„Jungle Cruise” bei Disney+: Emily Blunt gegen Teutonen und Konquistadoren

  • Eine junge Wissenschaftlerin macht sich im Weltkriegsjahr 1916 zum Amazonas auf, um eine Allheilpflanze zu finden.
  • Emily Blunt und Dwayne Johnson spielen die Hauptrollen im Disney-Spektakel „Jungle Cruise”, das zeitgleich im Kino und bei Disney+ angelaufen ist.
  • Unter Regie von Jaume Collet-Serra geht es auch tief in die Filmgeschichte.
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Der Amazonas ist ein Fluss der Geschichten, der Regenwald eine verborgene Welt, in der sich dem Suchenden Unvorstellbares offenbaren kann. Hier fahndeten die Konquistadoren nach Goldlanden, hierhin verpflanzten Fantasiebegabte den Quell der ewigen Jugend, und hier wurde Sean Connery in John McTiernans Film “Medicine Man” (1992) fündig auf der Suche nach einem Krebsmittel, das dann von einer nur in einem winzigen Urwaldwinkel krabbelnden Ameisenart produziert wurde, die in Symbiose mit einer nur ebendort gedeihenden Pflanze lebte. Bagger und Brandroder vernichteten dann diesen Ort.

Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra erzählt McTiernans Story als Abenteuerspektakel neu, deutlich unterhaltsamer und auch happier endend. “Alle Legenden wurzeln in der Wirklichkeit”, so hebt “Jungle Cruise” an. Und macht uns etwas weis über die “Tränen des Mondes”, extrem kurz blühende Blüten eines sagenhaften Baums, die “jede Krankheit heilen und jeden Fluch brechen” können.

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Schon Aguirre suchte nach den „Tränen des Mondes”

Aha – das Paranormale wird einbezogen, was auf Fantasy- und Horrorelemente schließen lässt. Schon Lope Aguirre, der grausame Konquistador, der 1972 den Weltkinoruhm Klaus Kinskis und Werner Herzogs begründete, sei 400 Jahre zuvor hinter einer mythischen Pfeilspitze her gewesen, die allein den Weg zu den “Tränen” weisen soll, so erfahren wir. Er und seine Männer seien aber von einem sehr wehrhaften Dschungel besiegt worden. Freilich nicht endgültig, wie wir erfahren werden.

Männliche Geisteskreise sprechen „female” verächtlich aus

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Nach eben dieser Spitze sucht im Weltkriegsjahr 1916 auch Lily Houghton (Emily Blunt), Tochter eines berühmten englischen Amazonasforschers. Während ihr rhetorisch eher unbegabter Bruder McGregor (Jack Whitehall) mit einem holprigen Vortrag den Zorn der vornehmlich grauhaarigen, ausschließlich männlichen Mitglieder einer Londoner Wissenschaftsgesellschaft auf sich zieht, bahnt sie, die eigentliche Fachfrau, die aber per Geschlecht nicht dazu berechtigt ist, Vorträge zu halten, sich einen Weg in deren Archive, wo eine Expeditionskiste lagert, die jenen Pfeil birgt.

Wenn die erlauchten englischen Geisteskreise das Wort “fe-male” aussprechen, klingt es beinahe so abschätzig wie “ka-mel”. Begegnet Lily auf dem Weg in die geheimen Räumlichkeiten einem Archivmitarbeiter, schickt der die “Verirrte” sogleich in den Sekretärinnenflur. Wo kann eine Angehörige des bildungsfernen Geschlechts sonst hinwollen? Nun – Zeit für eine Lehrstunde im Fach “weibliche Emanzipation”.

Kennen wir schon: Der Bösewicht ist ein deutscher Prinz

Als Lily die Pfeilspitze findet, hängt sie alsbald dramatisch an einer Bibliotheksleiter aus einem Fenster hoch über dem knatternden Schnauferl-Verkehr der automobilen Weltstadt London. Es gibt einen schurkischen Gegenspieler, der sie in einer wahrhaft furiosen ersten Actionszene in diese schier ausweglose Lage gebracht hat. Und – wie in Abenteuerfilmen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen, üblich – er ist ein Deutscher: Der gern in Fantasieuniformen paradierende Prinz Joachim (Jesse Plemons) will auch via Pfeil zu den “Tränen”, weil er sich von der magischen Pflanze den Sieg des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg erhofft.

Der Film erklärt nicht weiter, wie ein solcher Sieg per Blüte genau vonstatten gehen soll. Aber in Spielbergs “Jäger des verlorenen Schatzes” erhofften sich die Nazideutschen ja auch irgendetwas Unerklärtes, großdeutsch Wirkendes vom Besitz der Bundeslade Gottes (mit den zehn von Hitler und seinen Schergen schlecht bis nicht befolgten Geboten darin). Das reichte 1981 für überwältigende 111 Minuten Kinounterhaltung. 40 Jahre später sind es 127 Minuten, ähnlich vergnüglich, allerdings weniger originell.

Jaume Collet-Serra zitiert vieles - von „African Queen” bis „Hatari!”

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Denn Collet-Serra und seine Autoren Glenn Ficarra und John Requa versammeln in ihrem Streifen zuhauf Zitate. Neben klassischen Abenteuerfilmreihen wie “Fluch der Karibik” und “Indiana Jones” sowie einer geklauten Raubkatzenpointe aus Howard Hawks’ Tierfängerepos “Hatari!” (1961) wird vor allem John Hustons “African Queen” (1951) geplündert. Die Frühgeborenen unter den heutigen Kinofans erinnern sich an Katharine Hepburn als resolute Missionarin Rose Sayer, die in Ostafrika zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf dem maroden Flussboot des Mechanikers Charlie Allnutt, gespielt von Humphrey Bogart, vor den anrückenden Deutschen floh.

Der Bogart von Collet-Serra heißt Dwayne Johnson und schippert ein Touristenboot namens La Quila (benannt nach der Mondgöttin der Inkas) über den Amazonas. Das Schiff wird nur von Stricken und guter Hoffnung zusammengehalten, der Skipper Frank Wolff pendelt auf seinen Ausflügen im Minutentakt zwischen Entertainment und Reparaturmaßnahmen, und hat im Übrigen einen lukrativen Deal mit einem Eingeborenenstamm, die Fahrgäste tüchtig einzuschüchtern.

Ein Trio à la „Die Mumie” besteht haarsträubende Abenteuer

Selbst ist Frank beim örtlichen Mobster Nilo (Paul Giamatti) hoch verschuldet. Als er mit einem Einbruch sein von Nilo konfisziertes Boot zurückholen will, trifft er auf Lily und den von der Wucht der Natur ziemlich eingeschüchterten McGregor, die beide einen Skipper für die Fahrt zu den “Tränen” suchen. Und schon ist ein Trio (Feministin, Macker und Softie) komplett, das nun – wie Bredan Fraser, Rachel Weisz und John Hannah in “Die Mumie” (1999) – in einem fort haarsträubende Abenteuer besteht.

Der männliche Held muss der Heldin den Vortritt lassen

Das alles wird mit viel Witz und Augenzwinkern, nicht allzu tiefgründigen Dialogen und vor allem vertauschten Geschlechterrollen erzählt. Der männliche Held Frank wird sanft an die Seite gedrängt und muss der Heroin den Vortritt lassen. Während Frank mit der ersten Frau, die er je in Hosen sah, und die er nur “Buxe” (im Original: “pants”) nennt, umzugehen lernt, ist er hauptsächlich dazu da, den Vormarsch der Emanzipation mit wachsendem Respekt zu bestätigen. Zwar schwingt er sich übers Deck der “La Quila” wie Tarzan, aber Lily ist – wie Lara Croft in den “Tomb Raider”-Streifen – das wahre Zentrum der Geschichte.

Emily Blunt wäre zwar auch bestens geeignet für eine romantische Entwicklung, aber – hey – Dwayne Johnson ist bis zum überdramatisierten Ende wie immer eher ein Papa Bär als ein sinnlicher Romeo. Zwar knistert nichts, liebenswert ist Frank dennoch, und so bekommt der knuffigste Wrestler, der je vom Ring auf die Leinwand wechselte, eine Auferstehungsszene à la Balu in Disneys “Dschungelbuch” spendiert.

Gendergerechtigkeit, Rassismus, LGBTQI+ – von allem ein bisschen

Überhaupt ist Energie und Dynamik hier sowieso alles, und ob des Tempos wirkt die zuweilen künstliche Szenerie und die nicht immer On-the-Top-CGI-Arbeit in dem Fantasy-Abenteuerfilm-Hybrid, der auf einer (rassistisch bebilderten) Disneyland-Attraktion aus dem Jahr 1955 basiert, eher märchenhaft unwirklich als dürftig. In die formelhafte Handlung eingeflochten werden neben dem Sujet der Gendergerechtigkeit heute brennende Themen wie LGBTQI+-Akzeptanz und Rassismus. McGregor outet sich gegenüber Frank als schwul und wird von ihm freiweg akzeptiert. Und: “Das nächste Mal zahlst du mehr für diesen Booga-Booga-Unsinn”, erklärt die selbstbewusste Häuptlingin des fiktiven Amazonasstammes der Puka Michuna ihrem Auftraggeber.

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Die angeschlagene Lunge der Welt wird derweil Tag für Tag weiter zerstört. Das Gefühl, dass durch das rohe Abholzen dieser Welt noch unentdeckte Geheimnisse der Natur unwiederbringlich verloren gehen könnten, gehört zu den “Nachwirkungen” auch dieses Films. “Scheiße” ist im englischen Original von “Jungle Cruise” das “famous last german word” in diesem Film. Und wenn auch Prinz Joachim damit sein rapide sich nahendes Ende kommentiert, ist dem nur eins hinzuzufügen: Rettet den Regenwald!

“Jungle Cruise”, 127 Minuten, Regie: Jaume Collet-Serra, mit Dwayne Johnson, Emily Blunt, Jack Whitehall, Jesse Plemons (gegen Aufpreis bereits streambar bei Disney+ sowie im Kino)

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