Wiener „Tatort: Krank“: Der Globulimord

  • Sanfte Medizin, kranke Geschäfte: Der herausragend gute „Tatort“ aus Wien erzählt eine komplexe Geschichte.
  • Der Plot ist zudem raffiniert verschachtelt.
  • Der Film liefert ein mustergültiges Beispiel für die perfekte Kombination aus Nervenkitzel und inhaltlicher Relevanz.
Tilmann P. Gangloff
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Dieser ORF-Krimi liefert ein mustergültiges Beispiel für die perfekte Kombination aus Nervenkitzel und inhaltlicher Relevanz, zumal Rupert Henning (Buch und Regie) seine ungewöhnlich komplexe Geschichte mit großem Geschick auf mehreren Ebenen erzählt. Der Prolog mit der offenkundigen Ermordung von Eisner (Harald Krassnitzer) ist zudem ein perfekter Köder. Der Oberstleutnant ist jedoch gar nicht tot, sondern beim Arzt, und nun beginnt eine lange Rückblende, wenn auch ohne den üblichen Hinweis („zwei Tage vorher“).

Dieses Spiel mit Sehgewohnheiten und Erwartungen zieht sich durch den gesamten Film und sorgt ständig für Überraschungen. Zu einem besonderen „Tatort“ wird „Krank“ aber durch die vielschichtige Erzählstruktur. Nach dem Prolog setzt die Krimihandlung mit einem vorsätzlichen Automord ein: Peter Simon ist vor einem Gerichtsgebäude überfahren worden. Am Vorsatz des Täters (oder der Täterin) besteht kein Zweifel, das Auto hat den Mann noch ein zweites Mal überrollt.

Ermittler stoßen auf Ex-Frau des Toten

Auf der Suche nach einem Motiv stoßen Eisner und Fellner (Adele Neuhauser) recht bald auf die Ex-Frau. Simon stand wegen grober Vernachlässigung der Fürsorgepflicht vor Gericht: Seine Tochter hatte eine im Grunde harmlose bakterielle Infektion, an deren Folgen sie jedoch gestorben ist, weil ihr Vater sie nicht mit Antibiotika, sondern mit offenbar wirkungslosen alternativen Heilmethoden behandelt hat.

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Ex-Frau Maria (Sabine Timoteo) gehörte in Kolumbien einer Terrorgruppe an, hätte also die nötige Kaltblütigkeit. Als nach und nach noch weitere Beteiligte sterben, ist das Duo vom Wiener BKA überzeugt, dass die Frau eine Todesliste abarbeitet. Aber die Wahrheit ist viel komplizierter.

Eigentliches Thema des Films ist der Glaubenskrieg um die Globuli: Befürworter schwören auf die Erfolge von Naturheilmitteln, Skeptiker verweisen darauf, dass sich die Wirkung homöopathischer Medikamente wissenschaftlich nicht beweisen lasse. Trotzdem bedienen sich auch immer mehr Schulmediziner dieser Methoden; womöglich, weil viele Patienten das erwarten.

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Rationalist Eisner gehört selbstredend zur Fraktion der Zweifler. Der Rechtsmediziner (Günter Franzmeier) hat in dieser Sache zur Überraschung des Polizisten eine durchaus differenzierte Haltung, die sich mit dem Satz „Wer heilt, hat recht“ zusammenfassen ließe.

Alternativmedizin macht Umsätze in Milliardenhöhe

Letztlich geht es jedoch um einen ganz anderen Aspekt: Globuli und Heilkräuter haben ihren Preis; die Alternativmedizin macht Umsätze in Milliardenhöhe. Vor Gericht stand zwar der Vater, aber angeklagt waren zumindest implizit auch die Heilmethoden, denn Simon war Mitbegründer eines offenbar florierenden Unternehmens, das sich auf Naturheilverfahren spezialisiert hat. Ein Aussteiger offenbart in einem TV-Interview, dass in diesem Segment genauso betrogen, bestochen und erpresst werde wie bei anderen Pharmakonzernen; auch die sanfte Medizin ist offenbar ein hartes Geschäft.

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Dank der häufigen Schauplatzwechsel wirkt der Film optisch sehr aufwendig. Unter anderem schleppt Bibi Fellner den Kollegen in die Wiener Votivkirche, um ihm zu erklären, dass es ohne Judas kein Christentum gegeben hätte.

„Tatort“ aus Wien: Viele Überraschungen in herausragend gutem Krimi

Davon abgesehen wechselt „Krank“ dauernd das Vorzeichen: Nach dem doppelten Thrillerauftakt wird es erst mal heiter. Wechselbäder dieser Art sind so etwas wie das Markenzeichen der ORF-Sonntagskrimis: Ganz gleich, wie düster die Umstände auch sein mögen, es findet sich stets ein Anlass für die beliebten Frotzeleien zwischen Eisner und Fellner.

Kurz darauf kehrt der Film in den Thrillermodus zurück. Die schlagzeugbetonte Musik von Kyrre Kvam sorgt dafür, dass die Spannung nie nachlässt, zumal über allem ja noch das Damoklesschwert des Prologs schwebt, verbunden mit der Frage, wer Eisners Mörder ist.

Die Antwort darauf ist eine weitere der vielen Überraschungen dieses herausragend guten Krimis.

„Tatort: Krank“ läuft am Sonntag, 25. Oktober, um 20.15 Uhr in der ARD.

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