Kusshand für Hitchcock: Ein „Rebecca”-Remake bei Netflix

  • Regisseur Ben Wheatley hat Daphne DuMauriers Psychothriller „Rebecca“ (streambar ab 21. Oktober) neu verfilmt.
  • Der Brite schlägt sich gut in der Nachfolge seines Landsmanns Alfred Hitchcock.
  • Und Kristin Scott Thomas ist exquisit als böse Frau im Dienst eines Geistes.
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Manderley sieht in Farbe ja gleich ein wenig trauter aus. Aber man darf sich da nicht täuschen lassen. Das Anwesen ist genauso wenig einladend wie damals in dem bedrückenden Schwarz-Weiß, das Regiemeister Alfred Hitchcock 1940 für die erste DuMaurier-Verfilmung bevorzugte, damals, als das Buch ein Bestseller war. Das Abweisende seiner Mauern ist dabei nichts gegen den Hass der Haushälterin Mrs. Danvers, die der toten ersten Gattin ihres Dienstherrin hinterhertrauert und der neuen Frau an seiner Seite bald schon nach der geistigen Gesundheit und schließlich dem Leben trachtet.

Judith Anderson bot in der Originalverfilmung des damals gerade zwei Jahre alten Romans oscarreife Niedertracht. Und die jüngst verstorbene Diana Rigg, für ältere TV-Semester auf ewig die sexy Emma Peel aus der Kultserie „Mit Schirm, Charme und Melone“, für die Jüngeren die scharfzüngige alte Lady Oleanna Tyrell aus dem unvergleichlichen TV-Spektakel „Game of Thrones“ bekam für ihre eiskalte Danvers-Darstellung in einer britischen Miniserie 1997 den Emmy verliehen. Auch da war Manderley schon, nun ja, bunt wäre zu viel gesagt.

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Am Anfang steht eine heitere Romanze (mit Wölkchen)

Die Neuverfilmung von Ben Wheatley beginnt heiter. Im sonnigen Monte Carlo ist die junge Frau (Lily James), unsere Erzählerin, die wie gewohnt ohne Namen bleibt, Gesellschaftsdame der reichen, lauten und aufdringlichen New Yorkerin Van Hopper (Ann Dowd), die die Nähe zum verwitweten Maxim De Winter (Armie Hammer) sucht.

Dann ist es die kleine, unterschätzte Angestellte, die mit De Winter auf der Hotelterrasse frühstückt. Zwölf Austern bestellt sie auf französisch. Macht mit ihm einen Ausflug. Entlockt ihm ein Lächeln. Bekommt einen Sonnenbrand. Bekommt einen Heiratsantrag. Zauberhafte Bilder einer unschuldigen Romanze, von der Kamera lieblich in Verabredungskärtchen aufgeteilt. Ein Liebesfilm aus der nur halb versunkenen britischen Klassengesellschaft, wären da nicht die gelegentlichen Wolken auf der Stirn von Max, vor allem wenn die Rede auf Rebecca kommt, seine erste Frau. Erinnerungen möchte die Heldin in Flaschen füllen. „Und die traurigen wirft man weg?“ fragt De Winter.

„Wenn Sie einen Mann zwischen Ihren Beinen gefangen nehmen, bleibt er nicht lange bei Ihnen“, wirft ihr Van Hopper eine letzte Gemeinheit hinterher. Zu einsam sei der Mann auf dem alten Haus mit dem alten Geist. Und schon ragt Manderley vor uns in den Himmel. Ein trutziges, graues Landschloss, davor das Defilee der unterkühlten Bediensteten. Und im Haus, in strengem Blau, sich die Hände reibend wie ein seine blutige Mahlzeit taxierender Vampir – Mrs. Danvers. „Sie ist nicht so unheimlich, wie sie aussieht“, beruhigt sie der Ehemann.

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Kristin Scott Thomas als tödliche Kratzbürste

Doch das stimmt nicht – zum Unglück der neues Mrs. De Winter, und sehr zu unserem Glück. Auch Wheatley („Happy New Year, Colin Burstead“, „High Rise“) hat eine hochkarätige Darstellerin in die Rolle der tödliche Kratzbürste schlüpfen lassen: Kristin Scott Thomas, einst selbst romantisch unterwegs im „Pferdeflüsterer“ und im „englischen Patient“, lässt in das kühle Willkommen gleich die ersten Gifttropfen sickern.

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Wie toll alles früher war, wie viele Partys auf Manderley gefeiert wurden, als Rebecca noch lebte, und dass sie die Neue für einen Parvenu hält, unwürdig des gesellschaftlichen Aufstiegs. Scott Thomas lässt Danvers' Schroffheit zur Bedrohlichkeit wachsen. Wie ein Gespenst ist sie auf den nächtlichen Fluren unterwegs, so als schlafe sie nie, so als verfolge sie jede Bewegung des Gasts. Die Zofen tratschen, die Diener werfen Blicke, Maxims senile Großmutter macht eine Szene. Dann wird der Ehemann reservierter, zuweilen gar unwirsch und begibt sich schlafwandelnd zu den Gemächern im Westflügel des Schlosses, dorthin, wo Rebecca residierte. Schließlich stellt Danvers ihre Falle.

Ben Wheatley verbeugt sich vor Hitchcock – mit Vogelschwärmen

Alles ist Geheimnis hier. Und je mehr die Neue über Rebecca in Erfahrung bringt, desto unsicherer wird sie sich in ihrer Rolle, desto größer wird die Distanz zu der Toten, die charismatische Herrscherin, Göttin, Lebensliebe zu sein schien. Wheatley inszeniert seinen Spuk souverän, mit seltsamen Vogelformationen wirft er dem Meister Hitchcock beiläufig eine Kusshand zu. Folksongs da, wo sie nicht passen, sind schon beinahe der einzige Fauxpas eines Psychothrillers, der sehenswert ist, auch wenn man den Stoff schon kennt. Und James und Hammer schlagen sich erstaunlich gut in den Schuhen von Laurence Olivier und Joan Fontaine.

„Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley“ raunt die zweite Mrs. De Winter zu Beginn. Und die Musik dazu ist genau so bedrohlich, wie sie sein muss. „Manderley ist mehr als ein Haus, es ist mein Leben“, sagt Maxim de Winter. Wir schauen gern in den grandiosen Eispalast der toten Mrs. De Winter und frösteln. Und erfreuen uns am Ende – wenn auch der Kern des Rätsels Rebecca enthüllt ist – der Flammen.

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„Rebecca“, 123 Minuten, bei Sky, Regie: Ben Wheatley, mit Lily James, Armie Hammer, Kristin Scott Thomas, streambar ab 21. Oktober

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