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Haben ARD und ZDF die Corona-Angst geschürt? Sender wehren sich gegen Medienstudie

  • Zwei Medienforscher kritisieren ARD und ZDF für ihre Berichterstattung in der Corona-Krise.
  • Die Sender hätten einen “Tunnelblick” erzeugt, wichtige Themen ausgeblendet und Christian Drosten glorifiziert.
  • Applaus für dieses Urteil kommt auch von der AfD. Jetzt wehren sich die Sender: “Die Studie ist für uns nicht nachvollziehbar.”
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Im Frühjahr loderte noch einmal funkenstiebend das Lagerfeuer der Nation auf: Corona bescherte dem linearen Fernsehen im März und April rekordverdächtige Reichweiten. Das Land versammelte sich bang vor “Tagesschau”, “heute” und den “Tagesthemen”. Neun der zehn meistgesehenen 20-Uhr-Ausgaben der “Tagesschau” der vergangenen drei Jahrzehnte stammen aus dem Frühjahr 2020. Die zehnte lief in einer Spielpause im Fußball-WM-Jahr 2014.

Das gigantische Informationsbedürfnis war eine harte Prüfung – nicht nur für ARD und ZDF, sondern für die Medien insgesamt. Das Urteil aber, das die Passauer Medienforscher Dennis Gräf und Martin Hennig vom Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ins Corona-Zwischenzeugnis schreiben, fällt kritisch aus. Die Sender hätten “gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet”, sie hätten einen “Tunnelblick” erzeugt und auch mit den inszenatorischen Mitteln von Hollywoodblockbustern Ängste geschürt. So urteilen sie in einer aktuellen Untersuchung.

Überraschung: Corona-Sondersendungen stecken voller Corona

Es ist ein strenges Verdikt. Freilich krankt die Untersuchung an einer entscheidenden Stelle: Die Wissenschaftler prüften zwischen Mitte März und Mitte Mai rund 90 Corona-Sondersendungen von “ARD Extra” und “ZDF Spezial”. Da überrascht es wenig, dass in diesen Specials kaum Themen jenseits von Corona vorkamen.

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Dementsprechend irritiert ist man bei ARD und ZDF über die “Tunnelblick”-These. “Sondersendungen zu Corona haben es an sich, dass es darin ausschließlich um Corona geht”, sagte Helge Fuhst, Vizechefredakteur von ARD aktuell, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Die Studie ist für uns nicht nachvollziehbar, ihre Vorwürfe leicht zu widerlegen.”

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Daran etwa, dass die Sendungen monothematisch berichtet haben, seien nicht die Medien schuld. “Stattdessen haben sich in dieser größten Krise seit Jahrzehnten die Gesellschaft, die Politik und alle anderen Akteure ausschließlich mit der Pandemie beschäftigt. Das haben wir abgebildet, denn das ist unsere Aufgabe.”

“Wir liefern die Fakten und die Bilder dazu, ohne sie künstlich zu dramatisieren”: Helge Fuhst, zweiter Chefredakteur von ARD aktuell, der Redaktion von “Tagesschau” und “Tagesthemen”. © Quelle: ARD/NDR

Forscher Gräf kritisierte dagegen, schon die Häufigkeit der Sondersendungen habe Zuschauern ein permanentes Krisen- und Bedrohungsszenario vermittelt – mitsamt Bildern, die man “aus Endzeiterzählungen und Zombiegeschichten” kenne. Im Evangelischen Pressedienst (epd) sprach er von “Inszenierungsstrategien”, die von Hollywoodblockbustern über gefährliche Viren vertraut seien. So seien eigentlich als Dokumentationen gedachte Sendungen fast zu “fiktionalen Formaten” geworden.

“Die Realität war einfach verrückter als jedes Drehbuch”

Die Nachrichten als Fiktion? Fuhst widerspricht vehement: “Natürlich gibt es bei einer solchen Krise auch Emotionen, aber Inszenierungen gab es bei uns nicht. Unsere Nachrichtensendungen gehören in die Kategorie Dokumentation und nicht in die Kategorie Hollywoodfiktion. Die Realität war einfach verrückter als jedes vorstellbare Drehbuch.”

“Inszenierungen gab es nicht”

Haben ARD und ZDF allein durch die Häufigkeit der Sondersendungen Ängste geschürt? Oder war die hohe Frequenz nicht vielmehr dem enormen Informationsbedürfnis geschuldet? Auch ein ZDF-Sprecher erklärte im epd, die Forscher ignorierten, dass Corona als dominantes Thema über Wochen alle Lebensbereiche geprägt habe.

Dass in den “ZDF Spezial”-Ausgaben die Entwicklung der Krise mit all ihren vielfältigen Aspekten im Vordergrund gestanden habe, sei “angesichts einer außergewöhnlichen Pandemielage nicht überraschend, sondern sogar Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Informationsangebots”. Es habe gerade in den ersten Wochen großen Informations- und Erklärungsbedarf gegeben. Dem habe das ZDF Rechnung getragen.

“Wir liefern die Fakten und die Bilder dazu, ohne sie künstlich zu dramatisieren”: Regieraum der “Tagesschau” bei ARD aktuell in Hamburg-Lokstedt.
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Auch den Angstmacheworwurf durch die Auswahl besonders spektakulärer Endzeitbilder weist Fuhst zurück: “Wir diskutieren in der Redaktion immer über jedes Wort und jedes Bild”, sagte er. “Wir wollen weder Zensur ausüben noch Angst schüren. Unsere Aufgabe ist es, darüber zu berichten, was in der Welt vor sich geht. Und die beängstigenden Bilder aus Italien oder Spanien konnten wir dem Publikum ja nicht vorenthalten.”

Der Anspruch der ARD-Nachrichten sei es, dass sich die Zuschauer selbst eine Meinung bilden können aus der Gesamtheit der Eindrücke. “Wir liefern die Fakten und die Bilder dazu, ohne sie künstlich zu dramatisieren. So sah die Welt eben aus in dieser Zeit. Inszenierungen gab es nicht.”

Haben ARD und ZDF Christian Drosten glorifiziert?

Tatsächlich machen sich die Forscher in ihrer Bewertung Eindrücke zu eigen, die oft in den Reihen von Corona-Skeptikern und Maskenverweigerern zu hören sind. So beklagt etwa Hennig im Gespräch mit dem epd eine “Glorifizierung” des Virologen Christian Drosten. Dabei war Drosten nur ein einziges Mal als Gesprächspartner der “Tagesthemen” zugeschaltet, genauso wie seine Fachkollegen Hendrik Streeck, Marylyn Addo oder Alexander Kekulé. “Wir hatten keine Dauergäste”, sagt Fuhst. Von einer Glorifizierung Einzelner könne also “keine Rede sein”.

Doch die Untersuchung ist Wasser auf die Mühlen derer, denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk per se ein Dorn im Auge ist. Prompt applaudierte Stephan Brandner, AfD-Vizebundessprecher, den beiden Medienwissenschaftlern. Die Studie zeige: “Der Staatsfunk hat auch in der Corona-Krise versagt.” Mit Journalismus habe “das Ganze nichts zu tun”, schäumte Brandner unter großzügiger Verwendung von Ausrufezeichen in einer Pressemitteilung. “Es ist reinste Hofberichterstattung, ARD, ZDF und Co. sind Marionetten der Altparteien. Schluss mit dem Staatsfunk! Schluss mit dem Zwangsfunk!” Das Feixen vom rechten Rand dürfte noch anschwellen.

“Eine Verengung der Welt”

Es ist das erwartbare Wortgeklingel. Fuhst räumt freilich auch eigene Fehler ein. Zu Beginn der Krise habe der Blick der Journalisten “fast ausschließlich auf der Gesundheit” gelegen. Erst nach und nach habe man die Bereiche des Lebens gleichermaßen abgedeckt. “Wir haben inzwischen ausführlich darüber berichtet, was die Krise für kleine und große Firmen, für Selbstständige, für die Schulen, die Familien oder die Kultur bedeutet.”

Medienforscher Gräf beklagte “eine Verengung der Welt”. Journalismus müsse differenzierter sein und Maßnahmen in der Corona-Pandemie auch grundsätzlich hinterfragen. Dies sei in den Beiträgen der Öffentlich-Rechtlichen aber nicht geschehen.

“Dieser Vorwurf, dass die Medien in der Frühphase der Krise zu unkritisch waren, der stimmt nicht”: “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga. © Quelle: Daniel Bockwoldt/picture allianc

Stimmt das? Fehlten Tiefe, Hinterfragung und Kritik in der Corona-Berichterstattung von ARD und ZDF? Es ist ein Vorwurf, den “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga bereits im Juni im RND-Podcast “Corona und wir” zurückgewiesen hatte. “Die Eilmeldungen kamen im Minutentakt”, sagte sie mit Blick auf den März. “Und es ging erst einmal darum, etwas für alle Neuartiges zu verstehen; auf einmal war die Wissenschaft die Grundlage aller Entscheidungen, und deren Erkenntnisse mussten wir erst einmal erklären.”

Sie glaube: “Dieser Vorwurf, dass die Medien in der Frühphase der Krise zu unkritisch waren, der stimmt nicht”, sagte sie damals dem RND. “Wir haben schnell auch über Grundrechte gesprochen und kritische Fragen gestellt, zum Beispiel zu Pandemieplänen oder zu der Frage, ob zu früh oder zu spät reagiert wurde.” Selbstkritisch würde sie aber sagen, dass “wir zu Beginn zu wenig auf die Situation der Familien geguckt haben, ähnlich wie die Politik selbst”.

“Tagesthemen” werden verlängert

Es ist keine direkte Folge der Corona-Erfahrungen, aber die ARD habe sich insgesamt vorgenommen, “den Menschen noch genauer zuzuhören”, sagte Fuhst. So werden die “Tagesthemen” bereits ab dem 1. September auch montags bis donnerstags um jeweils fünf auf 35 Minuten verlängert. Dann soll mehr Zeit sein vor allem für regionale Reportagen aus der Reihe “Tagesthemen mittendrin”. Das Format rollt Filmen aus allen 16 Bundesländern den Teppich aus, die relevante Geschichten aus den Regionen erzählen.

Es soll künftig einen festen Platz in der Sendung haben – nicht nur einmal wöchentlich wie bisher. “Wir wollen die Reportagen endlich zur Aufführung auf der großen Bühne bringen.” Produziert werden sie in den Landesfunkhäusern der ARD. “Da fliegt kein Team aus Hamburg ein, sondern wir nutzen die größte Kompetenz der ARD: die Verwurzelung der Korrespondenten vor Ort.”

Der Beschluss zur Verlängerung der “Tagesthemen” stamme noch von vor Corona, sagte Fuhst. “Aber im Nachhinein hätte es gar keinen besseren Zeitpunkt geben können.” Alle nachfolgenden Sendungen verschieben sich um fünf Minuten. Dafür müsse jedoch keine andere Sendung auch nur eine Minute Sendezeit abgeben.

Quoten liegen wieder auf dem Vor-Corona-Niveau

Wie auch anderen Medien hat die Pandemie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zwischenzeitlich enorme Reichweitenzuwächse beschert. “In der Hochphase lag die Zahl der ‘Tagesthemen’-Zuschauer über sieben Wochen lang von Februar bis April bei mehr als drei Millionen im wöchentlichen Durchschnitt”, sagte Fuhst.

Inzwischen hätten sich die Zahlen wieder weitgehend normalisiert. Die Zuschauerzahlen bei der 20-Uhr-”Tagesschau” liegen traditionell bei rund zehn Millionen Zuschauern – jeweils zur Hälfte aufgeteilt auf das Erste und die Dritten Programme. Die “Tagesthemen” haben etwas mehr als zwei Millionen Zuschauer.

Die Passauer Untersuchung ist gewiss nicht die finale und definitive Aufarbeitung des medialen Ausnahmezustands im Corona-Frühjahr 2020. Und für all das, was Zuschauer, Kritiker oder auch Forscher in den elektronischen Medien vermissen, gilt das alte Bonmot des früheren Intendanten Helmut Reitze: “Nicht alles, was Sie nicht gesehen haben, haben wir nicht nicht gesendet.”

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