit habe ich auch ein Stück weit Verantwortung dafür, in der Notsituation, in der wir uns befinden, meine Stimme zu erheben.“

Arbeit, Leben, Staat neu denken

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Notsituation. Ein strenges Wort. Sie benutzt es sehr bewusst. Fries wurde knapp ein Jahr nach dem Mauerfall in Berlin geboren, am 31. Oktober 1990. Nicht Ruhm ist ihr wichtig, sondern Nachhaltigkeit. Nicht Prominenz, sondern Freiheit zur Kunst. Damit ist sie fast widerwillig zu einer Galionsfigur jener Millennials geworden, für die „Weiter so“ in allen Lebensbereichen keine Option ist. Die Arbeit, Leben, Staat, Sex und Kunst neu denken wollen.

Fries geht auf Fridays-for-Future-Demonstrationen. Sie wirbt für veganes Leben. Für bessere Radwege. Für bewusstere Ernährung. Man müsse „Wohlstand anders denken“. So hat es Fries in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ formuliert. „Wir hatten einen unglaublichen Wohlstand“, schreibt sie da. „Er ist vorbei. Er muss vorbei sein. Wir brauchen einen kompletten Systemwechsel.“

Fries: „Mir geht es nur darum, Mut zu machen“

Fries weiß, dass das alles nach einer urbanen Hipsteridylle klingt, die nicht jeder lebt. „In Berlin hat man natürlich das Gefühl, wahnsinnig viele Menschen leben vegan und fahren Fahrrad. Aber kaum fährt man ein bisschen weiter raus, kennen die Leute nicht mal mehr Hafermilch.“ Sie lacht. „Aber mir geht es nur darum, Mut zu machen.“

Am Set ist sie eine akribische Arbeiterin. Sie will es genau wissen. Wie ihre Füße stehen, wie sie ein Buch hält. Dass sie trotzdem so natürlich wirkt, ist hart erarbeitet. Sie sucht, sie probiert, hadert und zweifelt. Zur Vorbereitung auf „Babylon Berlin“ las sie „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun und „Alles ist Jazz“ von Lili Grün. „Mich interessiert die Möglichkeit, dass ich etwas nicht verstehe.“

Der Durchbruch kam mit einer diabolischen Rolle

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Als Kind sah sie zu Hause mit ihrem Vater „Léon – Der Profi“ mit Jean Reno und Natalie Portman. Da war sie zehn oder elf. Ein Schlüsselerlebnis. Sie ging zum Tag der offenen Tür einer Schauspielschule, knüpfte Kontakte – und spielte ihre erste Rolle mit 16 Jahren gleich in Oskar Roehlers Kinofilm „Elementarteilchen“ von 2006. Die kurze Sequenz fiel der Schere zum Opfer. 2007 stand sie im „Schimanski“-Krimi „Tod in der Siedlung“ neben Götz George vor der Kamera.

Sie lacht. „Neulich hab ich ein Foto von mir und Götz George gesehen, da dachte ich schon: Wow, du bist da ja ein kleines Ding, du!“ Der Durchbruch kam 2011 mit dem ARD-Drama „Sie hat es verdient“. Fries spielt mit diabolischer Kraft eine Jugendliche, die eine Mitschülerin zu Tode quält. Nebenbei schrieb sie ihr Abitur. Ein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft brach sie ab. Zu viele Jobangebote.

Erkenntnis durch Erschöpfung: „Man muss auf sich achten“

Sie spielte eine Mörderin, eine Mukoviszidose-Kranke, die Überlebende eines Amoklaufs, die Ehefrau eines schwulen Mannes, Sophie Scholl, Lou Andreas-Salomé. Irgendwann ging es nicht mehr. „Ich war einfach erschöpft“, sagt sie. Pause. Und die Erkenntnis: „Man muss auf sich achten.“ Zuletzt spielte sie im Kinofilm „Rakete Perelman“ eine Großstadtpflanze in einer ländlichen Künstlerkolonie und in „Prélude“ eine verführerische Musikstudentin.

Mit der US-Serie „Counterpart“ hat sie erste Fühler nach Übersee ausgestreckt. Gerade hat sie „Hinterland“ abgedreht. Im Sommer beginnen die Dreharbeiten zu Detlev Bucks Thomas-Mann-Verfilmung „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Fries spielt die Prostituierte Zaza. Nacktheit? Kein Problem für sie.

„Babylon Berlin“ soll nicht zur Falle werden

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Aber „Babylon Berlin“ soll nicht zur Falle werden. Sie sieht zwar aus wie frisch den 20er-Jahren entstiegen; die Haare wie geschaffen für Wasserwellen, die Augen wie für dunklen Lidstrich, die ganze Physiognomie wie für ein Paillettenkleid. Aber sie will sich nicht abonnieren lassen auf historische Stoffe.

Dabei ist das dichte, pralle Sittengemälde in Wahrheit gar kein historischer Stoff. Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich: eine konfuse Zeit voller zerbröselnder Gewissheiten, diffuse Ängste überall, bis der Ruf nach der Eisenfaust laut wird, der harten, ordnenden Hand. Die neue alte „German Angst“ ist das Leitmotiv von „Babylon Berlin“, die tiefe deutsche Zukunftsskepsis. Wer die Macht über die Ängste hat, zieht die Fäden. Und die Jugend begehrt auf. Die Vergangenheit spiegelt die Gegenwart.

Liv Lisa Fries steht für die neuen Zwanziger

Und so, wie die Figur der jungen Berlinerin Charlotte Ritter die perfekte Repräsentantin der „alten Zwanziger“ ist, steht ihre Darstellerin Liv Lisa Fries ein Jahrhundert später für die „neuen Zwanziger“. Ritter ist das Kind einer Generation des wilden Exzesses, die vor den Zumutungen der Welt in Räusche floh. Fries ist ihre Schwester im Geiste, aber doch ihr Gegenteil: sehr bewusst lebend, suchend, ausprobierend. Flucht ist keine Option, Bessermachen schon.

Gewiss: Pop ist ein mäanderndes Wesen, das immer auch den Gegentrend seiner selbst gebiert. Kurzlebigkeit ist seine Natur. Immer wieder haben sich Künstler schon dem Starkult verweigert. Aktuell etwa Lorde oder Billie Eilish. Parallel blüht Plastikpop mit koreanischen Kitschräuschen und perfekt inszenierten Superstarevents. Aber es gibt erste Indizien, dass die inszenierte Egomanie ihren Zenit überschritten hat.

Der Kardashianismus ist am Limit

Der Kardashianismus – die Lehre vom Ruhm um des Ruhmes willen – ist am Limit. Denn die ichbesessene Selbstliebe liefert keinerlei Antworten auf die drängenden Fragen. Ein neuer Geist zeichnet sich ab, und Stars wie Fries sind die Vorboten des Posthedonismus. Nur 68 Beiträge hat sie bisher auf ­Instagram veröffentlicht. Diese ­„Instagram- und Illustriertenrealitäten sind ja nur Momente“, sagt sie.

Natürlich: Soziales Engagement gehört unter Prominenten schon immer zum guten Ton. Cosma Shiva Hagen setzt sich für fair gehandelte Baumwolle ein, Joachim Król für Tee, Mariele Millowitsch für Orangensaft, Annett Louisan für Schokolade, Hannes Jaenicke für Orang-Utans auf Borneo, Barbara Becker für mehr Tetanus-Impfungen in Laos und Angola. Und Frank Zander lädt Obdachlose zum Weihnachtsessen ein.

Fries fährt lieber Fahrrad als Auto

Neu ist aber bei vielen Millennial-Stars, dass die Sorge um den Zustand der Welt kein sinnstiftender Bonus mehr ist, kein löblicher Appendix zur Karriere also, sondern integraler Bestandteil des Lebens selbst. Sie nutzen nicht soziales Engagement zur Mehrung ihres Ruhms, sondern ihren Ruhm als Werkzeug für die gute Sache. Während DiCaprio auch mal 12.000 Kilometer im Privatjet von einem Charity-Event zum nächsten fliegt, hat Liv Lisa Fries nicht mal ein Auto. Sie liebt Fahrradfahren. Sie telefoniert mit einem Handy aus der Steinzeit der Mobiltelefonie. Die neuen Stars hadern mit der Oberflächlichkeit ihrer Branche, mit dem „Aufgeblähten und Euphorischen“ (Fries). Nicht Eitelkeit treibt sie an, sondern Nachdenklichkeit.

„Scheiß auf Hype und auf Fame / mach das Internet kaputt“, singt Rapper Cro (27). „Es wird Zeit für bisschen Liebe.“ Er ist nicht allein. „Ich träume davon, dass meine Generation aufwacht“, sagte Schauspielerin Emilia Schüle (27, „Jugend ohne Gott“) der „Zeit“. „Ich träume von einer Jugend, die sich nicht zudröhnen lässt, sondern versucht, die Welt besser zu machen.“

Die 20er-Jahre sind auch diesmal eine Aufbruchszeit

„Ich finde, dass die mächtigen Nationen endlich damit aufhören sollten, Dritte-Welt-Länder auszubeuten“, sagt auch Emma Watson, 29 Jahre alt wie Fries. Der „Harry Potter“-Star ist inzwischen fast mehr als UN-Sonderbotschafterin unterwegs als als Schauspielerin.

Die 20er-Jahre als Zeit des Aufbruchs – das galt 1920 ebenso wie 2020. Etwas verändert sich. Die neuen 20er-Jahre „läuten eine Ära des Protests ein, dazu wird auch Rebellion gegen die digitale Verdummung gehören“, sagte Zukunftsforscher Matthias Horx gerade dem Magazin „Horizont“. Fries ist ein prägendes Gesicht dieser Kulturevolution. Und sie bleibt wachsam.

Abends ist wieder mal roter Teppich

„Bekanntheit ist eine tückische Sache“, sagt Fries. „Man muss darauf achten, dass man nicht zum passiven Objekt wird, sondern handelnde Person bleibt. Ich möchte mir meine Subjekthaftigkeit bewahren.“ Kurze Denkpause. „Gibt’s das Wort?“ Sie lacht. Jetzt gibt es das Wort. Dann muss sie los. Sich aufbrezeln lassen. Abends ist roter Teppich. Schon wieder.

Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ ist ab 24. Januar immer freitags in Doppelfolgen ab 20.15 Uhr bei Sky zu sehen (parallel auf Sky Ticket, Sky Go und über Sky Q auf Abruf). Ab 21. Februar ist die komplette Staffel auf Abruf erhältlich.

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