Neuer Kieler “Tatort” mit Borowski so heftig und blutig wie lange nicht

  • Der “Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe” aus Kiel (10. Mai) ist nichts für Kinder oder schwache Nerven.
  • Denn die erste halbe Stunde des Sonntagskrimis hat es in sich.
  • Danach wird wieder routinemäßig ermittelt – doch es bleibt trotzdem spannend.
Ernst Corinth
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Eines gleich vorweg: Die Möwe im Titel, die an ein Kinderhörspiel erinnert, ist völlig unschuldig an dem Schlamassel, mit dem hier die Kieler Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) auf sehr dramatische Weise konfrontiert werden. Und Kinder sollten sich diesen Film sowieso nicht anschauen. Denn der “Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe” (Sonntag, 10. Mai, 20.15 Uhr im Ersten; Regie: Hüseyin Tabak, Drehbuch: Eva und Volker A. Zahn) ist kein Kinderkram oder ein neues “Drei ???”-Abenteuer, hier geht’s in der ersten halben Stunde so heftig und blutig zur Sache, wie man es lange nicht in einem Kieler “Tatort” gesehen hat.

Selbst der stets in sich ruhende Borowski wird dabei zumindest anfangs voll gefordert, körperlich, aber vor allem psychisch. Danach allerdings ist der wie auf Speed ablaufende Spuk wieder vorbei, recht routinemäßig und gemächlich-spröde wird dann die übliche Ermittlungsarbeit abgespult. Was ziemlich schade ist. Aber vermutlich wollte man der bei ihren Sehgewohnheiten mehrheitlich konservativ gestimmten “Tatort”-Gemeinde zu viel frischen Wind wohl doch nicht zumuten.

Ungewohnt rasanter Anfang

Aber der ungewohnt rasante Anfang, der besonders den jungen Darstellern zu verdanken ist, hat es wahrlich in sich. Zuerst sieht man einer Gruppe von Polizeischülern beim Fahrtraining zu. Wobei “Training” eigentlich das falsche Wort ist, angesagt ist nämlich Sirene, Blinklicht aufs Dach und mit vollem Karacho inklusive höllischen Überholmanövern durch den Kieler Straßenverkehr. Ein Einsatz am äußersten Rande des gerade noch Erlaubten. Und eine Aktion, die bereits andeutet, dass die Grenze zwischen Ordnungshüter und Ganove bisweilen doch ziemlich durchlässig ist.

Danach jedoch hat der Spaß ein jähes Ende, weil die jungen Verkehrsrambos mit Pensionsanspruch zu einem echten Einsatz gerufen werden: Eine junge Frau droht von einem Hochhaus zu springen. Da der Fahrstuhl im Haus natürlich gerade blockiert ist, hetzen die jungen Polizisten nach oben und versuchen dann völlig außer Atem, auf die etwa gleichaltrige Frau beruhigend einzureden. Scheinbar mit Erfolg. Doch als Jungpolizistin Nasrin (Soma Pysall) auf dem Dach erscheint, springt die Frau nach einem kurzen Blickwechsel mit ihr in die Tiefe.

Schockierender Vorfall

Am Abend nach diesem schockierenden Vorfall versuchen sich die immer noch traumatisierten Polizeischüler bei Musik, Tanz, Alkohol und anderen Drogen abzulenken. Und am folgenden Morgen, bei einem von Sahin an der Polizeihochschule geleiteten Workshop, kommt es dann unter ihnen zu einer völlig unerwarteten und völlig irrsinnigen Bluttat, die auch der anwesende Borowski nicht verhindern kann. Dennoch macht er sich Vorwürfe, auch den eigentlich recht unsinnigen Vorwurf, dass er die Leitung des Workshops Sahin überlassen hat.

Die Stimmung zwischen den beiden Kommissaren sinkt daraufhin weit unter null. Auch bei den dann einsetzenden Ermittlungen dauert es lange, bis sich zwischen ihnen wenigstens wieder ein bisschen Vertrauen herstellt. Außerdem agiert Milberg in seiner Rolle längst so dominant, so jenseits von Gut und Böse, dass seine junge Kollegin kaum eine Chance hat, ihr Können zu zeigen. Ein Schicksal, das sie sich mit ihrer Vorgängerin Sibel Kekilli teilt.

Für Milberg-Fans ist dieser “Tatort” ein Fest

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Für Milberg-Fans dagegen ist dieser “Tatort” mal wieder ein Fest. Und selbst so scheinbar unberechenbare Jugendliche wie diese Polizeischüler (darunter übrigens als Leroy der Rapper Stefan Hergli in seiner ersten Filmrolle, auch der Titelsong stammt von ihm) können ihn nicht lange erschüttern. Routiniert wird jetzt also nach Motiven einer völlig unerklärlichen Tat gesucht, und dass dabei seltsamerweise kein Psychologe zu Rate gezogen wird, ist übrigens nach den Worten der Drehbuchautorin gängige Praxis.

All das läuft zwar nach altbekanntem Muster ab, ist dennoch dank überraschender Wendung ausreichend spannend. Psychologisch wirkt die sehr bedrückende Geschichte, die sich zu einem wahren Drama entwickelt, zudem sehr stimmig. Auch die Darsteller wissen zu überzeugen, besonders die 1995 geborene Soma Pysall (“Beat”) als Polizeischülerin sowie in einer kleinen Nebenrolle als Vater der Selbstmörderin Kida Khodr Ramadan (“4 Blocks”). Den Rest besorgt dann natürlich unser Borowski, der nach 90 Minuten die anfangs kurzzeitig von jungen Leuten gefährdete alte Krimiordnung am Sonntagabend endgültig wiederherstellt.

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