Lang lebe der Plattenbau – die deutsche Horrorserie “Hausen”

  • Regisseur Thomas Stuber hat für Sky die Horrorserie “Hausen” (streambar ab 29. Oktober) realisiert.
  • Das hässlichste Plattenbauhochhaus der Welt verschafft Zuschauern eine nachhaltige Halloweendepression.
  • Charly Hübner und Tristan Göbel in einem düsteren Spuk, der gelegentlich an Stanley Kubricks “Shining” erinnert.
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Es gibt Menschen, zwischen denen ist keine Nähe, auch wenn die Blutsbande sie zu einander Nächsten machen. “Du nimmst das, ich schlafe hier” – der Tonfall zwischen Jaschek Grundmann (Charly Hübner) und Sohn Juri (Tristan Göbel) ist knapp, barsch. Der Vater ist der neue Hausmeister in einem Plattenbauturm in Hausen, einem Irgendwo im Osten mit dem womöglich häufigsten Ortsnamen in Deutschland.

Was ein Neubeginn für die beiden sein soll, trägt eher die Anzeichen einer Flucht. Ein Bild wird in der fast leeren Wohnung aufgestellt, auf dem drei Menschen in verschiedene Richtungen blicken, später wandert es im Müllschlucker. Die dritte Person, offenbar die Ehefrau und Mutter, ist nicht mitgekommen. Was mit ihr ist, wird zunächst beschwiegen. Später heißt es, sie sei tot. Die beiden Männer, Protagonisten der neuen Sky-Serie “Hausen”, tragen ein Geheimnis mit sich herum.

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In diesem Bau kann keiner wohnen wollen

Juri und Jaschek kommen bei Nacht an und als stecke es in einer andere Welt fest, schimmert der schwarzgraue Monsterbau aus dem Nebel hervor, mit ein paar über die Stockwerke verteilten gelben Fensteraugen, weil ja in jeder Nacht irgendwer keinen Schlaf findet. Alles ist abweisend, abgewirtschaftet und verwahrlost, der Putz blättert im Foyer, keine Farbe hier, die nicht verblichen oder von Gilb und Grauschleier unkenntlich gemacht wäre. Hier kann niemand ernsthaft wohnen wollen, deshalb betrachtet man als Zuschauer die Ankömmlinge ebenso ungläubig wie die blonde Frau (Lilith Stangenberg), die gerade ihren Briefkasten leert. Ihre Bewegungen sind fahrig, ihre Stimme ist apathisch, als rede sie aus einem Traum heraus. Später erfährt man, dass sie ein Baby und einen Mann hat, noch später geschieht etwas Schlimmes mit dem Kind.

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“Hausen” ist eine deutsche Horrorserie – Atmosphäre ist alles. Hier kraucht eine Ratte in den Wänden, dort fährt die Kamera durch Schächte und leere Flure entlang. Eine Tür fliegt ohne erkennbare Ursache auf, ein Licht erglüht, aus dem Heizkörper fließt ein schwarzer Brei wie eine Schlange über den Boden, das übel schmeckende Wasser steht gelblich trüb in den Gläsern und der Keller wirkt irgendwie organisch. Nebel scheint zudem jeden Raum zu durchdringen. Das komplette Arsenal des Schreckens wird von Regisseur Thomas Stuber, Kameramann Peter Matjasko und gleich fünf Autoren aufgefahren – nicht immer plausibel, gelegentlich über Gebühr, durchaus das Gemüt des Betrachters bedrückend.

Der Plattenbau verweist natürlich auf die bevorzugte DDR-Hausbauweise und erscheint hier auch als Hort der von aller Prosperität Abgeschnittenen, die in den Ruinen einer untergegangenen Welt verbleiben müssen. Aktuelle Bezüge bleiben auf eine Familie reduziert, die aus der linken Diktatur nach rechts gesprungen zu sein scheint – Tochter mit Zöpfen, semmelblonder Sohn: “Der 88. Stock hält dir den Rücken frei”, wird Jaschek mit der Heil-Hitler-Chiffre konfrontiert.

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Sonst gibt es in den ersten Episoden kaum einen Hinweis auf die Handlungszeit. Die Außenwelt existiert nur in Andeutungen – Schule, Polizei, Wald, Wartungsfirmen. Stubers Ausbund an architektonischem Sadismus erscheint abgekoppelt vom Irdischen – als Sphäre, Zwischenwelt, ein Gefängnis, aus dem Menschenseelen, die ihren Tod nicht bemerkt haben, auf Abholung, Erlösung, Godot warten – ähnlich wie es in M. Night Shyamalans “Sixth Sense” war. Hier ist die Serie zu Pandemie, Lockdown, zweiter Welle et cetera. Man blickt auf eine Quarantänegemeinschaft ohne zeitliche Begrenzung – derzeit der untoppbare Horror.

Hausmeister im unwirklichen Haus – Deutliche Bezüge zu Stanley Kubricks “Shining”

Die deutlichsten Bezüge hat “Hausen” zu Stephen Kings respektive Stanley Kubricks “Shining”. Auch Jack Torrance (ikonisch: Jack Nicholson) war der neue Hausmeister in einem giftigen Haus, das Spukgebilde auf seine Flure zu zaubern vermochte, das labile Bewohner an sich band, lähmte und mit Halluzinationen verdarb. Während das Haus Jaschek unmerklich vereinnahmt, der ein Aufräumer, Ordnungsschaffer, guter Mann ist, und auch wegschauen kann, bleibt der aufbegehrende Juri wachsam gegenüber dem Paranormalen, setzt sich zur Wehr, will das lebende Haus besiegen.

Die Charaktere bleiben dem Zuschauer jedoch nach den ersten beiden Episoden (von acht) noch fremd, zweckgebundene Figuren, die einen Albtraum bevölkern müssen. Auch mit Hübner und Göbel wird man noch nicht richtig warm. Geworben wird von Sky zwar mit dem Veröffentlichungszeitpunkt Halloween – aber “Hausen” ist nicht vergleichbar mit anderen, konventionelleren Gruselangeboten wie “Swamp Thing” (auch Sky), “The Walking Dead: World Beyond” (Amazon Prime Video) oder “Spuk in Bly Manor” (Netflix).

Das hier ist Tiefenhorror, dick aufgetragen, deprimierend, ohne jede Erleichterung. Ein Grauen, das näher an David Lynchs “Eraserhead” liegt als an klassischen Geisterhausgeschichten. Wer das Fratzenkürbisfest 2020 nach dem Süßes-oder-Saures-Spaziergang mit dieser Serie ausklingen lässt, der geht garantiert ohne Lächeln zu Bett.

“Hausen”, acht Episoden, bei Sky, Regie; Thomas Stuber, mit Charly Hübner, Tristan Göbel, Lilith Stangenberg, (ab 29. Oktober)

RND

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