Countdown einer Killerin: Mary Elizabeth Winstead im Netflix-Thriller „Kate“

  • Mary Elizabeth Winstead ist eine actionerfahrene Darstellerin.
  • Aber so hart wie im Netflix-Film „Kate“ musste sie noch nie ran.
  • 24 Stunden Zeit hat sie zu ergründen, wer sie tödlich vergiftet hat.
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Präzision, dein Name ist Kate. „Fenster“ öffnen sich nur für Sekunden, und bevor sie sich wieder schließen, ist jemand tot. In zwölf Jahren, in denen sie als Assassinin arbeitete, hat sie niemals daneben geschossen. Wir begegnen Kate, als sie in Osaka letzte Absprachen trifft, einen knallpinken Lieferwagen verlässt. Eine hübsche Frau mit offenem Lächeln, nicht der eiskalte Engel, den man erwartet hat.

Kinder am Tatort sind für Kate ein Tabu

Noch schnell eine Energy-Limo, dann gibt es nur noch den Auftrag. Still und behände ist Kate, sie springt Fassaden hoch wie eine Katze und legt sich seelenruhig auf die Lauer. Ein Schuss, das „Ziel“ geht zu Boden, nur war dessen Teenagertochter an seiner Seite, die schreiend zurückbleibt. Kinder am Tatort – das ist Kates No-Go. Fast hätte sich das „Fenster“ erstmals vor der zaudernden Killerin geschlossen.

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Ja, ja, egal, sagt Varrick (Woody Harrelson), Kates Ziehvater, Trainer und Auftragsvermittler sinngemäß. Es sei ein „Versehen“ gewesen, das mit dem Kind, entschuldigt er sich zehn Monate später in Tokio mit diesem seit „Natural Born Killers“ nichts Gutes ahnen lassenden, bubenhaften Harrelson-Lächeln. Und schon weiß man, dass dieser Mann schlecht ist für Kate, nicht der beschützende Patron eines Mündels, als der er erscheinen will und wie es etwa der früh aus dem Feld geräumte Vater und Trainer der kleinen Killerin Hanna (Saoirse Ronan) in Joe Wrights „Wer ist Hanna?“ (2011) war.

Kate wird das letzte Bild des „Fensters“ nicht los, so kommt, was in Killerthrillern kommen muss: Sie will raus aus dem extremen Leben in ein normales, vielleicht sogar mit Familie. Varrick amüsiert sich – nach zwei Wochenendeinkäufen bei Walmart würde sie reuevoll zurückkehren, prophezeit er. Aber Kate ist entschlossen. Nur noch der vereinbarte „letzte Auftrag“, den älteren Bruder des Osaka-Opfers zu liquidieren, den „Oyabun“, den Paten der Yakuza, dann ist Schluss. Letzte Aufträge sind schicksalhaft in solchen Filmen, das weiß man.

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Eine Killerin geht auf die Jagd nach ihrem Mörder

Eine Nacht später hat „Schluss“ eine neue Bedeutung. Ein aparter Fremder, den Kate sich in einer Bar für eine wonnige Nacht ausgesucht hat, hat sie vergiftet. Sie ist von Schmerzen benommen, der Schuss geht daneben, das „Fenster“ ist zu. „Einen Tag höchstens“ habe sie noch zu leben, sagt ihr ein Arzt. Verstrahlt sei sie – Polonium 204. Keine Rettung. Nirgends.

Und so zieht Kate los, die an ihrem Tod Schuldigen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Kijima (Jun Kunimura), der Oyabun, ihr verfehltes „Ziel“, muss der Auftraggeber gewesen sein, ihre Vergiftung eine Quittung für den ermordeten Bruder. Kijima ist ein Mensch, der nur sehr schwer aufzufinden ist. So entführt Kate Ani (Miku Martineau), seine Nichte, um ihn herauszulocken. Ani ist das Mädchen von Osaka, das an diesem Tag noch besondere Bedeutung bekommen soll für Kate. Und: Action.

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Einiges wirkt wie eine Hommage an Ridley Scott

Cedric Nicolas-Troyan inszeniert den Countdown eines Lebens in seiner zweiten Regiearbeit nach der Märchenfortsetzung „Snow White and The Huntsman“ (2016) souverän. Der Franzose, der zuvor in vielen Filmen wie „The Ring“ (2002) oder dem zweiten Streifen der „Fluch der Karibik“-Reihe (2006) für visuelle Effekte zuständig war, präsentiert das nächtliche Tokio als Moloch aus Neon und Finsternis. Man fühlt sich zuweilen an das asiatisch anmutende Los Angeles aus Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) erinnert.

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Wie auch die actionerfahrene Mary Elizabeth Winstead („Stirb langsam“-Filme, „Birds of Prey“) an Scotts Übergestalt aller aussichtslosen Kriegerinnen erinnert – die von Sigourney Weaver gespielte Ellen Ripley aus „Alien“ (1979). Ungemein hart und realistisch sind Kates Kämpfe, aber wenn das Blut über die milchblassen Wände eines kleinen Teehauses spritzt, wird es stylish, der optisch ausgerichtete Nicolas-Troyan kann nicht anders. Beinahe wie Kalligrafie sieht der Blutzoll aus. Sich „Kate“ anzuschauen, bereitet durchaus Pläsier. Die Optik ist das Wucherpfund dieses hochenergetischen Films.

Die Geschichte von „Kate“ ist nicht originell

Originell ist die Geschichte freilich kein bisschen. Unter Regie des ungarisch-stämmigen Kamerameisters Rudolph Maté war schon Edmond O‘ Brien 1949 unterwegs, die Umstände seiner tödlichen Vergiftung aufzuklären. Allein die Eingangsszene, in der der „Held“, Frank Bigelow, auf einer Polizeiwache in San Francisco seine Ermordung anzeigt, machte „Opfer der Unterwelt“ zu einem Klassiker des „film noir“ – und zum Urfilm einer Reihe von „Dead on arrival“-Thrillern, deren jüngster nun eben „Kate“ ist. Deren Neugier-Rache-Gemütsmix dringlicher wird, je mehr ihr Körper zerfällt.

Wobei – der zerfällt gar nicht so, wie man sich das gedacht hätte (bedenkt man die Berichte über die Leiden russischer Attentatsopfer radioaktiver Verstrahlung). Gut, die Heldin stibitzt ein paar Aufputschspritzen aus dem Krankenhaus. Aber wie Kate hier Schurken über den Jordan schickt – unterbrochen von einigen Stabilitätsschwankungen, die Nicolas-Troyan denn doch pflichtschuldigst einflicht –, scheint es so, als könne Polonium wirkungsmäßig mal kurz pausieren, wenn gerade wieder mal eine neue Gegnerin oder ein neuer Gegner (oder auch eine Handvoll) aus der Welt geschafft werden muss. Oder als habe es zeitweilig sogar eine kräftigende Wirkung wie sie Radioaktivität auf den Körper von Peter „Spider-Man“-Parker hatte. Jedenfalls verfügt Kate in ihren letzten Stunden immer noch über die Spannkraft von mindestens zwei James Bonds.

Hilfreich für die muntere Todgeweihte ist zudem, dass die meist durchaus effektiven Hilfskräfte des Bösen punktuell wie verlorene Volltrottel wirken, die erstarren und ängstlich dreinschauen, wenn Kate mit ihrer Aufmischung beginnt. „Buh“ macht sie im Badehaus, da fällt so ein Mordskerl einfach um, als wäre das Wort eine Patrone gewesen, und die Senioren in den Becken lachen sich schlapp. Das mit dem Witz in finsteren Geschichten müssen wir schon noch mal üben, Monsieur Nicolas-Troyan.

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So ist der Film zwar kein Netflop, aber auch kein Muss. Man könnte hier zumindest nach Herzenslust spoilern (machen wir aber nicht), denn bezüglich der Handlung läuft alles haargenau so ab, wie man es vermutet hatte. Der Film, obzwar er vornehmlich in der Dunkelheit spielt und geheimniskrämerisch wirken will, ist so absehbar wie drei Meter Feldweg in der Mittagssonne.

„Kate“, 106 Minuten, Regie: Cedric Nicolas-Troyan, mit Mary Elizabeth Winstead, Woody Harrelson, Miku Martneau (streambar bei Netflix)

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