Khaby Lame – ein Influencer ohne Filter

  • Khaby Lame arbeitete in einer Fabrik in Norditalien, als die Corona-Pandemie Europa erreichte.
  • Der heute 21-Jährige verlor seinen Job – und meldete sich bei TikTok an.
  • Heute ist er der Influencer mit dem weltweit größten Zuwachs.
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Khaby Lame ist der Meister der Geste, die man im Englischen am besten mit „Duh“ beschreiben kann, und für die es im Deutschen kein Wort gibt – höchstens vielleicht nur die sehr umständliche Umschreibung als eine Mischung aus „Hä“ und „Voilà“ mit einer Prise von „Bist du dumm?“. Khaby Lame dreht kleine Videos, in denen er sich über Lifehacks lustig macht, also jener Form mehr oder minder innovativer Ideen, die Handkniffe im alltäglichen Leben vereinfachen sollen, es oft aber nicht wirklich tun. Und wir schreiben über Khaby Lame, weil er dies überaus erfolgreich tut.

Khabane Lame, so sein vollständiger Name, hat innerhalb eines Jahres fast 67,6 Millionen Follower bei Tiktok gesammelt und während dieser Text geschrieben, redigiert und veröffentlicht wird, ist diese Zahl wahrscheinlich schon nicht mehr aktuell. Denn den größten Teil seiner Follower sammelte er im vergangenen Monat: Noch im April hatte er „nur“ zehn Millionen. Er ist Italiens erfolgreichster Tiktoker. Zum Vergleich: Die weltweit erfolgreichste Tiktokerin Charli D‘Amelio hat 117 Millionen Folgefreudige. Laut der „New York Times“ könnte Lame D‘Amelio bald überholen, wenn er weiterhin eine solch stabile Zuwachsrate hat.

Khaby Lame – ein Mann der simplen Lösung

Der 21-Jährige benutzt einen Schuhlöffel, wenn andere umständliche Apparate bauen, er öffnet die Autotür, um ein eingeklemmtes Shirt zu befreien, wenn andere eine Schere zur Hand nehmen. Er schält eine Banane, wenn andere zum Küchenmesser greifen. Er ist der Mann der simplen Lösung. Am Ende seiner Videos zeigt er mit beiden Händen auf seine Produkte: Voilà.

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Vor einem Jahr war die Corona-Krise voll im Gange – Italien war hart getroffen, viele Fabriken waren im Stillstand. So auch die, in der Lame arbeitete. Er verlor seinen Job, darüber spricht er mit italienischen Medien. Also zog er, wie er in verschiedenen Interviews berichtet, zurück in die Sozialwohnung seiner Eltern in der Stadt Chivasso im Norden des Landes. Und anstatt auf ordentliche Jobsuche zu gehen, meldet er sich bei Tiktok an. Die ersten Videos zeigen einfach einen jungen Mann, dem langweilig ist. Am 15. März 2020 postet er sein erstes Video – das Land befindet sich im Lockdown, die Italiener sind zu Hause eingeschlossen und Lame testet Filter, spielt mit einer Schachfigur und Flaschendeckeln DJ. Jeder Tag oder jeder zweite ein neues Video.

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Und irgendwann entdeckt er die Lifehacks. Ein Frau zeigt, wie sie umständlich einen Rucksack von einem Laternenpfahl löst – er zeigt die einfache Lösung auf – und erbeutet 50 Millionen Klicks. Von da an kennt er sein Schema, sein Konzept. Er macht sich über den Inhalt anderer Tiktoker und ihren umständlichen angeblichen Abkürzungen, über ihre polierten Videos und exaltiertes Auftreten lustig. Er ist der Mann des vernünftigen Menschenverstandes, zeigt auf, wo Content um des Contents Willen produziert wird. Das zweite Video hat schon 100 Millionen Klicks.

Lame ist der Sohn senegalesischer Einwanderer

Khabana Lame wuchs eigenen Angaben zufolge in Sozialwohnungen auf. Im Alter von einem Jahr kam er nach Italien, bis heute hat er keine italienische Staatsbürgerschaft. „Anders als viele Leute glauben, bin ich glücklich, hier aufgewachsen zu sein. Überall waren Kinder wie ich, alle mit ihren eigenen Problemen natürlich“, sagt er. Er habe dort als schwarzer Senegalese keinen Rassismus erlebt, denn alle, Kalabrier, Sizilianer, Marokkaner, Albaner, seien dieselben gewesen. „Wir haben uns immer gegenseitig geholfen, da ist ein besonderer Zusammenhalt.“ Als er klein war, wollte er Comedian werde.

Doch vielleicht wären andere mit denselben Videos nicht so erfolgreich – denn seine Komik entsteht vor allem durch seine Mimik: Wie ein Mr. Bean zieht er sein Gesicht in übertriebene Grimassen. Am Anfang beschrieb er seine Videos noch auf Italienisch. Inzwischen veröffentlicht er die meisten ganz ohne Worte. Englisch spricht er noch nicht.

Ruhm ja, nachhaltiger Erfolg noch nicht

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Während die Tiktok-Welt also den neuen Rising Star feiert, hat sich bei Lame kaum etwas geändert. Der Vater, seinen Angaben nach autoritär und gläubiger Muslim, versteht den Ruhm nicht. Und laut seinem Manager Alessandro Riggio hat er im Netz kaum Geld verdient – und bisher nur einen Werbevertrag mit dem Pastahersteller Barilla unterzeichnet. Er wohnt noch in der Sozialwohnung seiner Eltern, auch wenn er inzwischen häufig aus beruflichen Gründen in Mailand ist. Für seine Mutter will er ein Haus kaufen.

Trotzdem scheint Lame, der noch vier Brüder hat, völlig unbeeindruckt von seinem virtuellen Ruhm zu sein: „Ich war vorher auch glücklich. Ich bin immer glücklich. Dass ich jetzt Erfolg habe und in Rankings auftauche, ändert nichts. Auch, wenn ich Achtzigster wäre, würde ich so leben. Ich mag es, Videos zu machen.“

Khaby Lames Videos wirken selbst gemacht

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Und er ist ein Selfmade-Man, das mag ihn von vielen anderen Tiktokern unterscheiden. Er macht die Handyvideos selbst, auch jetzt noch. Sie wirken schrabbelig – das Licht ist nicht immer gut. Und die Klamotten wiederholen sich auch immer wieder, wie das halt so ist, wenn man einen normalen Kleiderschrank hat. Er ist ein Jedermann. Keiner dieser durchtrainierten Halbgötter mit gebleichten Zähnen, die immer wieder vor einem anderen perfekten Sonnenuntergang sitzen, perfekt inszeniert.

Zwischen der ganzen Ironie, dem Einfach-nur-zum-Lachen-Bringen, gibt es immer wieder Videos, die simple Systemkritik zeigen: Zu einem Zusammenschnitt von Bildern vom Nahost-Konflikt hält er Blätter in die Kamera. „We want Peace“ (Wir wollen Frieden) steht dort. Und zeigt drauf: Voilà. In einem anderen Video spielt er ein hungerndes Kind, das um Hilfe ruft, und einen Kameramann, der nur draufhält. Das Kind schaut entnervt durch die Gegend: Voilà.

Khaby Lame hat keinen italienischen Pass – das war bisher auch kein Problem. Er ist mit einem Jahr nach Italien gekommen, dort zur Schule gegangen, hat bei Amazon gearbeitet und später in der Fabrik, die ihn feuerte. Doch jetzt will er im Herbst in die USA – und die Einreise mit senegalesischen Dokumenten ist kompliziert. Und sein Antrag für die Italienische Staatsbürgerschaft läuft nicht minder bürokratisch ab.

„Ich bin kein Bürgermeister. Ich bin ein Niemand. Ich kann Gesetze nicht ändern“, sagt der 21-Jährige im Gespräch mit der „New York Times“. Ein Niemand ist er nicht, aber vielleicht ein Jedermann: mit nun 68,4 Millionen Followern.

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