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Kritik an Hochwasser-Berichterstattung des WDR: „Unser Studio konnte nicht mehr senden“

  • Während halb NRW in den Fluten versinkt, sendet der WDR eine Olympia-Doku.
  • Bei Zuschauerinnen und Zuschauern sorgt das für Empörung.
  • Der WDR jedoch hat eine Erklärung: Das Studio des Senders in Wuppertal sei selbst vom Unwetter betroffen gewesen.
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Köln. Es ist kurz nach 20 Uhr am Mittwochabend, als sich die Hochwasserlage in NRW und Rheinland-Pfalz massiv zuspitzt. „Katastrophenfall in der Vulkaneifel ausgerufen“ pushen die Nachrichten-Apps der Medien – der Kreis Euskirchen in NRW, etwas weiter nördlich, warnt vor akuter Lebensgefahr.

Wenig später dann neue Schreckensmeldungen: Mehrere Talsperren in Nordrhein-Westfalen, darunter die in Wuppertal, laufen über. Der Damm der Steinbachtalsperre in Euskirchen droht gar zu brechen. Die Behörden warnen Anwohnerinnen und Anwohner von Gewässern, sich in Sicherheit zu bringen. Mehrere Städte evakuieren Stadtteile, reißen Bürgerinnen und Bürger mit Sirenen aus dem Schlaf.

Nur an einem Ort wirkt es zumindest für Außenstehende und vor allem TV-Zuschauer so, als herrsche zu dieser Zeit Ruhe und Gelassenheit: Im Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks (WDR). In den Programmen der Anstalt bekommt man lange Zeit nur unregelmäßig von der Hochwasserlage mit – und auch am Donnerstagmorgen hat sich daran nicht allzu viel geändert. Neben einigen Spezialsendungen sendet das Fernsehprogramm Tiermagazine und Reiseformate.

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Erst um 1.20 Uhr erscheint ein Laufband

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Der Medienjournalist Thomas Lückerath hat die Berichterstattung des WDR in der Nacht verfolgt und beim Onlineportal „DWDL.de“ akribisch dokumentiert. Sein Urteil: beinahe ein „Totalausfall“. Im TV lief demnach „unbeirrt“ die Doku „Vom Traum zum Terror – München 72“, im Radio – etwa bei WDR 2 – die Übernahme der ARD-Popnacht. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprogramm mehrerer ARD-Anstalten, kein regionales Programm aus NRW.

Nicht einmal ein Laufband habe im Fernsehen über die Lage informiert oder zumindest auf die Website verwiesen. Fast drei Stunden lang habe sich die Lage zugespitzt, ohne dass der WDR in den Programmen darüber berichtet habe. Erst um 1.20 Uhr sei dann ein Laufband im Fernsehprogramm aufgetaucht, das auf die Website und die Nachrichten der WDR-Hörfunkprogramme verwiesen habe. Die Nachrichten der Radiosender hätten sich dann tatsächlich monothematisch mit der Hochwasserlage beschäftigt.

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Kritik von Zuschauerinnen und Zuschauern

Dass in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Anstalt etwas fehlt, fällt aber nicht nur Medienjournalisten auf. Auch in den sozialen Netzwerken richten Kommentatorinnen und Kommentatoren Fragen an den WDR. „Lieber @WDR, wäre es nicht angemessen, Euer Programm zu unterbrechen, um die Menschen auch über das Fernsehen zu informieren und zu warnen? Es ist ja nicht jede*r bei Twitter/Instagram/Facebook whatever“, schreibt beispielsweise ein Nutzer auf Twitter.

„Warum gibt es bei euch im TV keinen Banner wegen der Extremwettersituation in NRW?“, fragt ein anderer an den WDR und die ARD gerichtet. „Es erwartet keiner, dass ihr das Programm ändert, aber Infos und Warnungen wären super. Auch im Radio!“ Ein weiterer urteilt am Donnerstagvormittag: „Der WDR hat in der Nacht vollständig versagt. Aktuell auf WDR TV: Schönes Zypern.“ Gemeint ist damit eine Reisedoku. Die private Radioanstalt Radio Wuppertal habe hingegen vorbildliche Arbeit geleistet, so der Kommentator.

Radio Wuppertal stemmt Marathon-Sendung

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Und tatsächlich: Radio Wuppertal ist die ganze Nacht mit einem lokalen Radioprogramm on Air. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise laufen hier die letzten Lokalnachrichten um 19.30 Uhr, ab dem Abend übernimmt der Sender das landesweite Rahmenprogramm von Radio NRW aus Oberhausen. Als sich die Lage am Abend dramatisch verschlechtert habe, hätten sich jedoch alle Kolleginnen und Kollegen schnell zusammengeschaltet und ab 21 Uhr eine Marathon-Sendung auf die Beine gestellt, erklärt Chefredakteur Georg Rose gegenüber dem RND.

Und das unter erschwerten Bedingungen: Nachts dringt Wasser in die Kellerräume des Senders ein, später stellt die Stadt Wuppertal aus Sicherheitsgründen den Strom ab. Zweieinhalb Stunden sendet das Radio am Morgen über ein Notfallgerät weiter, bis dann um 5 Uhr endgültig die Lampen ausgehen. Seit 11.30 Uhr ist der Sender über UKW wieder zu hören, der Stream ist noch nicht wieder online. Auch die Telefonleitung des Senders ist den gesamten Vormittag tot.

Die Hörerinnen und Hörer des Lokalradios honorieren den unermüdlichen Einsatz der Reporterinnen und Reporter: „Dankeschön, dass ihr mit allen Mitteln versucht, uns auf dem Laufenden zu halten. Passt auf Euch auf, liebes Radio-Wuppertal-Team!!!“, schreibt beispielsweise eine Hörerin auf Facebook. „Danke für die großartige Arbeit!“, kommentiert ein anderer.

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Was der WDR sagt

Beim WDR in Köln gibt man sich derweil selbstkritisch – hat für die bemängelte Berichterstattung jedoch auch eine Erklärung: „Wir teilen die Einschätzung, dass der WDR noch umfangreicher aus Wuppertal hätte berichten müssen“, so eine Sprecherin auf Anfrage des RND. „Allerdings war das dortige WDR-Studio selbst so stark vom Unwetter betroffen, dass es ab 3 Uhr in der Nacht nicht mehr selber senden konnte.“

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Übernommen hätten dann die Studios in Düsseldorf und Köln, um mit Regionalnachrichten die Bevölkerung im Bergischen Land informieren zu können. Dafür hätten WDR-Reporterinnen und -Reporter, die in Wuppertal unterwegs waren, die Informationen zugeliefert. „Das Studio Wuppertal wird gerade mithilfe alternativer Übertragungswege wieder livefähig gemacht“, so die Sprecherin weiter.

Ganz will man die Kritik an der Berichterstattung in Köln jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Trotz der erschwerten Unwetterlage habe man schon am Abend berichtet. „Auf allen Radiowellen gab es halbstündlich monothematische Sonderausgaben der Radionachrichten, Reporterinnen und Reporter haben über die besondere Situation vor Ort berichtet. Im Netz auf WDR.de und bei WDR Aktuell gab es zur Situation in Wuppertal, Euskirchen und im Rhein-Sieg-Kreis durchgehend aktualisierte Informationen“, sagt die WDR-Sprecherin.

Infos alle 15 Minuten im Radio

„1 LIVE hat in seiner Nachtversorgung für die jungen Wellen der ARD alle 15 Minuten über die Lage informiert. Weitere ARD-Nacht-Programme wie die „ARD Infonacht“ wurden aus dem WDR-Newsroom mit Informationen versorgt, so dass auch WDR 5 in den Nachtstunden alle 15 Minuten in Gesprächen mit den Korrespondentinnen und Korrespondenten informieren konnte.“

Die Berichterstattung wolle man auch am Donnerstag fortsetzen – sowohl in der Radio-Primetime am Morgen als auch mit einer ersten Extra-Ausgabe des WDR Fernsehens um 10.55 Uhr. Weitere Sondersendungen sollen um 17 und um 20.15 Uhr folgen. 1 LIVE, WDR 2, WDR 4 und WDR 5 hätten ihr Tagesprogramm umgestellt und berichteten seit 5 Uhr fast monothematisch. Auf wdr.de gebe es zudem weiterhin einen Unwetter-Live-Ticker.

SWR plant mehrere Sondersendungen

Vergleichsweise wenig Kritik liest sich derweil in den sozialen Netzwerken über die Berichterstattung des Südwest-Rundfunks (SWR). In der Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz – und damit im Sendegebiet der Anstalt – wurden in der Nacht ganze Ortschaften zerstört, mehrere Menschen starben, viele werden noch vermisst. Um 21.45 Uhr informierte der Sender in seinen Lokalmagazinen im Fernsehen über die Lage.

Eine Sprecherin des Senders teilte am Donnerstag auf RND-Anfrage mit: „Der SWR sendet Live-Updates und Extras, die über den gesamten Tag bis hinein in den Abend gehen werden. Auch mit der ARD sind wir gerade in Abstimmung, was über den SWR für Das Erste laufen soll.“

Tatsächlich sieht auch das Tagesprogramm am Donnerstag in Sachen Hochwasser-Berichterstattung deutlich üppiger aus. Seit 8.30 Uhr sendet das SWR-Fernsehen Live-Updates und Extras, um 14 Uhr ist eine Sondersendung zum Hochwasser geplant sowie ebenfalls ab 15, 16 und 17 und 18.15 Uhr.

Voraussichtlich um 20.15 Uhr produziert der SWR für die ARD den „Brennpunkt“ zur Hochwasserkatastrophe, um 21 Uhr ist die Sendung „Zur Sache Rheinland-Pfalz“ geplant. Auch die Radioprogramme berichten laut der SWR-Sprecherin laufend über die Hochwasserlage.

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