Jörg Pilawa: „Wünsche für 2021? Weniger Zeit für mich und mehr Nähe“

  • Jörg Pilawa ist trotz Corona derzeit gut im Geschäft.
  • Er holt gerade 90 Sendungen nach, produziert eine neue Quizshow und moderiert in der ARD die Silvestershow.
  • Im Interview spricht er über sein Corona-Jahr, neu entdeckte Hobbys und seine Pläne für 2021.
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4:07 min
Jörg Pilawa ist mit seiner bekanntesten Show "Das Quiz" nach über 10 Jahren wieder im Nachmittagsprogramm in der ARD zu sehen. Vor 20 Jahren wurde bereits die erste Folge ausgestrahlt und zählt zu Pilawas bekanntester TV-Sendung.  © RND/Lena Obschinsky
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Herr Pilawa, wenn man Ihnen auf Instagram folgt, sieht man, dass Sie aktuell ganz gut zu tun haben. Hat die TV-Branche Corona also schon überwunden?

Wir holen gerade tatsächlich eine Menge nach, weil wir lange nicht produzieren konnten. Im Frühjahr nicht, im Sommer nicht. Wir haben im Oktober wieder angefangen. Ich mache jetzt in sieben Wochen 90 Sendungen, was nicht nur schön ist. Ich freue mich aber, dass wir wieder arbeiten können, auch fürs Team und die Produktion.

Wie hat sich die Arbeit in den vergangenen Monaten verändert?

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Es ist natürlich nichts wie vorher. Auch wir haben Hygienevorschriften, an die wir uns halten müssen. Das heißt: Mund-Nasen-Schutz, Plexiglas, Desinfektion, kein Kontakt zu Kandidaten und Mitarbeitern. Dabei lebt Unterhaltung von zwei Dingen: 1. Dass du als Unterhalter Menschen mögen musst, und 2. von Nähe, die du zulassen musst. Ich mag Menschen, aber dazu gehört Nähe. Das geht momentan nicht und das macht es schwer. Wenn also jetzt Kandidaten reinkommen und ich spüre, dass die unsicher sind, dann möchte man sie gerne in den Arm nehmen oder die Hand geben – aber das ist nicht möglich. Dann haben wir kein Publikum mehr, was bedeutet, dass das Feedback fehlt. Kein Staunen, kein Klatschen, kein Lachen. Das ist schon sehr steril geworden. Aber ich glaube, dass Unterhaltung gerade besonders wichtig ist. Die Menschen werden täglich mit neuen RKI-Zahlen bombar diert und wollen vorm Fernseher vielleicht auch einfach mal entspannen.

Kann man sich denn an TV-Produktionen ohne Publikum gewöhnen?

Ich befürchte, dass die Verantwortlichen irgendwann sagen: Brauchen wir das überhaupt noch? Ich als Macher kann nur sagen: Wir brauchen es, und ich werde mich dafür immer einsetzen. Aber das ist eine Diskussion, die wir erst führen können, wenn wieder Publikum kommen darf. Wir haben das ja auch mal mit wenig Publikum probiert, das mit Mundschutz über Schleusengänge reingeführt wurde, aber das kann es ja auch auf Dauer nicht sein.

Wie viele Coronatests mussten Sie in den vergangenen Wochen machen?

Ich kann Ihnen schon gar nicht mehr sagen, wie oft ich Stäbchen in Mund und Nase hatte … Allein bei der Silvestershow mussten wir drei Tests machen. Denn meine Co-Moderatorin Francine und ich wollten nicht 1,50 Meter auseinander stehen. Weil alle drei Tests negativ waren, durften wir dann auch etwas Nähe zulassen. Jetzt bin ich gestern nach Köln für eine Samstagabendshow und musste auch da wieder einen Test machen. Ich bekomme aktuell quasi täglich bestätigt, dass ich negativ bin.

Wie nah ist Corona Ihnen schon im Alltag gekommen?

Am Anfang gar nicht, das war für mich total weit weg. Aber dann kamen die Einschläge näher, mittlerweile kenne ich zehn, 15 Leute, die aber zum Glück nur einen schwachen Verlauf hatten oder sogar symptomfrei waren.

Vereinzelt haben sich bereits Prominente unter die Verschwörungstheoretiker gemischt. Können Sie verstehen, warum ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, sich so positioniert?

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Ich kann nicht verstehen, wie man Verschwörungstheoretiker wird. Was ich mir aber mehr wünschen würde, wäre eine offene Diskussion im Umgang mit Corona und den Maßnahmen. Ich kann nicht glauben, dass es in Sachen Corona nur Schwarz oder Weiß gibt. Ich habe das Gefühl, dass man zu 100 Prozent Team Lockdown sein muss. Wenn man etwas hinterfragt, ist man gleich ein Coronazweifler. Wo ist die Schnittmenge bei der Diskussion? Wir alle müssen uns doch eingestehen: Vor einem Jahr hätte niemand so was für möglich gehalten. Vor einem Jahr gab es keine Idee, wie man in der Schule oder im Freundeskreis mit so einer Situation umgeht. Deswegen sind ja auch Fehler erlaubt. Nur was fehlt, ist die offene Diskussion dazu.

Halten Sie denn die Maßnahmen der Bundesregierung für richtig?

Ich finde, dass die Maßnahmen richtig sind. Es geht hier nicht um das Gros der Menschen, sondern um den Schutz der Schwächsten. Also die mit Vorerkrankungen und die Älteren. Ich finde, dass wir für die auch mal durchhalten können. Und da jetzt davon zu sprechen, dass die Freiheitsrechte eingeschränkt werden – meine Güte. Ich bin so erzogen worden, dass man für die Schwächsten da ist, deswegen mache ich das gerne.

Im Jahr 2020 gab es kaum Konzerte, Urlaub war nur eingeschränkt möglich. Was haben Sie am meisten vermisst?

Alles! (lacht) Konzerte haben mir schon sehr gefehlt. Im Sommer sind Festivals toll – oder jetzt in der Vorweihnachtszeit das Weihnachtsoratorium. Das steht für uns immer zum Einstimmen auf Weihnachten, das fehlt wahnsinnig. Oder auch das Reisen. Ich gönne mir sonst jedes Jahr eine Auszeit in Kanada. Aber am allermeisten fehlt mir, unbeschwert Nähe leben zu können mit Menschen, die ich mag. Selbst in meiner Show ist das so: Ich arbeite mit manchen Kameraleuten seit 20 Jahren zusammen. Natürlich ist der erste Reflex, dass man sich in den Arm nimmt, wenn man sich nach längerer Zeit wiedersieht. Jetzt machen wir von Weitem einen Ellenbogencheck – und das fühlt sich ziemlich blöd an.

Ihre diesjährige Silvestershow ist bereits im November aufgezeichnet worden. Wie schwierig war es, da überhaupt in Stimmung zu kommen – auch ohne zu wissen, wie zu dem Zeitpunkt überhaupt gefeiert werden kann?

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Klar ist: Dieses Silvester wird anders als jedes andere Silvester. Es gibt keine Feier am Brandenburger Tor, keine Großveranstaltungen, es werden so viele Menschen wie noch nie zu Hause sein. Für uns war klar, dass wir dieses Gefühl in der Sendung transportieren müssen. Für mich war dann die Frage, wie ist es wohl, wenn dann um 20.15 Uhr das Tor aufgeht, ich die Showtreppe runtergehe und dann nicht in eine Halle mit 2000–5000 Leuten gucke, sondern in einen leeren Saal. Ich war sehr skeptisch – bin aber eines Besseren belehrt worden. Für mich war es die emotionalste und nachhaltigste Sendung, die ich in 30 Jahren gemacht habe. Und das lag daran: Die 28 Künstler, die da waren, haben die kompletten 4,5 Stunden in der Halle verbracht, um ihre Kollegen zu unterstützen. Zwar mit Distanz, aber jeder Künstler ist vor Ort geblieben. Normalerweise sehen die sich ja gar nicht. Da sind Szenen passiert, die waren so emotional. Da stand zum Beispiel DJ Ötzi vor der Bühne, als Peggy March aufgetreten ist. Er wurde dann ganz ruhig und sagte: „Toll, Toll. Diese Frau mit 72, was die für eine Bühnenpräsenz hat, das hab ich noch nie gesehen.“ Da war so eine Solidarität und Intimität zwischen den Künstlern, das hab ich so noch nicht erlebt.

Wie werden Sie denn Silvester verbringen?

Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ist eine Erkenntnis von Corona, dass man sich einfach nichts mehr vornimmt. Dass man nicht mehr zwei, drei Monate im Voraus denkt, sondern es auf sich zukommen lässt. Können wir mit Nachbarn und Freunden feiern oder nicht? Dürfen es fünf Leute sein oder mehr? Ich mache mir keine Gedanken. Auch wenn das schwer ist, weil der Mensch einfach planen will. Vielleicht liege ich am Silvesterabend um 21. 30 Uhr schon im Bett. (lacht)

Gehören Sie zu den Menschen, die normalerweise Feuerwerk abfeuern?

Mein Vater ist Jahrgang 1924 gewesen, für den war jeder Böller gleich eine schlimme Kriegserinnerung. Deswegen wurde in meiner Kindheit nie geböllert. Nun habe ich aber selbst vier Kinder, da gehört das natürlich dazu. Ich war trotzdem nie ein Fan davon, deshalb musste ich mir von den Kindern schon öfter anhören: „Die anderen böllern viel mehr, bei uns ist das immer so langweilig.“ (lacht)

Sie haben im Frühjahr auf Ihren Social-Media-Kanälen gezeigt, dass Sie wieder privat mehr Musik machen. Werden Sie dann Weihnachten auch für die Familie musizieren?

Wenn ich ein Weihnachtskonzert gebe, dann bin ich plötzlich ganz alleine, fürchte ich. (lacht) Ich habe tatsächlich zwei Weihnachtslieder einstudiert auf der Gitarre, aber ob das jemand hören will, weiß ich nicht. Sonst spiele ich mir eben alleine was vor …

Man sieht Sie auf Instagram auch viel mit dem Longboard fahren. Ist das ebenfalls ein durch Corona neu entdecktes Hobby?

Das gab es vorher schon. Aber ich hab es jetzt verstärkt als Ausgleichssport gemacht und auch zu den Produktionen mitgenommen. In den Fitnessclub kann man ja auch nicht gehen, deswegen habe ich wieder mit dem Joggen angefangen. Und ich hasse Joggen! Wie Leute beim Joggen frei werden können, verstehe ich nicht. Ich werde Schritt für Schritt aggressiver. Ich finde es ganz schrecklich.

Was schaffen Sie dann an Kilometern?

Im Moment bin ich in einem Hotel in Köln, da laufe ich dann runter zu Rhein. Je nach Tagesform sind das mal fünf, mal zehn Kilometer. Aber wenn man mich zehn Kilometer fluchen hört, ist das auch nicht schön. Ich habe schon alles probiert: mit Musik laufen, ohne Musik, mit Hörbuch. Ich werde nicht frei, vermutlich mache ich alles falsch.

Seit Kurzem sind Sie nicht mehr nur abends im TV zu sehen – sondern auch wieder nachmittags. Das ist ein bisschen zurück zu Ihren Wurzeln.

Wir haben „Das Quiz“ vor 20 Jahren das erste Mal gemacht. Zehn Jahre lang mit 1771 Folgen. Ich werde darauf immer noch unglaublich viel angesprochen. Und so kamen Mitarbeiter vom NDR auf mich zu und meinten: Wir haben hier noch 87 Nachmittagsplätze frei und könnten das nach zehn Jahren einfach noch mal machen. Es ist mutiger, es noch mal zu machen – als es einfach in den Archiven zu lassen und zu sagen: Es war die erfolgreichste Sendung, die es am Vorabend gab. Das Risiko ist schließlich groß, dass es nicht funktioniert. Diese Show ist ja auch unglaublich langsam im Vergleich zu heute. Wir haben damals in 25 Minuten oft 15 Fragen gespielt, manchmal auch nur drei, weil wir so viel gequatscht haben. Ob das heute noch zeitgemäß ist? Es wird ein Experiment.

Was machen Sie denn normalerweise zwischen 16 und 17 Uhr, wenn die neue Sendung läuft?

Das ist eine super Frage. (lacht) Wenn es ein Wochentag ist, bin ich wahrscheinlich im Büro. Oder ich bin zu Hause und mache mit unserer Kleinen Hausaufgaben, spiele mit ihr und fahre sie zum Reitstall.

Sie hatten bei unserem letzten Interview vor einem Jahr gesagt, dass Sie sich für 2020 mehr Zeit für sich wünschen. Hat das geklappt?

Wenn ich was hatte in diesem Jahr, dann war das Zeit für mich. (lacht) Ich habe so viele Sachen gemacht, jetzt reicht es aber auch. Jetzt möchte ich wieder Zeit für andere haben.

Sie hatten damals auch gesagt, dass Sie noch mal alleine in die Rocky Mountains wollten. Was ist es stattdessen geworden: Alleine am Timmendorfer Strand?

Ganz ehrlich: Ich hab wirklich versucht, alleine an den Timmendorfer Strand zu fahren. Aber dieses Jahr haben ja alle versucht, an den Timmendorfer Strand zu fahren. Ich bin noch nicht mal nach Timmendorf reingekommen! Ich musste umdrehen und bin wieder nach Hause gefahren. Es war toll zu sehen, wie die Leute in Deutschland ihr Glück zu finden – aber es hat auch gezeigt, dass wir alle die gleichen Sehnsüchte haben und bei etwas Sonnenstrahlen direkt an die Ostsee wollen.

Was sind denn Ihre Wünsche für 2021?

Weniger Zeit für mich. (lacht) Und mehr Nähe. Ich möchte wieder Menschen so unterhalten, dass ich ins Studio gehe, Kollegen umarme, Hände schüttele und mir keine Gedanken machen muss, ob jemand vielleicht Corona haben könnte.

RND



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