Linda Zervakis über Schichtdienste bei der „Tagesschau“: „Das hat mein Kreislauf nicht mehr gut mitgemacht“

  • 20 Jahre lang hat Linda Zervakis bei verschiedenen Arbeitgebern im Schichtdienst gearbeitet, zuletzt bei der „Tagesschau“.
  • Am 13. September startet sie nun mit ihrer eigenen Show bei Pro Sieben.
  • Im RND-Interview spricht sie über die Veränderungen, Kritik im Netz und was passieren müsste, damit sie einen Kiosk in Hamburg betreibt.
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Frau Zervakis, wie ruhig schlafen Sie noch vor Ihrer ersten eigenen 20.15 Uhr-Livesendung?

Zervakis: Während ich normalerweise um sechs, halb sieben aufstehe, bin ich zuletzt leider häufiger automatisch um 5 Uhr wach geworden. Es rattert ganz schön in meinem Kopf (lacht).

Worüber denken Sie konkret nach?

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Zwei Stunden Livesendung sind aufregend. Zur „Tagesschau“ ist das schon ein Unterschied. Da wusste ich zwar auch, dass sehr viele Menschen zusehen – aber es waren nur 15 Minuten, und ich konnte mich an einen vorgegebenen Text halten. Nun ist nicht die Sprecherin gefragt, sondern die spontane Moderatorin. Außerdem denke ich viel über die Erwartungshaltung der Zuschauer:innen nach, die sich vielleicht fragen, wofür ich den Job bei der „Tagesschau“ aufgegeben habe. Und dann sind da noch die Medienkolleg:innen, die mich genau beobachten werden ...

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Werden Sie sich denn nach der Sendung googlen?

Ich hoffe, das bleibt mir erspart. Meistens funktioniert es ja eher so, dass Freund:innen einem Nachrichten schreiben mit „Hast du schon gesehen?“. Dann werde ich wohl nicht darum herumkommen, das ein oder andere anzuklicken. Klar ist nur: Twitter lasse ich aus. Das ist nicht so mein Medium.

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Wie gehen Sie generell mit Kritik im Netz um?

Wenn Kritik in Anfeindung umschlägt, dann lösche ich solche Kommentare direkt. Mit echter Kritik setze ich mich natürlich auseinander. Manchmal ist es so, dass man sich zunächst denkt „Frechheit“ und dann beim Nachdenken zu dem Schluss kommt, dass derjenige oder diejenige vielleicht recht hat.

Bislang ist nicht viel über das Format bekannt, können Sie einen kurzen Einblick geben?

„Zervakis & Opdenhövel. Live.“ ist Unterhaltung mit Haltung. Es ist ein Journal, das durchaus tagesaktuell sein kann, aber auch gesellschaftliche, politische oder persönliche Themen nah am Menschen erzählt. Das geschieht in Beiträgen, Aktionen und Talks mit Gästen im Studio. Und wir binden die Zuschauer:innen zum Beispiel auch für Abstimmungen oder Umfragen über die Pro-Sieben-App live mit ein und holen uns die Meinungen auf den Bildschirm ins Studio.

Sie moderieren gemeinsam mit Matthias Opdenhövel. Gibt es bei Ihnen eine Rollenaufteilung?

Wir sind absolut gleichberechtigt, auch thematisch. Das heißt also, dass Sportthemen nicht automatisch Matthias macht – da müssen die Zuschauer:innen dann auch mit mir durch (lacht). Vielleicht ist gerade auch das mal spannend, wenn ich einen anderen Blickwinkel auf Themen liefere, die man sonst eher von Matthias kennt, und umgekehrt.

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Stehen gemeinsam vor der Kamera: Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel. © Quelle: ProSieben/Michael de Boer/ProSie

Bei der „Tagesschau“ mussten Sie auch Nachtschichten machen und am Wochenende arbeiten. Ist der neue Job familienfreundlicher?

Definitiv. Ich habe fast 20 Jahre im Schichtdienst gearbeitet und wache manchmal immer noch nachts auf und denke: „Oh Gott, müsste ich jetzt beim Morgenmagazin sein?“ Manchmal denke ich auch tagsüber: ‚Muss ich heute Abend noch in den Sender?‘ Das bekommt man so schnell nicht weg. Ich genieße es, jetzt einen normalen Tagesablauf zu haben und mir auch die Tage vor oder nach anstrengenden Schichten nicht freihalten zu müssen. Man darf nicht vergessen, dass eine Nachtschicht auch heißt, dass man den Schlaf tagsüber nachholen muss – und man auch den Abend vorher nichts mehr unternehmen kann.

War das auch ein Grund, weshalb Sie mit der „Tagesschau“ aufgehört haben?

Mir war schon länger klar, dass ich nicht mein Leben lang im Schichtdienst arbeiten möchte, weil ich gemerkt habe, dass mein Kreislauf das nicht mehr so gut mitmacht. Immer wenn im Fernsehen etwas über Schlaflabore lief, und welchen Einfluss Schichtdienste auf den Körper haben, habe ich weggeschaltet – ich wollte lieber nicht hören, was ich meinem Körper antue.

Schauen Sie noch die „Tagesschau“?

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Ja.

Sie waren nicht die Einzige, die in den vergangenen Monaten ARD aktuell verlassen hat. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum mit Ihnen gleich drei Kollegen zu den Privatsendern gewechselt sind?

Ich kann nicht für die anderen Kolleg:innen sprechen. Für mich war das kein einfacher Schritt, die „Tagesschau“ zu verlassen. Das habe ich mir sehr gründlich überlegt. Nachdem ich die ersten Gespräche mit Pro Sieben geführt hatte, habe ich noch gesagt: „Das kann ich auf keinen Fall machen.“

Und dann haben Sie es doch gemacht.

Ja, danach hat es angefangen, in mir zu arbeiten. Mir hat einfach eine „Spielwiese“ gefehlt, die ich früher mal hatte. In drei, vier Jahren hätte ich vermutlich nicht mehr den Mut gehabt, das Pro-Sieben-Angebot anzunehmen.

Warum?

Ich wäre dann zu sehr Gewohnheitstier geworden. Je länger man einen Job macht, desto weniger traut man sich, ihn zu verlassen. Man wird bequem und irgendwann immer unbeweglicher.

Dafür ist der Job bei einem Privatsender, der auf die Quoten guckt, vermutlich weniger „sicher“ als der bei der „Tagesschau“.

Da denke ich aber auch: Wenn es nicht klappt, mache ich was anderes. Ich bin sicher, dass immer irgendetwas anderes kommt. Und zur Not kann ich auf meine Kioskerfahrung zurückgreifen. Ich würde dann einfach einen Späti in der Schanze in Hamburg aufmachen. Da erlebt man bestimmt einiges (lacht).

Was würden Sie gern am Morgen nach der ersten Sendung über sich lesen?

„Hat sie gut gemacht.“

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