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Kabarettist Hannes Ringlstetter: “Es wird mehr als genug geredet im deutschen Fernsehen”

  • Ab diesem Dienstag bekommt Hannes Ringlstetter seine eigene Talkshow im Ersten: “Club 1”.
  • Der Kabarettist spricht im RND-Interview über die Sendung und Eskapismus, Jürgen von der Lippe und Überraschungsgäste.
  • Und erklärt, wieso er beim Humor auf Empathie statt Zynismus setzt.
Jan Freitag
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Herr Ringlstetter, können Sie sich meine erste Reaktion auf “Club 1” vorstellen?

Ich erwarte was Ironisches, also nur zu!

Hurra, endlich noch eine Talkshow!

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Da gebe ich Ihnen grundsätzlich recht, mir ging es bei der Anfrage des Ersten, eine Talkshow zu machen, genauso. Es wird schließlich mehr als genug geredet im deutschen Fernsehen, und ich als Zuschauer habe definitiv keinen Bedarf nach noch mehr. Aber wir wollten was anderes machen, deshalb erschien mir der einzig interessante Move, für spontane Begegnungen ohne Netz und doppelten Boden zu sorgen. Ich lerne meine Gäste ja nicht vor, sondern während der Sendung kennen, wir müssen über den Smalltalk ins Gespräch finden.

Und das ist neu?

Das ist nicht neu, weil mein hochgeschätzter Kollege Jürgen von der Lippe das bereits in den Achtzigern und Neunzigern mit “So isses” und “Wat is?” gemacht hat, wo er seine unbekannten Gäste über Hinweise erraten musste, die ihm sein Kameramann gegeben hatte. Der Unterschied zu damals besteht daher in Caro.

Carolin Matzko, Ihrer Assistentin.

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Mehr Anleiterin, die den Gast vorab kennt, gut vorbereitet ist und die Gespräche mit Fakten füttert. Dass eine Frau durch die Sendung führt und der Mann sich austoben kann, ist meines Wissens nach noch neu.

Ist sie dadurch eine Art Manuel Andrack, der den entfesselten Harald Schmidt in dessen Late-Night erden musste?

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Sie sorgt zumindest für Struktur, ohne die 90 Minuten Talkshow schnell Geplapper sind. Wir nehmen live on tape auf. Da möchte ich maximal 10 Prozent über der Sendezeit bleiben, um möglichst wenig rausschneiden zu müssen und trotzdem das vorbereitete Raster gewöhnlicher Talkshows verlassen zu können. In anderen Talkshows bleiben die Moderatoren schon mal am Fragenkatalog hängen, hier sind ungewöhnliche Augenblicke ohne Plattitüden zur Binnensicht auf Menschen möglich.

Sind Sie generell eher ein Komiker, der am Skript hängt?

Sagen wir so: Ich habe ein Programm, spiele mich aber frei. Hier ist es umgekehrt: Ich agiere frei und versuche, daraus Programm zu machen. Das ist wie im Privaten: Wenn wir zwei uns in der Kneipe treffen, würden wir was bestellen, über die Dinge des Alltags sprechen …

Erst mal über Corona ...

Klar, erst mal Corona, dann das Wetter. Aber danach würden wir uns thematisch irgendwie an echte Substanz heranarbeiten.

Birgt das vor der Kamera nicht die Gefahr, sich auf dem Weg dorthin zu verplaudern?

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Gott sei Dank! Wir regen uns doch seit Ewigkeiten auf, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen zu wenig ins Risiko geht. Nur mit Fallhöhe schafft es das Medium von der Komfortzone zur Spielfläche. Und mit Selbstironie. Ohne die ist Selbstbewusstsein Arroganz. Leider verwechseln viele Humor damit, über andere lachen zu können. Für mich bedeutet er, über sich lachen zu können. Was nur geht, wenn man sich selber nicht so ernst nimmt. Überhaupt – dieser dauernde Ernst.

Ja?

Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, überhaupt noch irgendetwas ernst zu nehmen. Andernfalls würde ich den ganzen Wahnsinn der Welt vermutlich nicht packen.

Das klingt nach Eskapismus, wie ihn das öffentlich-rechtliche Fernsehen öfter betreibt.

Könnte man meinen, aber bei meiner Flucht suche ich immer noch nach Lösungen. Du kannst doch einen Andi Scheuer nicht mit Ernst begegnen, sonst steigst du ins Auto und verpasst ihm a Watschn. Da sage ich mir lieber: Den gibt’s gar nicht, das ist eine Animation. So was hilft.

Ihr Humor ist also Selbstschutz?

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Dafür wurde er vor Jahrtausenden erfunden, aus dem Wissen um unsere Vergänglichkeit. Am Ende sterben wir alle. Das ist echt nicht witzig. Es sei denn, man sieht das Leben mit Humor. Wenn ich die Probleme der Menschen beruflich oder privat ins Lächerliche ziehe, will ich sie deshalb nicht verletzen, sondern an sie appellieren, sich weniger wichtig zu nehmen, und zwar nicht mit Zynismus, sondern Empathie.

Was ist falsch an einer guten Portion Zynismus?

Dass sich Zyniker damit selbst überhöhen. Empathischer Humor dagegen verändert die Energie jedes Gesprächs zum Guten und bietet Denkoptionen auf.

Kann es dennoch sein, dass es mit einem Ihrer Gäste nach kurzem Smalltalk zu humorlosem Austausch knallharter Fakten kommt?

Theoretisch schon. Weil ich mir in jeder Folge einen Musiker meiner Wahl einlade, mit dem ich nicht nur musiziere, sondern auch rede, wird es sogar unvermeidlich ernst. Gerade hatte ich in meiner BR-Talkshow Helge Schneider zu Gast. Er war seine Kunstfigur, sehr witzig, aber als das Gespräch aufs Thema Live-Musik in Zeiten von Corona kam, wurde er plötzlich zur realen Person. Das musste ich nicht rauskitzeln, es hat sich ergeben. Außerdem: Wenn Männer mit 50 wie ich versuchen, immer nur lustig zu sein, wird es rasch würdelos und kippt ins Blödeln.

Bierselige Eskalation wie bei der ähnlich alten Ina Müller gibt’s bei Ihnen also nicht?

Nein. Das ist bei ihr aber auch dem Format geschuldet. Ein Schellfischposten ohne Geschrei funktioniert nicht. Dafür bin bei aller Wertschätzung für Ina einfach nicht schrill genug.

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