Kate Winslet vom Feinsten: das Thrillerdrama „Mare of Easttown“ bei Sky

  • Ein Teenager wird ermordet, eine erschöpfte Polizistin fördert auf der Mördersuche in einer amerikanischen Kleinstadt dunkle Geheimnisse zutage.
  • Die britische Schauspielerin Kate Winslet glänzt als verhärmte Titelheldin in der Sky-Serie „Mare of Easttown“ (zu sehen ab 21. Mai).
  • Regisseur Craig Zobel und Serienschöpfer Craig Ingelsby schaffen eine beklemmende Atmosphäre.
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Man hört ein Stampfen und einen urweltlichen Schrei aus der Ferne. Ein Frachtzug ist der schwerfällige Hahn, der die Stadt weckt. Die Kamera blickt die frühen, noch unbevölkerten Straßen hinab, zieht an den Gesichtern der Häuser vorbei. Wir sind in Easttown, Pennsylvania, einem Städtchen von gut 10.000 Einwohnern, in dem die Leute füreinander da sind – im Guten wie im Schlechten. Hier sagt man noch „Jesus Christ!“, wenn man eigentlich „Fuck!“ meint.

Und wenn was los ist, ruft man immer den, den man kennt. Die Enkelin einer dementen alten Nachbarin hat einen Fremden im Garten gesehen und war „zu Tode erschrocken“. Klar, dass Mare Sheehan antelefoniert wird, auch wenn die Polizistin eigentlich für die schwereren Verbrechen in Easttown zuständig ist. Aber das kann sie den Leuten noch so oft erklären. Mare sieht müde aus, eine Frau in den Vierzigern, gerädert, als würde sich gerade eine Doppelschicht dem Ende zuneigen. Dabei beginnt der Tag erst.

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Easttown feiert Mare – das macht sie nur trauriger

Kate Winslet ist die Titelheldin der Serie „Mare of Easttown“. Ihre Mare ist eine von den Leuten, von denen Bruce Springsteen in seinem Song „Glory Days“ erzählt, die Helden oder Heldinnen für einen Tag waren und über die die Zeit längst hinweg ist. Sie hat das entscheidende Tor in einem Spiel erzielt, das ihrer Stadt eine einmalige Meisterschaft im Basketball einbrachte. Das ist 25 Jahre her. Inzwischen ist ihre Ehe mit Frank (David Denman) zerbrochen, hat sich ihr Mann eine neue Familie gesucht und ist gegenüber eingezogen, hat ihr drogensüchtiger Sohn Kevin (Cody Kostro) Selbstmord begangen, ist sie allein geblieben mit ihrer Tochter Siobhan (Angourie Rice), ihrer anstrengenden Mutter Helen (grandios: Jean Smart, „Watchmen“) und dem kleinen Enkel (Izzy King), für den ihre Ex-Junkie-Schwiegertochter Carrie (Sosie Bacon) unbedingt das Sorgerecht will.

Easttown feiert das Siegerteam von damals, aber die Feier fühlt sich nach Scherben und Asche an, wie eine Bestätigung des seitherigen Stillstands. In der Jubiläums­mannschaft laufen Lori (Julianne Nicholson) mit, Mares beste Freundin, und Dawn (Enid Graham), die vom Krebs gezeichnet ist und nicht mehr so gut mit Mare kann. Vor einem Jahr ist Dawns drogensüchtige Tochter Katie verschwunden und immer wieder macht sie in den Medien Stimmung gegen die Polizei, die untätig sei.

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Etwas Unheilvolles will in die Welt

Und dann stirbt ein Mädchen in Easttown. Die 17-jährige Erin (Cailey Spaeny) liegt am Crickin’ Creek, halb auf Steinen, halb im Fluss, nackt, mit einer tiefen Stirnwunde – eine weggeworfener Mensch, zutiefst mitleiderregend in seiner Unwiderbringlichkeit. Erin hatte ein Baby, das dringend eine Operation benötigte, aber Dylan (Jack Mulhern), ihr Ex, wollte nicht dafür aufkommen. Eine Mördersuche beginnt, und weil jeder jeden kennt und Mare auf ihre spezielle, wenig rücksichtsvolle Weise ermittelt – von den offensichtlichen Verdächtigen bis zu Leuten, die nie glaubten, dass ihre Kleinstadt­geheimnisse einmal gelüftet würden –, ist Easttown bald schon ein aufgewühlter, verstörter Ort.

Eine beklemmende Atmosphäre erschaffen Regisseur Craig Zobel („One Dollar“) und Serienschöpfer und Autor Brad Ingelsby („The Friend“) in diesem Thrillerdrama. Auch als alles noch ganz normal ist, spürt man, dass etwas sich anbahnt in Easttown. Es ist das unangenehme Gefühl von etwas Bösem, das noch nicht in dieser Welt ist, von dem man aber spürt, dass es hineinwill. Selten hat man dies seit den Tagen von David Lynchs „Twin Peaks“ so gefühlt. Und Zobel und Ingelsby brauchen dafür nicht einmal übernatürlichen Zinnober.

Bin ins Kleinste wird eine komplexe, wahrhaftige Welt erschaffen. Die Fürsorge der Serienmacher gilt auch den meisten Nebenfiguren, und ein durchweg beeindruckender Cast macht sie zu glaubwürdigen Menschen. Umsichtig werden die Charaktere gezeichnet, ergründet, kaum jemand hier ist Schablone, niemand muss TV-Unsinn sprechen. Es ist, als sähe man echtem Leben zu, wie in der ähnlich gelagerten britischen Serie „Happy Valley“ mit der großartigen Sarah Lancashire als Sergeant Catherine Cawood (deren bislang zwei Staffeln Bingewatchern hiermit auch gleich anempfohlen seien).

Winslet als Mare – das ist ganz große Schauspielkunst

Winslet liefert eine der bewegendsten Leistungen ihrer Karriere, spielt eine Frau, die sich gefangen fühlt, sich nach einem Ausbruch sehnt und den Kick des Augenblicks nutzt, sei es mit dem FBI-Mann Zabel (Evan Peters, „American Horror Story“) oder mit dem Schriftsteller Richard (Guy Pearce) – zwei Charakteren, die man sich allerdings etwas ausgeprägter gewünscht hätte. Trauer steckt in Mare, die sie nicht zeigen will, Wut, die sie unterdrückt.

Wie sie sich binnen weniger Augenblicke verhärten kann, wie sie dann nach innen blickt und sich wieder fasst, wie sie sich links liegen gelassen fühlt auf einer feinen Abend­gesellschaft (und zur Strafe eine gebrauchte Serviette in einer feinen Sofaritze verschwinden lässt) und wie sie dann als Polizistin in ihrem Element ist, als sie so lange an einem Tatort sucht, bis sie ein winziges Einschussloch in einem großen Baum findet, das alles ist großes Schauspiel.

Und als Mare schließlich Job und Privates unstatthaft vermengt und einen Fehler macht, der sie Dienstmarke und Waffe kosten wird, möchte man ihr in den Arm fallen, wie man zuletzt Bryan Cranston als Richter in „Your Honor“ in den Arm fallen wollte: Tu’s nicht, Mare!

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Dann wäre da noch der Thriller, der lange auf Sparflamme glüht, den man fast vergessen hat hinter alldem zwischenmenschlichen Gewese, bis er schließlich in der fünften von sieben Episoden losrollt und den eh schon atemlosen Zuschauer in einen verwahrlosten Raum mit viel zu lauter Musik führt, einen Raum, in dem alles nach Tod aussieht und der einen spontan an die Behausung des Serienkillers „Buffalo Bill“ aus „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert. Sodass die auf eigene Faust weiter ermittelnde Mare instinktiv zu ihrer Pistole greift. Nur – Jesus Christ! – die ist nicht da.

„Mare of Easttown“, sieben Episoden, bei Sky, von Brad Inglesby, Regie: Craig Zobel, mit Kate Winslet, Jean Smart, Evan Peters, Guy Pearce (streambar ab 21. Mai)

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