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Auftritt bei Servus TV: Julian Reichelt erzählt seine Version des „Bild“-Rauswurfs und von neuen Plänen

Der ehemalige „Bild“-Chef Julian Reichelt im Jahr 2020.

Hannover.Am Sonntagabend war Julian Reichelt zu Gast beim österreichischen Sender Servus TV und tat dort das, was ihm Kritiker schon in seiner Zeit als „Bild“-Chef vorwarfen: Nachrichten mit Eigeninterpretationen aufladen, so dass sie am Ende mit der Realität nur noch entfernt etwas gemein haben.

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Einen Unterschied zur Arbeit bei „Bild“ gab es diesmal aber schon. In der Talksendung „Links. Rechts. Mitte – Duell der Meinungsmacher“ ging es nicht ausschließlich um die Nachrichtenlage – in diesem Fall Corona und die Impfpflicht –, sondern auch um die Person Julian Reichelt selbst.

Rauswurf nach Recherchen

Die offizielle Geschichte: Reichelt war im Oktober als Chef der „Bild“-Zeitung entlassen worden, weil er laut seines Arbeitgebers Axel Springer „Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt“ haben soll. Zuvor hatte das Investigativteam des Ippen-Verlages in der Causa recherchiert und Vorwürfe des Machtmissbrauchs durch Reichelt erhoben – Vorwürfe, die zuvor auch schon in einem internen Compliance-Verfahren untersucht worden waren. Vorwürfe, die auch Recherchen der „New York Times“ ergeben hatten.

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Reichelts eigene Interpretation der Geschichte klingt etwas anders. Schon im Dezember hatte der geschasste „Bild“-Chef auf Twitter suggeriert, er sei aus ganz anderen Gründen entlassen worden. „Ich weiß, wie viele Politiker es herbeigesehnt und befeuert haben, dass man mir die Möglichkeit nimmt, ‚Bild‘ als klarste und unüberhörbare Stimme des freiheitlichen Denkens zu verteidigen“, schrieb Reichelt damals. „Aber das wird mich nicht davon abhalten, klar zu benennen, was in unserem Land passiert. Schon gar nicht an so einem Tag.“

Reichelts eigene Version

Auf Servus TV bekam Reichelt am Abend zur besten Sendezeit die Bühne, diese Version noch einmal für ein Fernsehpublikum weiterzuspinnen. Es gebe „ein politisches Klima“, in dem man „dankbar dafür“ sei, wenn „kritische Stimmen verstummen“, so der Journalist. Ob das in seinem Fall auch die Motivation gewesen sein, vermöge er jedoch nicht zu sagen.

Es sei aber ein inzwischen „beliebtes Instrument besonders linker Argumentation (…), so etwas wie die Unschuldsvermutung einfach außer Kraft zu setzen und Vorwürfe in einer diffusen (…) Weise zu verbreiten, dass man sich dagegen nicht mehr verteidigen kann. Das war bei mir hocherfolgreich am Ende“, beklagte er.

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Die „Zeit in der wir leben“ sei voll von „Cancel Culture“ und „Woke Wahnsinn“, meint Reichelt – zu dem Verfahren selbst wolle er sich nicht mehr äußern. Er bezeichnete die Vorwürfe als „erfundenen Quatsch“ und habe dazu inzwischen auch „alles gesagt“.

Gerüchte um Wechsel zu Servus TV

Der Auftritt des 41-Jährigen in der Talkshow von Servus TV war der erste nach seinem Rauswurf bei „Bild“ im Herbst. Dass Reichelt sein TV-Comeback ausgerechnet bei dem österreichischen Sender feiern würde, war in der Branche zuvor bereits vermutet worden.

Der Journalist David Schraven beispielsweise hatte auf Twitter gemunkelt: „Ist eigentlich schon allgemein bekannt, dass Julian Reichelt zu Servus TV geht?“ In der Branche höre man das, sagte er später dem Magazin „Medieninsider“. Reichelt selbst teilte gegenüber dem Magazin später mit, er gehe zwar nach Österreich – allerdings „nur in den Skiurlaub“.

Auch in der Talksendung am Sonntagabend dementierte Reichelt Gerüchte, beim österreichischen Sender anzuheuern. „Zu Servus TV komme ich nicht.“

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Servus TV gehört zur Red Bull Media Group, hinter der wiederum der Unternehmer Dietrich Mateschitz steht. Dieser besitzt eine ganze Reihe verschiedener Medien, denen in der Vergangenheit immer wieder Rechtspopulismus vorgeworfen wurde. In der Corona-Pandemie entwickelte sich der Sender zum Sprachrohr von Kritikern der Corona-Regeln – und teils zum Sprachrohr von Verschwörungsideologen.

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Journalistisches Comeback geplant

In der Branche wird seit längerem vermutet, Mateschitz könne Servus TV langfristig in eine Art „deutschsprachiges Fox-News“ umbauen und daher Personal wie Reichelt gut gebrauchen. Der 41-Jährige war auch am Aufbau des – bislang weitestgehend unerfolgreichen – TV Senders der „Bild“ beteiligt.

Dem ist nun wohl aber doch nicht so. Reichelts Inszenierung als Opfer der „Cancel Culture“ ging in der Talkshow stattdessen einher mit einer kleinen Werbeeinlage. Denn der ehemalige „Bild“-Chef plant offenbar ein journalistisches Comeback – in Eigenregie.

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Eine „neue Plattform“ sei in Arbeit, so Reichelt – dafür spreche er derzeit mit „vielen spannenden Menschen“. Als „Marktlücke“ bezeichnet Reichelt seine Pläne – Journalismus, der nach den Fakten suche und sage, was ist und nicht das sage, „was Regierende gerne gesagt hätten“.

Eine Erzählung, die nur zu gut zum Selbstverständnis Reichelts passt. Ein Widerstandskämpfer, allein auf weiter Flur, im dauerhaften Kampf gegen alles mögliche, und vor allem gegen den „Woke Wahnsinn“. Die neue „Plattform“ könnte spannend werden – wären ihre Inhalte nicht so vorhersehbar.

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