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Potpourri des Populismus

Ex-„Bild“-Chef Reichelt startet eigene Youtube-Show

Julian Reichelt, einst Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, hat jetzt eine eigene Show auf Youtube (Archivbild).

Berlin. „I‘ll be back“. Dieser Satz, diese Ankündigung, diese Drohung, wie manch einer es vielleicht formulieren würde, stand über Wochen und Monate in der Twitter-Biografie des früheren „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt. Seit Dienstag ist das nicht mehr so. Denn nun ist es wirklich passiert.

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Reichelt, im Herbst vergangenen Jahres von Deutschlands größter Boulevardzeitung geschasst, macht jetzt Videos auf Youtube. Seine neue Show „Achtung, Reichelt!“ hat stilecht ein Ausrufezeichen im Namen, ein Intro in 3-D-Schrift, das stark an die Aufmachung der „Bild“ erinnert, einen bunten Greenscreen-Hintergrund mit Laufband und sogar prominente Interviewgäste.

Auch der Satz in Reichelts Twitter-Bio hat sich inzwischen geändert. Dort steht jetzt: „I‘m back.“

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Der entlassene Chefredakteur

Der 42-Jährige, von 2017 bis 2021 Chefredakteur beim Boulevardblatt, war im Oktober von seinem Posten entbunden worden, nachdem Medien über seinen Umgang mit Frauen in der „Bild“-Redaktion berichtet hatten. Zuvor war bereits ein konzerninternes Compliance-Verfahren gegen Reichelt eingeleitet worden. Der Verlag Axel Springer trennte sich schließlich, weil Reichelt Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt habe. Reichelt selbst bestreitet die Vorwürfe.

Nach dem Rauswurf hatte der 42-Jährige zunächst wochenlang geschwiegen, im Frühjahr dann aber begonnen, Videokolumnen auf der Plattform Instagram zu veröffentlichen. Ein erstes Video dieser Art spielt vor der Preistafel einer Tankstelle. Daran könne man sehr gut sehen, welches „Trümmerfeld“ Angela Merkel hinterlassen habe, poltert Reichelt in dem Clip, während im Hintergrund ein Motorrad knattert.

Immerhin: Die Qualität der Clips auf Reichels Instagram-Plattform wird mit der Zeit besser. Der Ton wird klarer, das Bild wechselt vom Hoch- ins Querformat, ein Fernseher mit Berlin-Skyline im Hintergrund weicht mit der Zeit einem Greenscreen, der den Reichstag zeigt. Die Themen aber bleiben ähnlich: Es geht um das vermeintliche Versagen der Regierung, insbesondere der Grünen, um die öffentlich-rechtlichen Medien – und manchmal auch um beides zusammen. Die ARD-Journalistin Tina Hassel etwa bezeichnet Reichelt in einem Video als „Grünen-Propagandistin“.

Reichelt übernimmt Fan-Account

Reichelts Videoblogs, häufig sechs bis zehn Minuten lang, werden rund 5000- bis 11.000-mal angeklickt. Weitaus besser als auf Instagram allerdings laufen sie auf der Videoplattform Youtube – obwohl der frühere „Bild“-Chef sie dort gar nicht selbst hochlädt. Auf dem Kanal „Reichelt Ultras“ werden die Instagram-Videos recycelt und unter reißerischen Titeln und mit vielen Ausrufezeichen – offenbar von einem Fan – neu verpackt. „Julian Reichelt über die gescheiterte Impfpflicht !!“ heißt es da etwa, oder: „Julian Reichelt über die Grüne Propaganda-Agenda und Demokratievorstellungen!!“

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Insgesamt 21.000 Abonnentinnen und Abonnenten sammelt der inoffizielle Account innerhalb weniger Monate, die Videos haben mehrere Zehntausend Aufrufe. Das erfolgreichste Reichelt-Video auf dem Kanal ist eines mit dem Titel: „So stürzen Habeck und die Grünen (nicht Putin!) uns in die Katastrophe.“

Genau diesen Fan-Account hat der frühere „Bild“-Chefredakteur nun offenbar ganz offiziell für seine neue Show übernommen – und den Betreiber des Kanals gleich mit in sein Team aufgenommen. „Marc, Gründer der ‚Reichelt-Ultras‘, ist mittlerweile fest bei uns angedockt und wird den Channel auch künftig betreuen“, heißt es auf dem Kanal. „Wir könnten uns zum Start keine bessere Person vorstellen, um die Community weiter aufzubauen.“

Potpourri des Populismus

Das neue Format „Achtung, Reichelt!“ solle derweil „der schärfste Widersacher von Spin, erdrückenden Narrativen, Ideologien, Bigotterie und Scheinheiligkeit in der Politik“ sein. Man wolle „furchtlos und respektlos über das sprechen, was in unserem Land passiert“, heißt es in der Kanalbeschreibung. Und man wolle „über das sprechen, was Menschen wirklich bewegt“.

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Tatsächlich wirkt die erste Folge „Achtung, Reichelt!“ eher wie ein Potpourri des Populismus. Olaf Scholz sei schuld an den explodierenden Preisen, meint Reichelt. Aber wenn man Worte wie „besorgt“ und „skeptisch“ in den Mund nehme, dann gelte man ja „plötzlich als radikal, als Schwurbler, als Querdenker, als rechts“.

Gestichelt wird auch gegen die öffentlich-rechtlichen Medien, die Reichelts Ansicht nach keinen „Widerspruch“ zuließen. Und im selben Video malt der Journalist dann auch noch vermeintliche Chaoszustände in deutschen Freibädern an die Wand. Dort fänden „Gewaltexesse“ statt, die etwas mit der „Migrationspolitik der letzten Jahre“ zu tun hätten. Eltern würden sich gar nicht mehr trauen, ihre Kinder dorthin zu schicken.

Untergangsszenarien statt Lösungsvorschläge

Der rote Faden des Videos, sollte es einen geben: Mit Deutschland geht es bergab. Bundeskanzler Olaf Scholz habe keine Antworten auf das vermeintliche Problem, kritisiert Reichelt. Im Video des früheren „Bild“-Chefs allerdings findet man auch keine: Reichelt bemüht sich gar nicht erst um konstruktive Ideen oder Lösungsansätze – und präsentiert stattdessen Untergangsszenarien am laufenden Band.

Was genau Reichelt künftig, neben seiner neuen Karriere als Youtuber, plant, ist derweil nicht ganz klar. Im Frühjahr hatte der frühere Chefredakteur eine neue Firma gegründet, die Rome Medien GmbH. Dafür suchte Reichelt über Linkedin Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In der Stellenanzeige ist das Projekt als „Die Stimme der Mehrheit“ beschrieben. Reichelt glaubt: „Niemand versteht Deutschland besser als wir.“

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Das sieht offenbar nicht jeder so. Nach elf Minuten Monolog im neuen Youtube-Format wird schließlich FDP-Vize Wolfgang Kubicki zugeschaltet, den Reichelt als „Legende der klaren Worte“ anmoderiert. „Was hab ich Falsches gesagt?“, will Reichelt zu Beginn des Gesprächs von dem Politiker wissen. Kubicki, sichtlich erheitert, antwortet kurz und knapp: „Fast alles, um das freundlich zu formulieren.“

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