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Berichterstattung aus der Ukraine

Der Krieg und die Medien: zwischen Mobilmachung, Heldensuche und Mut

Eine improvisierte Pressekonferenz nach den Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland.

Die heutigen Kriegsreporter täten ihm leid, hat Gerd Ruge mal gesagt, der große alte Mann der Krisenberichterstattung. Wer heute in einem Kampfgebiet vor die Kamera trete, der müsse „berichten, ohne vorher recherchieren zu können“. Kaum sei der Korrespondent eingetroffen, klingele auch schon das Handy. „Der Abgleich von Inhalten mit der Wirklichkeit ist schwieriger geworden“, sagte Ruge. Ein paar Jahre ist das her. „Wir konnten damals länger nachdenken.“

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Russland-Experte Ruge starb im Oktober mit 93 Jahren. Da war die Zeit der Fernsehpioniere, in der ein Welterklärer wie Ruge für das Fernsehpublikum Wikipedia, CNN, Twitter, „National Geographic“ und Youtube in einer Person war, schon Jahrzehnte vorbei. „Da kommen bewaffnete Männer, aber was für welche?“, fragte er 2003 mal in einem Afghanistan-Dreiteiler. „Da muss man höflich fragen.“

Es herrscht Ausnahmezustand – auch bei den Medien

Höflichkeit (selbst zu potenziellen Terroristen), Nachdenken, Abwarten, Kundigmachen – es sind Grundtugenden des Journalismus, aber sie kollidieren in diesen Chaostagen mal wieder mit den Realitäten. Und mit den Erwartungen eines informationshungrigen Publikums, das bang auf das Stakkato der Liveticker blickt. Im modernen Newsalltag mit seinen sekündlich piepsenden Pushnachrichten und den sich überschlagenden Nachrichten, die nach 30 Minuten schon wieder wie von gestern wirken, klingen Ruges alte Reporterregeln wie Relikte aus einer fernen Zeit.

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Russlands Krieg: Unbewaffnete Ukrainer stellen sich Panzern entgegen

Mehrere Dutzend Ukrainer haben sich offenbar unbewaffnet russischen Panzern entgegengestellt – mit Erfolg.

Im Krieg in der Ukraine herrscht Ausnahmezustand – auch für die Medien, die sich nach Kräften bemühen, die Fragen der Welt zu beantworten. Eine Sondersendung jagt die nächste. RTL sendete bis zu elf Stunden live. Die ARD testet schon mal, wie es sich anfühlen wird, wenn der Schwestersender tagesschau24 zum 24-Stunden-Nachrichtenkanal nach dem Vorbild von CNN ausgebaut sein wird.

Eine Flut von unverifizierbaren Bildern

Das Tempo der Ereignisse, die unklare Lage, dazu eine Flut von unverifizierbaren Bildern in den sozialen Medien: Selten war es so schwer, sauberen Journalismus zu liefern wie in diesen Tagen. Und selten war es so wichtig, so präzise wie möglich zu berichten. Keiner Propaganda auf den Leim zu gehen. Die digitale Spreu vom Weizen zu trennen. Die Bilder zu prüfen.

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Doch wer kann wirklich das Mysterium Wladimir Putin erklären, wenn nicht mal die CIA zu wissen scheint, was der Mann plant? Sollen Medien wirklich noch von vor Ort berichten, wenn etwa der Deutsche Journalisten-Verband warnt, dass Kollegen im Kriegsgebiet „in größter Gefahr“ seien? Wer hat den Kindergarten wirklich beschossen? Und was sind das für bewaffnete Männer, die da kommen?

Anders als im Golfkrieg 2003 gibt es 2022 keinen „embedded journalism“, keine westlichen Kriegsreporter, die sich in einer merkwürdigen Zwitterrolle aus Berichterstatter und PR-Assistent der Armee angeschlossen haben (und von dieser mit Material versorgt werden). Wer noch im Land ist, ist weitgehend auf sich gestellt und weiß manchmal – wie ARD-Korrespondentin Ina Ruck jüngst – nicht einmal, wo er die nächste Nacht verbringen wird. Sie sind Fronthelden des Journalismus. Aber auch sie haben kaum Antworten.

Es ist ein hochgefährliches Arbeiten. Ruck musste am Sonntag aus Sicherheitsgründen mit ihrem Team die Ukraine vorerst verlassen, wie der WDR mitteilte. „Wir prüfen derzeit unter Hochdruck weitere Möglichkeiten, die Berichterstattung aus der Ukraine fortzuführen.“ Die Lage werde „kontinuierlich von unserem Notfallstab bewertet“. Schutz und Sicherheit seiner Mitarbeiter haben für den WDR oberste Priorität.

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„Der Krieg ist das Gebiet der Ungewissheit“

Im Zeitalter des atemlosen Instantjournalismus, von dem mit der Nachricht auch zeitgleich die Analyse erwartet wird, ist Ratlosigkeit Gift. Die Contentmaschinerie verlangt nach Eindeutigkeit. Sonst kommt es zu medialen Übersprungshandlungen. Im Krieg aber gibt es keine Eindeutigkeit. „Der Krieg ist das Gebiet der Ungewissheit“, schrieb schon 1834 Carl von Clausewitz („Vom Kriege“). „Drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewissheit.“ Es helfe nur ein „feiner, durchdringender Verstand“, um „die Wahrheit herauszufühlen“.

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Die Wahrheit aus dem Nebel herausfühlen. Das ist ein mühsames Geschäft. Die Informationsbeschaffung aus dem umkämpften Land ist massiv erschwert. Umso erstaunlicher, dass es kaum Stahlgewitterjournalismus zu sehen und hören gibt, kaum martialisch blinkende „Weltkriegslogos“, kaum nationalistische Aufwallung. Statt durch Sensationslust zeichnet sich die Ukraine-Berichterstattung im Kern durch eine vergleichsweise behutsame Nüchternheit aus.

Momente der Wahrheit, die jedem Medium gut zu Gesicht stehen

Gewiss sucht der Boulevard wie immer nach emotionalen Heldengeschichten, nach Gesichtern im diffusen Chaos, das ist sein Job. Dabei passieren Fehler, wie etwa im Zwergsender Bild TV, wo eine hochemotionale Lehrerin, die angeblich aus Kiew berichtete, in Wahrheit in Deutschland saß, wie das Fachmagazin „Medieninsider“ herausfand. Insgesamt aber scheint es, als hätten zwei Jahre Corona den deutschen Journalismus ein Stück weit vorbereitet auf unklare Lagen und ein Dauerstakkato von Weltereignissen. Krisenfest und erdverwachsen erledigen die meisten Medien ihren Job. Gewissenhaft vermelden Newsticker den Sachstand, soweit er überprüfbar ist.

Auffällig ist dabei insgesamt eine Tendenz zur Aufrichtigkeit. „Im Moment wissen wir nicht einmal, wo die Front verläuft“, sagt ZDF-Korrespondent Axel Storm offen. Er könne nicht genau sagen, wie die Lage einzuschätzen ist, sagt auch ARD-Korrespondent Demian von Osten. Es sind Momente der Wahrheit, die jedem Medium gut zu Gesicht stehen. Kaum etwas fördert das Vertrauen zwischen Medium und Zuschauer so sehr wie Reporter, die sich ehrlich machen. Ihr wisst es nicht. Wir wissen es nicht. Aber wir bemühen uns um Klärung.

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Worauf ist Verlass in diesen Zeiten?

Warum berichten Medien überhaupt fast durchgehend, obwohl sich nach der vorigen Schalte vor 22 Minuten an die polnisch-ukrainische Grenze nichts wirklich Neues ereignet hat? Weil es in einer solchen Lage keine Alternative zum Berichten gibt. Ruge konnte noch tagelang an seinem nächsten Beitrag basteln. Das ist längst Vergangenheit. Natürlich sind die Zeiten anders, komplexer, undurchsichtiger, schneller, greller. Nichtberichten ist keine Option. Gewiss macht das berüchtigte „Doomscrolling“ – das permanente Verfolgen von düsteren Newshäppchen auf dem Smartphone – die menschliche Seele mürbe.

Aber es ist für Nachrichtenjunkies fast ebenso anstrengend, die Weltlage vorsätzlich zu ignorieren, wie sich mit ihr auseinanderzusetzen. So versuchen in diesen Tagen Millionen, sich die Quintessenz des Weltgeschehens aus Tweets, Schlagzeilen, Nachrichtenstorys, Talkshowzitaten und blitzschnellen Urteilen quasi permanent in Echtzeit herauszufiltern.

Worauf aber ist Verlass in diesen Zeiten? Wem soll man glauben? Welche Bilder sind echt? Russland flutet das Netz geradezu mit Falschinformationen. Bei „ARD aktuell“ auf dem NDR-Gelände in Hamburg-Lokstedt, wo „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ ihren Sitz haben, ist das Bildmanagement dafür zuständig, Filmclips aus dem Social Web zu verifizieren. „Seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine ist der Anteil an user-generated content massiv gestiegen“, teilt die Redaktion mit. „Täglich durchlaufen etwa 20 bis 30 Videos ein vierstufiges Verifikationsverfahren, bevor sie – neben dem Bewegtbildangebot von verlässlichen Nachrichtenagenturen und der Eurovision sowie den eigengedrehten Videos der ARD-Korrespondentinnen und ARD-Korrespondenten – der Redaktion als Materialquelle zur Verfügung stehen.“ Der erhöhte Anteil von Social-Media-Clips sei „in Breaking-News- und Krisenlagen nicht ungewöhnlich“. Doch natürlich sei nicht immer zu klären, welche Intention Urheber von Videos genau verfolgen.

In regelrechten „Fake-News-Farmen“ ersinnen Kohorten von Lügenlieferanten erfundene Meldungen, die gezielt provozieren und die Kremllinie ventilieren sollen. Putin-Verteidiger und Trollroboter tun ihr Übriges, teilen alberne bis gefährliche Telegram-Screenshots – und versperren sich hartnäckig jeder Chance auf eine reale Erkenntnis. Wäre es nicht so schädlich – es trüge fast sportliche Züge. Was aktuell im Internet passiert, gleicht einer Weltmeisterschaft im Massentrotz.

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Ein Glamourgirl als Freiheitskämpferin

Unabhängige russische Medien gibt es kaum noch. Eine Ausnahme bildet (noch) der unabhängige Internetsender Doschd TV (auf Deutsch: Regen). Es war der Kanal Doschd TV, auf dem sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen direkt an das russische Volk wandte. Gründerin ist das frühere Moskauer Glamourgirl Natascha Sindeewa, das vom Partystar zur Kämpferin für Pressefreiheit wurde. Putin nennt Sindeewa eine „feindliche Agentin“. Der Dokumentarfilm „F@ck this Job – Abenteuer im russischen Journalismus“ von NDR/BBC erzählt ihre Geschichte, zu sehen etwa in der ARD-Mediathek.

Russland hat seinen Medien in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg Begriffe wie „Angriff“, „Invasion“ und „Kriegserklärung“ verboten. Diese müssten gelöscht werden, teilte die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor in Moskau mit. Das gelte auch für die Verbreitung „unwahrer Informationen über den Beschuss ukrainischer Städte und den Tod von Zivilisten in der Ukraine durch Handlungen der russischen Armee“. Offiziell ist von einer „Friedensmission“ die Rede.

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Putins verlängerte Propagandaarme

Im eigenen Land sind die Medien weitgehend auf Putin-Linie. Das russische Staatsfernsehen, noch immer Hauptnachrichtenquelle für große Teile vor allem der älteren Bevölkerung, spiegelt eine Parallelrealität, in der der üble Westen den Russen an den Kragen will, in der die ukrainische Regierung eine Bande von Drogenabhängigen und Nazis ist, in der jegliche Aggression von der Nato ausgehe und in der Ostukraine ein „Genozid“ an Russen im Gange sei.

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Die Europäische Union will deshalb Putins verlängerte Propagandaarme Russia Today und Sputnik abschalten, diese Giftspritzen der Desinformation, die die Kremllegenden auch über Russland hinaus in die Welt zu blasen versuchen. Sie seien die „Champions der Informationsmanipulation“, zürnte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Seit der Übernahme der Halbinsel Krim sei die Flut an Propaganda mächtig angeschwollen.

RT Deutsch bittet um Löschung

Wie allergisch die kremlnahen Medien auf Fakten reagieren, zeigte sich am Montag: Da forderte ein Mitarbeiter der RT-Deutsch-Redaktion das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv per Mail auf, einen Faktencheckartikel zu löschen. Correctiv hatte einen tendenziösen Artikel von RT Deutsch überprüft, in dem die Folgen des Krieges für ukrainische Zivilisten heruntergespielt wurden. Leider seien „in der Tat einige Zivilisten ums Leben gekommen“, schrieb RT Deutsch. Das bedeute jedoch nicht, dass sie vom russischen Militär „gezielt angegriffen wurden“. Man bitte deshalb um Löschung.

Die Antwort von Correctiv-Gründer David Schraven ließ an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig:

„Sehr geehrte Damen und Herren, Sie sind kein unabhängiges Medium. Sie sind ein staatliches Organ der russischen Regierung unter Putins Verantwortung, die für Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Sie machen keine unabhängigen Berichte über Aussagen von Putins Politikern, sondern sie sind ein im Staat integriertes Propagandamachtmittel, das mit der Intention heraus im Westen veröffentlicht, den Willen der Putin-Regierung in unserem Land durchzusetzen. Sie verstoßen laufend gegen den Sinn des deutschen Pressekodexes. Sie haben an uns keine Ansprüche zu stellen.“

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Der lange Arm von Putin reicht bis auf deutsche Schulhöfe

Wie tief die giftigen Desinformationsflüsse von Quellen wie RT Deutsch in den hiesigen Alltag reichen, beobachtet auch Ramona Schumann, SPD-Bürgermeisterin der Stadt Pattensen bei Hannover. In schulischen Whatsapp-Gruppen oder bei Tiktok etwa seien Kinder ohne jeden Filter solchen Inhalten ausgesetzt. Viele Lehrer hätten bereits geschildert, wie schwierig der Umgang mit Kindern sei, die von zu Hause oder aus sozialen Medien Falschinformationen mitbrächten und für Fakten kaum noch erreichbar seien. „Die Schule muss eine Institution sein, in der Kinder auf ihre Fragen eine möglichst verlässliche Antwort bekommen können“, sagt Schumann. Der lange Arm von Putin reicht bis auf deutsche Schulhöfe.

Die „Wahrheit“ war zu allen Zeiten und in allen Kriegen eine Waffe, ein mit den Mitteln der jeweiligen Zeit heftig umkämpftes Konstrukt. „Fakten“ sind schon vom Wort her etwas „Gemachtes“ (vom Lateinischen „facere/machen“). In modernen Konflikten wie dem Ukraine-Krieg spielen Medien eine dramatische Sonderrolle wider Willen. „Vielleicht ist im 21. Jahrhundert der Informationskrieg wichtiger geworden als der mit Raketen und Kanonen, insbesondere, wenn Demokratien beteiligt sind“, schreibt „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo. „Denn durch Informationen werden Stimmungen beeinflusst, und in liberalen Demokratien entscheiden oft Stimmungen in Form von großen öffentlichen Debatten über das Handeln der Politik.“

„Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie“

Jede große Weltlage entwickelt früher oder später eine emotionale Eigendynamik. Es legt sich eine bestimmte Stimmung über das Land. Nichts würde Putin in dieser Phase mehr nutzen als kollektive Hektik und Verunsicherung, befeuert durch panische Medien. Doch davon kann keine Rede sein.

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Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte 2011 als norwegischer Ministerpräsident nach dem Anschlag von Utøya mit 69 Toten: „Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Humanität.“ Es ist das europäische Rezept der Stunde. Und die Berichterstattung der meisten seriösen Medien spiegelt aktuell genau diesen alarmismusfreien Kurs. Es ist, als laute die gemeinsame Botschaft nach Moskau: Wir lassen uns nicht emotional radikalisieren.

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