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Lernen von „Sex Education“: Wie Netflix und Co. die Serienlandschaft bunter machen

  • Vor 20 Jahren bestanden Teeniekomödien vor allem aus weißen, heterosexuellen Charakteren.
  • Heute zeigt Netflix mit Serien wie „Sex Education“, dass es auch ganz anders geht.
  • Wie die Streamingdienste Diversität vorantreiben – und wo es trotzdem noch hapert.
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Hannover. Ein kurzer Moment im Sommer 2015 verändert das Leben von George Robinson grundlegend. Während eines Rugbyspiels geht ein Tackle schief, wenig später liegt Robinson im Krankenhaus. Auf Instagram hat der damalige Schüler den Moment auf einem Bild festgehalten. Das eine Foto zeigt ihn kurz vor dem Spiel, das andere kurz danach, im Bett, an Schläuchen. Robinson hatte sich während des Spiels das Genick gebrochen, er sitzt heute querschnittsgelähmt im Rollstuhl.

Ncuti Gatwa hat während seiner Schulzeit andere prägende Erfahrungen gemacht. Als er und seine Familie während des Völkermords 1994 von Ruanda nach Schottland ziehen, gehören sie zu den „drei schwarzen Familien in ganz Edinburgh“, wie er heute sagt. Als Teenager sei er rassistisch gemobbt worden, etwa von einer Gruppe Jungs, die sogar eine Hetzseite über ihn im Netz veröffentlichten.

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Und auch Aimee Lou Wood berichtet von derartigen Momenten während ihrer Schulzeit. Gegenüber dem „Guardian“ spricht die heute 25-Jährige von Mobbingattacken aufgrund ihres Aussehens. Besonders ein Junge habe sie ständig aufgezogen, weil ihre Zähne nicht der Norm entsprachen – der Name „Bugs Bunny“ soll gefallen sein. Ihren Peiniger habe sie später als Erwachsene mit seinen Aussagen konfrontiert.

Anders sein und Mut machen

Robinson, Gatwa und Wood haben neben ihrem bewegenden Schulalltag noch etwas anderes gemeinsam: Sie sind heute erfolgreiche Schauspieler. In der britischen Netflix-Serie „Sex Education“ spielen sie wichtige Rollen – und machen den Cast der Serie zu einem der diversesten, die man überhaupt auf einer Streamingplattform finden kann. Drei Schauspielerinnen und Schauspieler abseits des Mainstreams und mit erstaunlichen Biografien, die heute Teenagern Mut machen und ihnen vermitteln, dass sie schon okay sind, wie sie sind.

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Tatsächlich ist „Sex Education“ diese Art von Serie, die man sich als Schüler vor 20 Jahren selbst gewünscht hätte. Damals, als Sex-Trash-Filme wie „American Pie“ noch für gute Teenagerunterhaltung gehalten wurden. In „Sex Education“ ist die Handlung zwar recht ähnlich – wieder sind hormongesteuerte Schüler das übergeordnete Thema. Und doch wird die Thematik ganz anders erzählt.

Gatwa beispielsweise spielt in der Serie die Figur Eric, den besten Freund von Hauptfigur Otis Milburn (Asa Butterfield), der nicht nur schwarz, sondern auch schwul ist. Die Art und Weise, wie sein Charakter in der Serie gezeichnet wird, findet Gatwa selbst bemerkenswert: „Wenn wir schwule Charaktere im Fernsehen sehen, sind sie nur irgendwie schwul, um schwul zu sein“, erklärt er die Problematik gegenüber dem „Independent“. Aber: „Niemand ist nur schwul. Menschen sind Menschen, und wir alle fallen ins Spektrum.“

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Schwule Charaktere und Rollstuhlfahrer

Gatwa begrüße es daher, dass Eric „seine eigene Geschichte und seine eigene Reise“ in der Serie hat. Seine Figur darf in einer Produktion, die eben nicht explizit als LGBT-Format ausgewiesen ist, all das durchleben, was ein schwuler Teenager eben so durchleben muss: das ständige Hadern mit sich selbst, die Ängste seiner Familie, Mobbingattacken in der Schule, zerbrochene Freundschaften, Gewalterfahrungen und Liebeskummer.

George Robinson hat seinen ersten Auftritt erst in Staffel zwei der Netflix-Serie. Er spielt Isaac, den neuen Nachbarn von Hauptdarstellerin Maeve (Emma Mackey), der – wie auch Robinson selbst – im Rollstuhl sitzt.

Dass Isaac praktisch dauerhaft auf die Hilfe seines Bruders angewiesen ist, wird in der Serie weder geschönt noch aufdringlich in Szene gesetzt. Isaac ist einfach da, spielt doofe Streiche wie jeder andere Teenager und geht mit Maeve auf Partys. Und wenn er dort eine Treppe nicht herunterkommt, dann packt das Sportteam der Schule kurzerhand mit an. Diese kleinen Zeichen der Kollegialität, der Normalität des Andersseins und des Mutmachens finden sich immer wieder in der Serie – und zwar ohne die Probleme, die unterrepräsentierte Gruppen zweifelsohne haben, totzuschweigen.

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Wie das echte Leben

Der beliebteste Schüler und Schwimmstar der Moordale Highschool, Jackson (Kedar Williams-Stirling), hat ganz selbstverständlich lesbische Eltern, eine seiner Mütter ist weiß, die andere schwarz. Im Team der Rich-Kids befindet sich ebenfalls ein schwuler Charakter, und niemand hinterfragt das. Und auch rein äußerlich setzen die Macher von „Sex Education“ auf ein diverses Ensemble: An der Moordale Highschool gibt es dicke und dünne Schülerinnen, nicht weiße Schüler, Schüler mit komischen Frisuren, Mathe-Nerds und Cosplay-Girls, und eben auch Schülerinnen mit Hasenzähnen.

Das Überthema der Serie, nämlich Sex, wird ebenso klug angefasst. Wenn Otis und dessen Mutter Jean Milburn (Gillian Anderson) die Teenager der Moordale High therapieren, lässt man von Masturbation bis zum Scheidenkrampf praktisch kein Tabuthema aus, und selbst Themen wie Asexualität werden behandelt. All das stets mit einem Tenor: Was auch immer du tust und wie auch immer du dich fühlst, du bist okay so.

Themen wie Depressionen, Angststörungen oder sexuelle Übergriffe werden schonungslos dargestellt, wirken aber niemals überzeichnet. Und zu keiner Zeit hat der Zuschauer das Gefühl, ein Thema werde nur der Diversität wegen angeschnitten: „Sex Education“ versucht nicht gekünstelt, divers zu sein, „Sex Education“ fühlt sich an wie das echte Leben – oder zumindest wie das echte Leben von Teenagern, die eben nicht alle weiß, schlank, hübsch und heterosexuell sind.

Produzenten haben mehr Freiräume

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Die Serie „Sex Education“, die voraussichtlich im Herbst in die dritte Staffel geht, steht symbolisch für einen Trend, der sich auf den Streamingdiensten schon länger beobachten lässt: mehr Diversität. 52 Prozent der Netflix-Filme und -Serien in den Jahren 2018 und 2019 hatten bereits Mädchen oder Frauen in Hauptrollen, hat kürzlich eine Studie analysiert. Auch schwarze Charaktere tauchen hier deutlich häufiger auf als in Produktionen von klassischen Filmstudios. Das gelte übrigens auch für das Personal hinter der Kamera.

Produktionen aus früheren Jahrzehnten wirken im Vergleich wie aus der Zeit gefallen, Stichwort „American Pie“: Hier kämpft eine fast ausschließlich weiße und heterosexuelle Gruppe von Teenagern mit den Tücken der Entjungferung. Und in der Ära der Teeniehorrorfilme („Scream“, „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“) waren es selbstverständlich immer heterosexuelle junge Pärchen, die mit ihren Intrigen, Eifersucht und Beziehungsproblemchen zu kämpfen hatten und schließlich den Messermördern in die Arme liefen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar.

Grund für die vermehrte Diversität in Serienproduktionen könnte sein, dass Streamingdienste wie Netflix, Amazon und Co. ihren Produzentinnen und Produzenten deutlich mehr Freiräume lassen und damit die Serienlandschaft nachhaltig verändern. Die Drehbuchautorin Christine Heinlein, die bei der Netflix-Produktion „Wir sind die Welle“ mitgeschrieben hat, erklärte etwa der „Süddeutschen Zeitung“ im November, dass die Abnahme von Serien bei den Streamingdiensten deutlich unkomplizierter sei als bei klassischen TV-Sendern.

Die bemühte Diversität

Diese neuen Freiräume führten auch zu mehr Diversität: „Man muss nicht mehr begründen, wenn man eine schwarze Figur in der Geschichte haben will: Warum ist die schwarz, was will man damit erzählen? Das hat sich total geändert, vielleicht ist die Figur einfach schwarz, ohne Klischees erfüllen zu müssen.“ Diese Art von Selbstverständlichkeit würde „die Handbremse lockern, die man selbst im Kopf“ habe. Die Teams würden zu mehr Diversität ermuntert, aber eben „nicht als Muss“.

Und doch wirkt eine Serie wie „Sex Education“ auch im heute sehr diversen Streamingzeitalter noch immer wie etwas Besonderes. In vergleichbaren Teenieproduktionen wie etwa „Riverdale“, „Teen Wolf“ oder „Tote Mädchen lügen nicht“ bemüht man sich zwar um Diversität, aber ebenso sieht es dann häufig auch aus: bemüht. Nerds, homosexuelle oder nicht weiße Charaktere bleiben am Ende häufig unwichtige oder tragische Nebenfiguren. Die Hauptdarsteller haben praktisch standardmäßig Sixpack und muskulöse Oberarme, die Hauptdarstellerinnen Modelmaße, alle sehen blendend aus.

In deutschen Teenieserien wie etwa „Dark“ kommt Homosexualität allenfalls dann vor, wenn man in irgendwelchen Wohnwagen auf abgelegenen Parkplätzen etwas Verruchtes darstellte möchte – fast so wie in den Neunzigerjahren. Selbst in „How to Sell Drugs Online (Fast)“, das erstaunlich nah an der Wirklichkeit von Teenagern ist, bleibt ausschließlich Platz für heterosexuelle Liebesgeschichten. Immerhin: Mit Lenny (Danilo Kamperidis) wird hier ein Charakter im Rollstuhl gezeigt.

Das Problem steht hinter der Kamera

Auch Forscherinnen und Forscher der Universität Rostock haben festgestellt, dass der Schein bei den Streamingdiensten oftmals trügt. Gerade in deutschen Produktionen von Netflix, Amazon Prime, Sky und anderen Streamingdiensten seien rund 89 Prozent der Figuren noch immer weiß, heißt es in der Untersuchung. Menschen mit Migrationshintergrund, die rund ein Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung bilden, sind laut der Studie deutlich unterrepräsentiert.

Auch international hapere es noch an vielen Stellen. Zwar gebe es einzelne, mit Tamtam ausgerollte Leuchtturmprojekte wie die von Amazon produzierte Serie „Transparent“ über eine Transgender-Identitätsfindung, aber die Masse der Produktionen zeige ein anderes Bild, so die Forscherinnen und Forscher.

Netflix reagiert mit Fördergeldern

Grund dafür sei, dass es auch bei den kreativen Streamingdiensten strukturelle Probleme hinter den Kulissen gebe. So führten bei den deutschen Eigenproduktionen der Streamingdienste etwa in 93 Prozent der Fälle Männer die Regie, die Drehbücher stammten zu rund 89 Prozent von Männern.

Genau dem wollen die Streamingdienste inzwischen aber auch aktiv entgegenwirken. Netflix hatte kürzlich angekündigt, 100 Millionen in die Förderung von Talenten aus „unterrepräsentierten Gruppen“ zu investieren. Netflix-CCO Theodore Sarandos begründete diesen Schritt ganz direkt mit einer kürzlich erschienenen Studie, die offenlegte, dass Netflix in einigen Bereichen noch Diversity-Lücken habe.

Das Geld solle künftig in Formate fließen, an denen insbesondere LGBTQs, People of Color sowie Menschen mit Behinderungen beteiligt waren – sowohl vor als auch hinter der Kamera. Eine Serie wie „Sex Education“ könnte in Zukunft also weniger die Ausnahme sein, sondern eher der Regelfall.

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