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„L’Ora – Worte gegen Waffen“ – bei Sky kämpft eine Zeitung gegen die Cosa Nostra

Medien gegen Mafia: Der neue Chefredkteur von „L’Ora“, Antonio Nicastro (Claudio Santamaria), eröffnet den Kampf gegen Siziliens Cosa Nostra.

Küsst jemand in Mafiafilmen die Hand eines Mannes, dann ist dies stets eine Geste bedingungsloser Treue und Gefolgschaft. Der unrasierte Schäfer mit den traurigen Augen hat gerade die Hand des Chirurgen geküsst, der ihm die Nachricht vom Tod seines Sohnes überbracht hat („Wir haben alles getan“). Die Mutter dagegen hat gewagt, den Arzt darauf hinzuweisen, dass ihr Kind „erst elf Jahre alt“ war. Sie hat alles verloren, warum also soll sie nicht vor dem Lügner in Weiß ausspucken? Kurz zuvor war der strampelnde, offenbar kerngesunde Junge in einen Ambulanzwagen gezerrt worden. Er hatte gesehen, was mit Bastiano Perrotta passiert war. Und deshalb musste er sterben.

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Der Gewerkschaftssekretär Perrotta hatte sich für die örtlichen Bauern engagiert. War mit ihnen auf die brach liegenden Felder der Großgrundbesitzer gezogen, die diese bebauen wollten. Und gilt nun als „verschwunden“. Domenico Sciamma (Giovanni Alfieri), ein junger Mann aus dem Städtchen Corleone, der Journalist werden will, trifft mit der Nachricht in der Redaktion von „L‘Ora“ in Palermo ein. Und wird auf die Spur Perrottas angesetzt.

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Und so fragt Sciamma den Arzt unverblümt, wie der Junge gestorben ist. Das Herz habe zu schlagen aufgehört, erwidert der. Und wendet sich ab, worauf zwei Schlägertypen übernehmen. Niemand habe hier Fragen zu stellen, und um diese Drohung zu unterstreichen, zertrümmern die Haudraufs die Kamera des jungen Fotografen Niccolo (Giampiero De Concilio). Scheinbar gescheitert kehrt das Team in die Redaktion zurück.

Die Serie zeigt mutige Journalisten im Dienst der Wahrheit

Der neue, aus Rom „billig“ eingekaufte Chefredakteur von „L‘Ora“, deren letzte Stunde wegen zu hoher Kosten und minimaler Erlöse geschlagen zu haben scheint, sieht in dem Vermisstenfall eine Chance für das Blatt, das er von seiner kaum verhohlenen prokommunistischen Ausrichtung in eine weltanschaulich neutrale, der Wahrheit verpflichtete Tageszeitung verwandeln will. Antonio Nicastro (Claudio Santamaria) lässt sich auf einen gefährlicher Kampf gegen Siziliens allgewaltig-selbstherrliche Mobster ein.

„Worte gegen Waffen“ ist der Untertitel der italienischen Thrillerserie, die den Zuschauern auch zeigt, was das heute aus Dummheit oder Berechnung gern diffamierte Medium Tageszeitung vermag. Journalismus ist ein Job für Mutige im Dienst der Wahrheit.

In der Luft schweben die Geister von Hunderten Zigaretten

Die zehnteilige Serie, die ab 19. Januar bei Sky zu sehen ist, ist voll nostalgischer Bleisatz- und Leuchttischmagie. Die Journalisten hacken in kolossale Schreibmaschinen, lassen die schweren Walzen wieder und wieder bis zum klingelnden Anschlag sausen. Sie schwatzen, schwadronieren und schreiben in schäbigen Redaktionsräumen, die Möbel sind hässlich und dunkel, in der Luft schweben die milchigen Geister von Hunderten Zigaretten. Marcello Grisanti (Maurizio Lombardi), der Mann mit der mechanischen Stimme (er hat keinen Kehlkopf), sieht im Trinken die Quelle der journalistischen Inspiration.

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Und es gibt gute Ratschläge vom alten Hasen zum Jungfuchs – etwa den, sich nicht ewig mit dem Einstiegssatz aufzuhalten. „Schreib einfach aus dem Bauch heraus. Manchmal fällt einem der Anfang erst zum Schluss ein“, meint Grisanti mit Blick auf Sciammas zahllose zerknüllte Seiten auf dem Fußboden. Gute alte papierene Zeit.

Immer schön langsam - Das Stilmittel Zeitlupe wird zu oft genutzt

Deren Umsetzung durch die Regisseure Piero Messina, Ciro d‘Emilio und Stefano Lorenzi erinnert zuweilen an die Filme des italienischen Neorealismus. Wobei die übermäßige Verwendung des Stilmittels Zeitlupe nicht immer funktioniert. Die Langsamkeit wirkt geradezu manieristisch, wenn die Prostituierten Palermos am Tag, an dem Italiens Bordelle für immer schließen sollen, in „Arbeitskleidung“ bei „L‘ora“ aufschlagen wie Königinnen.

Die Inszenierung des Angriffs eines Maschinenpistolenkommandos auf ein Hurenhaus dagegen gelingt im ästhetisch gedrosselten Tempo. Und macht Sinn, denn die Suche nach den Verantwortlichen für die Bluttat eröffnet den Schreibern ein weiteres Feld der Journalistenehre: „Seid ihr müde oder habt ihr Angst?“, fragt Nicastro sein Team. Das sich bald eins ist: keine Bücklinge gegenüber Behörden, die wegschauen, verzögern, absichtsvoll vermasseln und die Lippen auf die Hände der Paten drücken. Die eigenständig erscheinenden Geschichten des Schäfersohns und der erschossenen Bordellchefin erweisen sich dann bald als Teile derselben großen Story.

„L’Ora“ basiert auf wahren Begebenheiten

Auf wahren Begebenheiten beruht diese bis auf den quirligen Trompetenswing des Soundtracks ruhige, wiewohl fesselnde Serie. „L‘Ora“, deren Erscheinen 1992 eingestellt wurde, war zunächst eine bürgerliche, dann eine antifaschistische, faschistische, kommunistische Zeitung, die 1900 von eine Reeder- und Winzerfamilie gegründet worden war. Ihren Ruhm verdankt sie ihrer investigativen Phase unter Vittorio Nistico (so hieß der Chefredakteur wirklich), die sich ab den späten Fünfzigerjahren gegen die sizilianische Cosa Nostra richtete, eine Organisation, die bis dato in den Medien kaum Erwähnung gefunden hatte.

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Ans Licht kam ein brutales und grausames Schattenregime, dessen Klaue an den Gurgeln Hunderter einflussreicher Menschen in Italien lag und das mittels seiner mächtigen offiziellen Kollaborateure Fäden zog. In ihren goldenen Jahren wurde „L‘ora“ ein bedeutender Gegner der Mafia. Den man buchstäblich mit aller Gewalt bekämpfte.

Mit der Fünf-Kilo-Bombe, die am 19. Oktober 1958 in der Redaktion gezündet wurde, beginnt die Serie, bevor sie dann zum Anfang des Kampfes zurückspringt. Die Schreiber feiern den Tod eines Gangsters und sind (fast) alle draußen auf der Terrasse, um anzustoßen. Über die Brüstung gelehnt, raucht Nicastro eine Zigarette auf diese gewisse Fünfzigerjahrekino-Weise, die immer aussieht, als könne Inhalieren verbrennenden Tabaks den Scharfsinn verstärken, Instinkte wecken. Er sieht zwei Männer aus dem Gebäude rennen und eilig in einem Auto davonfahren. Und dann kommt der Feuerball und eine glimmende Titelseite schwebt durch das Treppenhaus.

Das Wort, so die Botschaft, hat es schwer gegen die Gewalt. Aber es wird nach jeder Gewalt neu erhoben werden.

„L‘Ora – Worte gegen Waffen“, zehn Episoden, von Ezio Abbate, Riccardo Degni, Claudio Fava, mit Claudio Santamaria, Giovanni Alfieri, Giampiero De Concilio, Maurizio Lombardi (ab 19. Januar bei Sky)

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