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Virologe Alexander Kekulé bei „Markus Lanz“: „Versprechen von der Herdenimmunität nicht zu halten“

  • Virologe Alexander Kekulé kritisiert bei „Markus Lanz“ den Umgang von Boris Johnson mit dem Coronavirus.
  • Mit der geplanten Abschaffung aller Maßnahmen gegen Corona am 19. Juli steuere man auf ein „Durchseuchungsexperiment“ zu.
  • Der Virologe erklärt auch, wie gefährlich die Delta-Variante ist und warum eine Herdenimmunität unerreichbar ist.
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Am Mittwoch lag sich ganz Wembley in den Armen – und genau darin lag die Gefahr. Bei „Markus Lanz“ zeigte der Gastgeber am Donnerstag Bilder vom EM-Halbfinalspiel des siegreichen Englands gegen Dänemark. Dicht gedrängte, singende Fans auf den Rängen, von Abstand keine Spur. Virologe Alexander Kekulé interessierte sich mehr für die Tribünen als für das Geschehen auf dem Rasen. „Also ich gucke tatsächlich ins Publikum in dieser Situation. Die haben keine Masken mehr auf und verlassen sich darauf, dass angeblich alle getestet, geimpft oder genesen sind.“ Sein ernüchterndes Fazit: „Das funktioniert in der Praxis nicht.“

In Großbritannien liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei rund 270 – in Deutschland liegt sie etwa bei 5 –, allerdings steigen im weitgehend durchgeimpften Land die Krankenhauseinlieferungen und Todeszahlen bislang kaum an. Laut Kekulé ist die Frage jetzt im Grunde genommen die: „Werden wir durch diese hohe Inzidenz irgendwann auch mehr Todesfälle bekommen? Oder ist das bei der Durchimpfungsrate, die die in Großbritannien haben, jetzt schon entkoppelt?“ Auf Letzteres hoffe Boris Johnson, der am 19. Juli alles öffnen möchte, ohne Masken. „Sie bereiten die Bevölkerung darauf vor, dass im Grunde genommen ein Durchseuchungsexperiment gemacht wird.“ Dies halte er für unverantwortlich.

Kekulé: Versprechen von Herdenimmunität war von Anfang an nicht zu halten

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Wie dieses Experiment ausgehe, sei nach Kekulé einfach nicht abzusehen. „Also wir Virologen gucken das natürlich mit wissenschaftlichem Interesse an, aber ich kann nur davor warnen, das nachzumachen.“ Die Sorge laute, dass sich bei explodierenden Infektionszahlen auch viele Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, sich nicht impfen lassen können oder das Problem nicht auf dem Schirm hätten, anstecken würden. Diese Gruppen gelte es nach Kekulés Meinung insbesondere da vorerst weiter zu schützen, wo man nicht nachvollziehen könne, wer anwesend war, beispielsweise im Supermarkt.

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Die Verbreitung der Delta-Variante hat den Kampf gegen die Pandemie erschwert. „Delta ist kein aggressives Virus, wie das viele sagen“, erklärte Kekulé. Allerdings habe die Variante zwei folgenschwere Eigenschaften. Eine sei, dass sie ungefähr 40 Prozent ansteckender ist als die Alpha-Variante. Das Hauptproblem sei hingegen, dass sich auch Geimpfte und Genesene – wenn auch meist symptomlos – infizieren könnten. „Das ist, was wir im Auge behalten müssen: dass wir durch die Geimpften und Genesenen so eine Art Schwelbrand haben werden, den wir kaum sehen.“ So werden immer wieder Menschen angesteckt. „Deshalb sage ich mal ganz provokativ: Dieses Versprechen von der Herdenimmunität, das war von Anfang an nicht zu halten.“

Was ist das Ziel der Corona-Maßnahmen?

Aber wie viele Tote ist man bereit, in Kauf zu nehmen? Jährlich würde man laut Alexander Kekulé – auch wenn dies zynisch klinge – bis zu 15.000 Influenzatote in Kauf nehmen, ganz ohne Lockdown. „Wenn wir es in einen Korridor fahren können, dass es unterhalb der Sterblichkeit der Influenza bleibt, dann ist es etwas, was wir als Gesellschaft auch vertreten können und was wir den Menschen auch erklären können“, so der Virologe. „Dann können wir sagen: Das ist unser Ziel, und deshalb müsst ihr diesen Herbst noch mal beim Einkaufen oder in der Straßenbahn Masken tragen.“

Gegängelt wird von den Maßnahmen auch die junge Generation. Außenminister Heiko Maas sprach kürzlich davon, dass man alle Corona-Einschränkungen aufheben solle, sobald alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot bekommen hätten. Im Laufe des Augusts könne man laut SPD-Politiker damit rechnen. Doch „alle Menschen“ sind wohl nicht gemeint, schließlich sind Impfungen für Kinder noch nicht einmal beschlossen. Über die Aussage echauffierte sich die 21-jährige Studentin Tabea Engelke: „Da werde ich eher wütend“, so die meinungsfreudige Jugendaktivistin. „Hat er junge Menschen in seinem Satz überhaupt mit einbezogen, oder meint er nur die 20-plus-Generation?“

RND/Teleschau

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