Kurz und schmerzvoll – die Gangsterserie „Dealer“ bei Netflix

  • So rasant gab’s Gangsterleben noch nie bei Netflix.
  • In der französischen Serie „Dealer“ dringen zwei Filmemacher in die Banlieues vor, um das Rapvideo eines Gangsterbosses aufzunehmen.
  • Was in den schnipselkurzen zehn Episoden abläuft, ist so intensiv, dass es dem Zuschauer schier den Atem nimmt.
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„Das wollt ich nicht. Das wollt ich nicht. Das tut mir leid.“ Wenn ein Mensch so etwas sagt und die Angst ihm dabei in den Augen steht und der Ort, an dem er steht und das sagt, nichts Gutes ahnen lässt und irgendwo jemand gegen eine Tür schlägt und zu ihm hineinwill und auch Schüsse zu hören sind, ja wenn so etwas die Auftaktmomente einer Serie sind, also dann kann man einfach nichts anderes als dranbleiben. Die Serie mit dem deutschen Titel „Dealers“, die auf dem Bildschirm unter ihrem französischen Titel „Caid (Gangsta)“ firmiert, beginnt mit dem Ende – und dann von vorn.

Ein frisch aus der Haft entlassener Gangster aus den Banlieues will Rapper werden – was einem halt so einfällt, wenn man viel Zeit zum Nachdenken hatte. Ein Videofilmer und sein Kameramann sollen den Clip zum Track drehen. Franck und Tom sollen für das Plattenlabel aber nicht nur etwa die Aufnahmen im Studio abfilmen, sie sollen ins Milieu rein, mittenmang, nah ran, die Auftraggeber wollen harten Gangsta-Realismus. „Wir drehen das Ding, und heute Abend sind wir wieder zu Hause“, gibt Franck seinem unruhigen Begleiter Zucker.

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Doch das Viertel hat seine eigenen Regeln. Und „nah ran“ hat seinen Preis. Ein Wächter springt von seinem Plastikstuhl, als Franck und Tom in die Welt von Tony, dem Banditen, einfahren. Ein Motorrad gibt Geleitschutz, Tonys Truppe nimmt den Filmemachern erst Ausweise und Auto ab, dann kommen sie in die Mangel: „Bist du ein Bulle? Bist du ein Bulle?“

Hernach lachen alle über ihre gelungenen Einschüchterungs­versuche und die blassen Gesichter, nennen Franck „Spielberg“. Tony kreuzt auf, lacht, tätschelt die Ankömmlinge: „Dein Auto ist uns egal, wir fahren Porsche.“ Alle lachen. Nur Moussa, Tonys Freund seit Kindertagen, rechte Hand des Bosses, wegen eines Herzleidens an der Fußballkarriere vorbeigeschrammt, bleibt aggressiv auf Distanz. Er hat Angst, das alles verwässert durch das Gerappe und die „kleinen Hurensöhne mit den Videos“, dass Tony im Knast weich geworden ist, dass sich das räuberromantische Outlawdasein in die letzte Kurve legt. Moussa ist der Bewahrer, der den Niedergang nahen spürt – eine klassische Gangsterfilmfigur.

Überhaupt: Alles an dieser Serie ist eigentlich wie immer im Gangstergenre – von den großen Zeiten von Edward G. Robinson und James Cagney, die Gangsterfilme drehten, als Al Capone noch lebte, über Leonard Bernsteins respektive Robert Wises „West Side Story“ (Spielbergs Neuverfilmung ist derzeit in der Nachproduktion) bis zu Martin Scorseses Serie „Boardwalk Empire“ mit einem brillanten Steve Buscemi als mafiösem Stadtkämmerer Enoch Thompson, dessen wehmütig-magenleidender Blick seine Bereitschaft zu kurzem Prozess verbarg.

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Es gibt alle Ingredienzen des klassischen Gangsterkinos

Auch hinter Tonys intellektueller Brille, seinem breiten Grinsen, steckt ein ganz schnell zu Gnadenlosigkeit wechselnder Fürst des Verbrechens, der sich zugleich als Beschützer seiner Gegend versteht. Es gibt in „Dealer“ die loyale Gang, die rivalisierende Gang mit durchgeknalltem Boss, die pragmatisch-korrupte Polizei, die Tony nicht mehr im Gefängnis haben will, weil er der bestmögliche Garant des Friedens im Viertel ist. Dazu den kleinen Bruder Kylian, der Gangster für Helden hält, und Figuren wie Tonys „anständige“ Schwester und Moussas muslimische Mutter, bei denen die eiskalten Engel kuschen und sich Standpauken anhören, für die andere sterben müssten. Wenn Moussa zu Hause bei Mama und in Gegenwart der beiden ihm verhassten Filmfritzen den artigen Sohn spielen muss, hat das beinahe etwas Komisches. Ansonsten? No fun – just gun. Drama, Baby!

In einer atemlosen Serie, die nicht einfach so standardatemlos ist, wie so oft in Zusammenhang mit besonders schnittigen Filmen geschrieben sieht, sondern wirklich atemlos, sodass man beim Zuschauen schier nach Luft schnappt. Mit ihren gerade mal 90 Nettominuten auf zehn Episoden verteilt hat „Dealer“ von Nicolás Lopéz und Ange Basterga (beide stehen für Regie und Buch) allerdings auch nur die Länge eines normalen Kinofilms, ist in Miniepisoden zerschnipselt, die pfeilschnell auf den Anfangsmoment zurasen.

Was diesen Eindruck aufs Energetischste verstärkt, ist der „Found footage“-Charakter von „Dealer“. Wie in pseudo­dokumentarischen Streifen à la „Blairwitch Project“ oder „Cloverfield“ wird alles Geschehen von innen gefilmt. Es wird dabei bildgewackelt, was das Zeug hält, alles wirkt ungemein echt, authentisch, direkt.

Freilich ist es kaum glaubwürdig, dass sich niemand aus Tonys Gang mit einer Kamera auskennt. „Wird alles gepixelt“ ist ein Versprechen. „Die drehen das doch gar nicht“ hört man auch öfter, ohne dass das mal jemand nachprüft. Keiner aus der sonst so übervorsichtigen Gang drängt die „Eindringlinge“ dazu, mal kurz die letzten aufgenommenen Minuten sehen zu dürfen. Man hält sich lieber an seinen Pistolen fest.

Das Tor zum Untergang wird weit aufgestoßen

Es ist eine schlichte Geschichte ohne Nebenstränge, die da in Frankreichs einstigen Zukunftsstätten urbanen Wohnens stattfindet, die zu Betonburgen der Ausgestoßenen geworden sind, in der Abdramane Diakité (Tony), Sébastien Houbani (Franck) und Mohamed Boudouh (Moussa) ein fragiles Vertrauensdreieck bilden. Und es gibt natürlich den unheilvollen Moment, in dem die Grenze zwischen den Lebenswelten überschritten wird, in dem Franck Tony auf Augenhöhe von sich und seinen Träumen erzählt und Tony gegenüber Franck vom Rap als letzter Chance auf einen Ausstieg aus der Gewalt spricht. In dem sich Tonys ungewollter, unausweichlicher Verrat an Moussa abzeichnet und in dessen Folge der von der Vertrautheit angefixte Franck einen, nein, zwei Fehler begeht, die das Tor zum Untergang weit aufstoßen.

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Man ahnt, wie es ausgeht, die Tragödie reißt ihr alles verschlingendes Maul auf, und dann ist man schließlich mitten in einem Krieg und bei dem Mann, der „Das wollt ich nicht! Das wollt ich nicht!“ sagt – und dem jetzt eigentlich niemand mehr helfen kann.

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„Dealer“, bei Netflix, zehn Episoden, von Ange Basterga und Nicolás Lopéz, mit Abdramane Diakité, Sébastien Houbani, Mohamed Boudou (bereits streambar).

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