„Lisey’s Story“ bei AppleTV+: Dann doch lieber der Roman von Stephen King

  • Mit „Lisey‘s Story“ schrieb Stephen King 2006 einen Horrorroman aus Liebe zu seiner Ehefrau Tabitha.
  • Bei AppleTV+ startet heute (4. Juni) eine achtteilige Miniserie über eine Frau, die die Trauer um ihren Mann, einen berühmten Autor überwinden und zu sich selbst finden muss.
  • Selbstverständlich bekommt es Lisey (Julianne Moore) mit Monstern zu tun.
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Hier kommt „Lisey’s Story“, so jedenfalls gibt es der Titel der neuen AppleTV+-Serie vor. Die Witwe eines Schriftstellers ist hier Protagonistin, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes will sie aufräumen, den Nachlass sortieren, die Trauer ablegen. Verdrängtes und Halbvergessenes stehen da freilich bald Schlange, in Rückblenden erlebt der Zuschauer innige Szenen einer Poeten-Ehe. Und schließlich klingelt das Telefon bei Lisey und ein Wahnsinniger sagt: „Hallo!“

Loslassen geht bei King nur auf die unheimliche Art

Loslassen geht nur auf die unheimliche Art für Lisey Landon, denn sie ist eine Figur von Stephen King. Deren Namen man nicht etwa Lizzy ausspricht wie in Larry Williams‘ Song „Dizzy Miss Lizzy“ – obwohl Liseys Leben richtig kopfsteht und sie sich taumelnd (dizzy) fühlt. Sondern Li Si wie die nette Prinzessin in Michael Endes Märchen von „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“.

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Liseys Geschichte also. Aber was soll das für eine Geschichte sein? Lisey ist keine Märchenprinzessin, auch keine Magierin oder Autorin. Jim Dooley, der nach eigenem Bekunden größte Fan ihres toten Mannes Scott, wirft ihr ihr Nichts-Besonderes-Sein direkt ins Gesicht: „Sie haben nichts getan, außer ihm das Bett zu wärmen.“

Da fängt sie auch noch an, sich zu rechtfertigen. Nein, es ist nicht Liseys, sondern Scotts Story, die wir in den acht 50-minütigen Folgen im Detail ausgebreitet bekommen, bis hinein in die schrecklichsten Geheimnisse seiner Kindheit, die den Funken des Schöpfertums in ihm entzündeten. Die Geschichte von Lisey beginnt erst am Ende dieser Serie. Aber – sie ist dennoch Kings Heldin, die im Lauf von 400 Minuten zu sich selbst finden muss.

Julianne Moore spielt diese Lisey, deren Band zu Scott (Clive Owen war schon in Alfonso Cuarons Science-fiction-Dystopie „Children of Men“ Moores Ehemann)) natürlich fester denn je ist, zu fest. Ihre dem Wahnsinn verfallende ältere Schwester Amanda (Hand aufs Herz – wer erkennt Joan Allen?) braucht zudem ihre Hilfe, was ihre resolute andere Schwester Darla (Jennifer Jason Leigh) vehement einfordert. Und dann ist da noch dieser Professor (Ron Cephas Jones), der glaubt, einen Anspruch auf das unveröffentlichte Werk von Scott zu haben.

Mit Jim Dooleys „Hallo!“ wird das Drama zum Thriller

Als der Akademiker bei Lisey auf Granit beißt, schickt er jenen Dooley (Dane DeHaan) vor. Der verehrt Scott als Gott und ist bald nicht mehr zu bremsen. Die Welt muss „alles“ von Gott lesen dürfen, selbst wenn er, Jim, dafür töten müsste. Er ist der, der „Hallo!“ durch Liseys Telefon murmelt.

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„Lisey’s Story“ ist Kings liebster unter seinen Romanen. Vielleicht der autobiografischste und – wie so viele Erzählungen Stephen Kings – von persönlichen Besorgnissen geflutet. Es ist eine seiner Schriftstellerstorys wie „Shining“ (Angst vor Schreibblockaden) und „Stark“ (Angst vor Verrohung). Wie in „Sie/Misery“ geht es um jene Fans, die jede Grenze überschreiten.

Kings Frau hatte Erfahrungen mit durchgeknallten Stalkern

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Seit der Ermordung John Lennons im Jahr 1980 fürchtete King sich vor wahnhaften „deep space cowboys“ unter seinen Anhängern. Im April vor 30 Jahren bedrohte einer davon seine Frau Tabitha mit einer Bombe, die sich als Säckchen voller Stifte entpuppte. Mit „Lisey’s Story“ erzählt er seiner eigenen Frau, wie sie weiterleben könnte, sollte er sterben.

Ein weiteres Mal nach „Susannah“ (Teil sechs seines „Turm“-Zyklus) macht er zudem den eigenen Tod zum Thema, der ihn 1999 fast ereilt hätte, als ihn ein unaufmerksamer Autofahrer mit dem Wagen erfasste.

Scotts Story ist nicht Stephen Kings Autobiografie

Es ist natürlich nicht ansatzweise Kings Geschichte, die in Erinnerungen von Elizabeth Landon wach wird. King hat weder seinen Vater getötet wie Scott, noch bei der Exekutierung eines Bruders geholfen. Lisey, die durchs tiefste Tal des Schmerzes muss, als ihr der sadistische Anrufer mit einem Pizzaroller zu Leibe rückt, ist auch nicht Tabitha King. Es gibt auch nicht (obwohl, wer weiß ...) den „long boy“, ein Biest wie aus den Fieberträumen von Kings Vorbild H. P. Lovecraft, das im fiktiven Boo-Ya-Mond herumstreift, einer Parallelwelt, die der Dichter Scott Landon nach der „Infektion“ mit einem Familienfluch durch Konzentration erreichen kann und die zugleich Tankstelle der Fantasie und Checkpoint der Toten auf dem Weg in die Ewigkeit ist.

Obwohl man sich diese Twilight Zone durchaus als den Ort denken kann, an dem King all seine Kongs gefunden hat. All das Ungeheure, das seit 30 Jahren niemand besser und glaubwürdiger in unsere Gegenwart zu versetzen vermag als er.

King hat kein Glück mit Drehbüchern

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Der chilenische Regisseur Pablo Larraín, der 2015 mit dem Film „El Club“ über ein Haus reüssierte, in dem des Missbrauchs überführte Priester leben, hat alle acht Folgen inszeniert. Das hätte eine große Serie werden können.

Hätte der Autor nicht selbst das Drehbuch geschrieben. So magisch er auch mit seiner Prosa zu fesseln weiß, so glücklos sind meist seine Skripts für bewegte Bilder gewesen, wie frühere Versuche von „The Stand“ (1994) über seine Neuversion von „Shining“ (1997) bis „Haus der Verdammnis“ (2002) zeigen. Auch diesmal misslingen ihm Figuren, sind uneinheitlich (Amanda), bleiben unterentwickelt (Dashiel) oder geraten zunehmend lächerlich in ihrem absurden Furor (Dooley).

King, Freund der exorbitanten Länge, der selten Bücher von unter 700 Seiten veröffentlicht, hegt nicht von ungefähr Liebe zu den Streamingdiensten, zum neuen Fernsehen, das seine Romane nicht auf zwei Stunden verdichtet wie das Kino, sondern ihnen acht bis zehn Stunden Erzählzeit gewährt.

Liseys Geschichte hat das nicht gutgetan. Allein der Epilog dauert fast eine Stunde. Nichts Schlimmeres aber gibt es als Zeit, mit der Erzähler nichts anzufangen wissen und mit der sie dem Rezipienten buchstäblich auf den Zeiger gehen. Wenn die drei Schwestern im Regen herumhopsen und gemünzt auf den irren Dooley kreischen „Let’s fucking kill him!“ und die eben noch tragisch katatonische Amanda im Anschluss „einen Cheeseburger und Pommes, wie ich sie mag“ einfordert, ist man zudem froh, dass ein Drittel der Episode durch die Neigung des Personals zu Flüstern und Gemurmel (Scott, Scotts Vater, Amanda, Dooley) nahe der Unverständlichkeit bleibt.

Plus: Der Iraner Darius Khondij („Delicatessen“, „Sieben“) liefert zwar grandiose Bilder, aber den Schnitt verwirrend zu nennen wäre eine Untertreibung. Und für die Titelmusik hat sich der Brite Clark wohl einmal zu oft Ramin Djawadis Score zu „Westworld“ angehört.

Immer wieder gibt es gelungene Filmstrecken

Immer wieder gibt es in dieser Serie freilich Strecken, da erfassen einen wohlige Schauer, da wird man bestens unterhalten von Kings Zwei-Welten-Lovestory. Dann ahnt man, was aus ihr mit drei Episoden weniger und einem anderen Drehbuchautor (etwa Richard Price von „The Outsider“) hätte werden können. Manchmal sind die Filmemacher Larraín und King auch so gut wie der Horrorromancier King, dann stechen sie mit spitzem Lichtstrahl in die Seelenschatten hinein.

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Und wenn Scott Landons Story dann endet, glaubt man sogar, Liseys salzigen Geschmack des Abschieds im Mund schmecken zu können, als sie das Arbeitszimmer zum letzten Mal schließt und der Truck mit Scotts Nachlass davonfährt. Aber auch dieses Bild erreicht nicht die Größe vom Buchende. „Der Raum seufzte“, setzte King 2006 wohlfeil seine letzten Worte, „dann war er still.“

„Lisey’s Story“, acht Episoden, bei AppleTV+, von Stephen King, Regie: Pablo Larraín, mit Julianne Moore, Clive Owen, Dane DeHaan, Joan Allen, Jennifer Jason Leigh (ab 3. Juni)

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