Warum zeigt die ARD das Video des Halle-Attentäters?

  • Nach dem schrecklichen Attentat in Halle herrscht Entsetzen – es wird jedoch auch Kritik an der Berichterstattung der Medien laut.
  • Unter anderem der ARD-Brennpunkt zeigte am Abend Teile des Tätervideos in einem Beitrag.
  • Organisationen warnen: Wer das Video zeigt, hilft dem Täter, sich zu inszenieren.
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Halle (Saale). Nach den tödlichen Schüssen durch einen Rechtsextremisten in Halle herrscht Entsetzen: Stephan B. hatte vor der Synagoge und in einem nahen Dönerimbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt. Und: Er wollte offenbar, dass die ganze Welt das sieht. Stephan B. filmte seine Tat und streamte diese live ins Netz.

Einen Tag nach der schrecklichen Tat wird nicht nur über den Fall diskutiert, sondern auch über die Rolle der Medien: Einige Redaktionen entschieden sich am Mittwochabend, Ausschnitte aus dem Video des Täters zu zeigen – und müssen dafür teils harte Kritik einstecken.

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„Tätervideo nicht zeigen“

Auf Twitter kritisieren Nutzer unter anderem den ARD-Brennpunkt. Der Journalist Jörgen Camrath schrieb zu einem Beitrag der Sendung: „Das Video des Attentäters hätte man aber nicht unbedingt zeigen müssen. Auch nicht als Ausschnitt.“

Auch andere Nutzer kritisieren das. Die Nazi-Aussteiger-Intitative EXIT-Deutschland warnte am Donnerstag auf Twitter: „Hört auf Bilder, Screenshoots oder Sequenzen aus dem Video wie auch dem Manifest in sozialen Medien zu teilen. Bei aller Unfassbarkeit dieses antisemitischen Attentats. Es ist und war das Ziel des Täters, sich zu inszenieren. Alle, die dabei helfen, unterstützen ihn in seiner Tat."

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Der Journalist Philipp Bürkler schrieb: „Anstatt den Attentäter in den Mittelpunkt zu stellen, sollten Medien nun auf die menschenverachtende Ideologie von Rechtsextremen hinweisen und die Öffentlichkeit aufklären. Name des Täters, seine Bilder oder seine Videos nicht zeigen. Don't do it. Das ist genau das, was er will."

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MDR erklärt seine Entscheidung

Doch warum zeigte der ARD-Brennpunkt Ausschnitte aus dem Täter-Video? Torsten Peuker, Chefredakteur des zuständigen MDR, erklärt auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND): „Grundsätzlich fühlen wir uns der Regel verpflichtet, Tätermaterial nicht zu verwenden. Wenn wir dies tun, dann nur als Beleg mit journalistischem Mehrwert und dann selbstverständlich auch nur mit einer Einordnung und hoher Sensibilität, den Tätern nicht die gesuchte Bühne zu bieten“, erklärt Peuker. Genau das sei auch die Grundlage für die Entscheidung gewesen, einige Sekunden des Videos zu zeigen.

„Zum einen als Beleg, dass unsere Kollegen die darin enthaltenen Aussagen authentisch bewerten können. Besagte Inhalte spielten dann ja auch eine Rolle im Interview mit dem Terrorismusexperten Michael Stempfle. Zum anderen waren in dem vollgepackten Auto sprengkörperähnliche Gegenstände zu sehen, die einen Hinweis auf die Ziele des Täters geben könnten“, so Peuker weiter.

„Wir sind überzeugt, dass unsere Herangehensweise journalistisch begründet ist. Auch in der Sendung haben wir deutlich gemacht, wie sensibel man mit derartigem Material umgehen muss.“ In der Redaktion habe man „sehr ausführlich diskutiert“, ob und welche Videopassagen verwendet werden sollten.

Video
Halle: Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten
1:17 min
In Halle sind zwei Menschen getötet worden.  © dpa

„Bild“ zeigt Gesicht des Täters

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Auch andere Medien waren kurz nach der Tat für ihre Berichterstattung kritisiert worden. Die Bildzeitung zeigte kurz nach dem Vorfall das Gesicht des mutmaßlichen Täters. Der „Bildblog“, der die Zeitung seit jeher kritisiert, schrieb dazu: „Der Attentäter von #Halle hat seine Tat bei Twitch gestreamt, vermutlich um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und was macht BILD.de? Bietet ihm diese Aufmerksamkeit mit einem riesigen Screenshot aus dem Stream auf der Startseite.“

„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt hatte die Linie seiner Redaktion schon einmal bei dem Attentat in Christchurch erläutert, als ein Attentäter ein Blutbat in einer Moschee angerichtet hatte. Die „Bild“ hatte damals ebenfalls Ausschnitte aus dem Material des Täters gezeigt. In einem Kommentar schrieb Reichelt damals: „Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat.“

Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert hatte dieser Ansicht im Medienmagazin „Zapp“ widersprochen: „Was könnte das für einen Mehrwert haben, diese Bilder zu zeigen? Es bedient eine Sensationslust, man bedient ganz klar die Pornographie des Terrors, sich daran aufzugeilen, solche Bilder zu sehen (…). Man muss verstehen, dass die Tat des Terroristen auf maximale Aufmerksamkeit abzielt. Und Medien dürfen sich nicht zu Helfershelfern machen lassen und die Propaganda verbreiten.“

Ein Augenzeuge berichtet von den Vorfällen in Halle.  @ Quelle: imago images/epd/Sebastian Willnow/dpa/Montage RND

Nachrichtensender „Welt“ irritiert mit reißerischer Überschrift

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier kritisierte am Mittag zudem das Schwestermedium der „Bild“. Der Nachrichtensender „Welt“ hatte auf seinem YouTube-Kanal ein Video veröffentlicht mit der Überschrift: „HASS IN HALLE: Irrer Nazi-Killer scheiterte kläglich an Synagogen-Tür“. Niggemeier schrieb dazu: „Das hier ist das ~seriöse~ Nachrichtenkind der Axel-Springer-Familie.“

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Die „Welt“ entschuldigte sich daraufhin für das Video: „Der Titel war unpassend, wir haben das Video deswegen offline genommen. Gegen Spiegelungen auf YouTube werden wir vorgehen.“