TV-Moderator im Interview

„Und dann ist da die blanke Schinderei“: „Geh aufs Ganze!“-Star Jörg Draeger und der Jakobsweg

TV-Moderator Jörg Draeger.

TV-Moderator Jörg Draeger.

Tor 1, Tor 2 oder Tor 3? – Bei „Geh aufs Ganze!“ gibt es einiges zu gewinnen – und viel zu verlieren. „Es ist keine Benefizveranstaltung“, sagt auch Gastgeber Jörg Draeger (77). Der leidenschaftliche Zocker, der 2021 mit seiner 90er-Kultshow bei Sat.1 ein geradezu sensationell erfolgreiches Comeback feierte, verrät: „Du musst als Host den Leuten manchmal ganz schön wehtun – und wenn sie dir das nicht krummnehmen, wenn sie lachen, wenn sie den Zonk in Händen halten, dann hast du deine Sache gut gemacht.“ Ja, der Zonk, dieses plüschige, rote Etwas von einem Trostpreis, er ist natürlich auch diesmal mit von der Partie: Ab Donnerstag, 8. Dezember, 20.15 Uhr, gibt es ein erneutes Revival des legendären TV-Hits. Draeger und Moderator Daniel Boschmann zocken in drei neuen Folgen mit ihren Kandidaten und Kandidatinnen aus dem Publikum um Geld- und Sachpreise in Umschlägen, Kisten oder Toren. Im Interview spricht Draeger übers Pilgern, über seine Liebe und seinen Glauben.

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Herr Draeger, Sie sind als Zocker und Freund des Würfelspiels bekannt. Wann haben Sie zuletzt eine Entscheidung ausgewürfelt?

Erst vor einigen Wochen! Freunde hatten einen Youngtimer zu verkaufen – so einen richtig geilen Audi-TT-Zweisitzer. Das Angebot war günstig, aber es war klar, dass man noch einiges reinstecken muss. Als wir uns als Familie mit der Entscheidung, diese Investition zu tätigen, etwas schwertaten, ließ ich die Würfel sprechen. Ich hatte vorher allerdings die Regeln festgelegt: Fallen die Zahlen eins, zwei, drei oder vier, nehmen wir den Wagen. (lacht) Bei der Fünf überlegen wir noch mal. Nur bei der Sechs gibt’s kein Auto.

Wie ging’s aus?

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Es war die Fünf. Wir haben die Entscheidung erst mal zurückgestellt und das Geld in eine gemeinsame Reise auf die Azoren gesteckt – ein alter Traum meiner Schwiegermama, die sehr schwer erkrankt ist. Die Würfel haben gut entschieden – wie eigentlich immer.

Eine andere große Leidenschaft von Ihnen ist das Wandern. Seit 2006 waren sie fast jedes Jahr im September auf dem Jakobsweg unterwegs. Auch 2022?

Ja, war ich – zum 14. Mal insgesamt und zum zweiten Mal mit meiner Tochter, die 21 Jahre alt ist. Aber es war eine Katastrophe.

Was ist passiert?

Ich hatte mir Corona eingefangen. Gleich nach der Landung in Spanien ging es mir nicht gut. Nach einem positiven PCR-Test blieb ich auf Anraten eines Arztes erst mal einige Tage bei meinem alten Schulfreund in Bilbao – bei ihm verbringe ich traditionell ein paar Tage, bevor ich in den Pyrenäen loslaufe. Als es mir besser ging und der Test negativ war, brach ich also auf – mit der typischen Draeger-Attitüde: Die 600, 700 Kilometer keule ich locker runter – Corona kann mich mal.

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Ein kühner Plan.

Ein Scheißplan! Es kam, wie es kommen musste: Ich war fix und fertig – schon nach den ersten fünf, sechs Kilometern. Die Lunge hat gepfiffen, ich wollte nur noch umfallen, nichts ging mehr. Corona hat mich plattgemacht. Ich hatte am Abend nicht mal mehr Lust auf ein Gläschen Wein.

Und dann?

Habe ich mich so durchgequält, bin jeden Abend nach ein paar Kilometern ins Bett gefallen, etwa 14 Tage ging das so. Immerhin – meine Lektion habe ich gelernt: Gegen Corona kommst du auch mit der positivsten Einstellung nicht an. Es blieben dann immer noch zwei Wochen, um wieder ein größeres Pensum zu gehen und mein Ziel in Santiago de Compostela zu erreichen – auch wenn ich diesmal ein paar Etappen überspringen musste.

Das Unglaubliche ist, dass Sie das Ganze nicht vorzeitig abgebrochen haben.

Das kam gar nicht infrage, ich ziehe immer durch. Das ist mein Ethos. Vor fünf Jahren war ich mit meinem Sohn mit dem Mountainbike auf dem Jakobsweg unterwegs – 20 Kilometer vor dem Ziel ist mir die Achillessehne gerissen. Kein Witz: Das hat geknallt, als hätte jemand auf uns geschossen.

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Sagen Sie bitte nicht, dass Sie …

Doch! Ich habe das Fahrrad die letzten Kilometer bis Santiago geschoben. Irgendwie. Mit höllischen Schmerzen. Fragen Sie nicht, wie ich das gemacht habe. Es war vermutlich so etwas wie eine transzendentale Erfahrung. (lacht) Das Schlimmste war, dass mich der Flieger damals nicht mit nach Hause genommen hat, weil mein Fuß auf die Größe eines Steinblocks angeschwollen war und ich auch sonst in einem desolaten Zustand war. Die schickten mich ins Krankenhaus. Also musste ich erst noch ein paar Tage in Spanien bleiben.

„Irgendwann kam ich zum Jakobsweg, und er hat mich nicht mehr losgelassen“

Die Frage muss natürlich sein: Was genau suchen Sie auf dem Pilgerweg?

Schwer, auf den Punkt zu bringen … Es nicht unbedingt etwas Religiöses, auch nichts rein Sportliches, obwohl beides auch eine Rolle spielt. Es geht darum, dass ich mit mir und meinen Gedanken über lange Zeit allein bin und über mich nachdenken kann. Und dann ist da natürlich die blanke Schinderei, sind da die Schmerzen, die etwas mit mir machen: Mit Rucksack auf dem Rücken und Blasen ohne Ende an den Füßen 600 Kilometer abzuschrubben lässt mich demütig werden. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich entwickle in den vier Wochen große Lust aufs Leben daheim, eine Sehnsucht nach zu Hause. Dazu kommt noch so eine ganz persönliche Sache …

Erzählen Sie!

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Die Qualen auf dem Jakobsweg sind mein Einsatz, wenn ich ein bisschen mit dem lieben Gott handele. Meine Überzeugung ist schon immer: Wenn ich mir etwas wünsche, muss ich dafür auch einen Einsatz oder ein Opfer bringen. Es geht da um nichts Materielles, ich feilsche mit Gott nicht um einen Porsche oder so, sondern zum Beispiel um die Gesundheit meiner Frau oder meiner Kinder. Wann immer ich einen adäquaten Einsatz zu bieten hatte, hat es funktioniert – aber wenn ich mal nichts zu bieten hatte, dann kam auch nichts zurück.

Der Zocker Jörg Draeger ist also ein gläubiger Mensch?

Durchaus. Aber auf meine ganz eigene Weise. Unterwegs auf dem Jakobsweg habe ich mich schon mit manchem Priester intensiv darüber ausgetauscht, was oder wer Gott ist und warum er – oder sie, man weiß es ja nicht – so viel Leid zulässt. Die Antwort ist eigentlich immer gleich: Die Geistlichen verweisen auf die Eigenverantwortung von uns Menschen. Mich befriedigt dieser Ansatz, ehrlich gesagt, nicht. Aber ich bleibe dran, ich frage weiter und denke darüber nach.

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Wahrscheinlich gibt es nicht allzu viele Wanderer, die den Jakobsweg 14-mal gegangen sind.

Nein, vermutlich nicht. Bei mir hat das viel mit meiner Liebe zu Spanien zu tun. Ich wuchs in Spanien auf, ging in Bilbao zur Schule – und irgendwann kam ich dann zum Jakobsweg, und er hat mich nicht mehr losgelassen. So einfach.

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Wobei das schon auch so eine Geschichte ist.

(lacht) Na gut. 2006 hatte ich das Angebot von RTL, ins Dschungelcamp zu gehen. Wir lebten damals auf Teneriffa. Wenn man zwei Kinder hat, beide gehen zur Schule, dann gehst du als Vater eigentlich nicht ins Dschungelcamp. Also war ich dagegen. Nur mein Sohn fand, dass ich das machen soll: „Mach mir den Tarzan!“, rief er immer wieder. Ich kam dann auf die Idee, die Entscheidung auszuwürfeln: Dschungelcamp oder der Jakobsweg zusammen mit meinem Sohn! Darauf war ich gekommen, weil ich da gerade Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ las. Eine 50:50-Nummer mit bekanntem Ausgang: Ich wurde zum Wanderer.

„Ich bin ein Zocker, aber es muss fair und menschlich zugehen“

Lassen Sie uns nun auch mal tief in die Fernsehgeschichte pilgern. Im Januar 1992, vor über 30 Jahren, feierten Sie mit „Geh aufs Ganze!“ Premiere. Mit welchen Ambitionen sind Sie an die Sache rangegangen?

Ich wollte eigentlich gar nichts. Ich hatte mit Unterhaltung nicht viel am Hut – ich war erst Zeitsoldat, dann wurde ich Reporter, kam zu den Nachrichten und träumte davon, dass ich einmal der große investigative Journalist werde. An „Let‘s Make a Deal“ geriet ich zufällig – ich wurde zu einer Probeaufzeichnung geschickt, weil ich beurteilen sollte, ob das etwas für den Sender Sat.1, der damals von Mainz nach Berlin gezogen war und voll auf die Karte Unterhaltung gesetzt hatte, ist. Ich, gerade beim Frühstücksfernsehen eingesetzt, war jedenfalls begeistert und fand: Ja, diese Show ist nicht nur etwas für den Sender, sondern auch für mich! Ich wollte das machen – es passte gut in die Stimmung dieser bunten Zeit.

Was macht „Geh aufs Ganze!“ für Sie aus?

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Ganz klar: Es geht um den Spaß, miteinander ein bisschen zu spielen. Ich bin auch recht stolz darauf, dass ich dem damals bereits international bekannten Format meinen eigenen Stempel aufdrücken konnte: Ich führe die Leute nicht hinters Licht. Klar, ich bin ein Zocker, aber es muss fair und menschlich zugehen. Das war immer mein Ansatz.

Daniel Boschmann (links) und Jörg Draeger präsentieren gemeinsam die Neuauflage der Kultspielshow „Geh aufs Ganze!“.

Daniel Boschmann (links) und Jörg Draeger präsentieren gemeinsam die Neuauflage der Kultspielshow „Geh aufs Ganze!“.

Sie waren mit Ihrem Zonk damals bekannt wie ein bunter Hund, jedes Kind kannte die Show. Wie war das, als die Popularität über Sie kam?

Sagen wir so: Ich wäre den Versuchungen, die so etwas mit sich bringt, vermutlich erlegen, wenn ich nicht zu diesem Zeitpunkt schon meine wunderbare Petra an meiner Seite gehabt hätte. Wir hatten uns damals gerade kennengelernt, waren schwer verliebt und wussten schon, dass wir unser weiteres Leben miteinander verbringen werden. Wir haben dann natürlich auch geheiratet.

Ihr viertes Mal!

(lacht) Ja, auch wieder etwas, das mir erst mal einer nachmachen muss. Mit meiner vierten Frau bin ich jetzt schon über 30 Jahre zusammen. Der absolute Wahnsinn. Um auf die Frage zurückzukommen: Petra hat mich wieder und wieder geerdet, sie ist eben genauso bodenständig, dass es mir guttut. Sie hatte immer ein waches Auge darauf, was ich in der Öffentlichkeit treibe, wem ich Interviews gebe und welche Homestorys wir zulassen. Also: Ich habe mich nie im Ruhm gesonnt, ich hatte einfach meine kindliche Freude an dieser spielerischen Fernsehsendung. So ist es heute noch.

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„Das Showfernsehen war tausendmal besser als heute“

Mit wem auch immer man über die goldenen Jahre des Privatfernsehens spricht: Alle kommen aus dem Schwärmen kaum heraus. Wie ist das bei Ihnen?

Ja, es war wirklich toll damals – das Showfernsehen war tausendmal besser als heute. Weil wir viel mehr Freiheiten hatten, wir durften richtig spinnen, waren total spontan. Es wurde einem nicht jeder Fehler öffentlich vorgehalten, nicht jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt. Von der Kameraführung bis hin zu den Moderationen: Nicht alles war aseptisch clean, sondern manchmal auch etwas wild. Aber genau das brachte die Dynamik, die auch den Zuschauer daheim auf der Couch begeisterte.

Und heute?

Wird exakt gearbeitet. Und alles, was nicht schön genug ist, wird rausgeschnitten. Gerade bei einer Gameshow, finde ich, geht dabei etwas verloren. Damals war das Fernsehen lebhafter.

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Es gab eben auch noch keine sozialen Medien. Und weniger Druck, oder?

(überlegt) Darüber habe ich neulich lange auch mit meinem Freund Harry Wijnvoord gesprochen: Hatten wir es früher leichter? Unter dem Strich würden wir schon sagen, ja. Weil wir damals nicht mit Röntgenstrahlen durchleuchtet wurden und bei einem falschen Wort nicht gleich als rassistisch oder frauenfeindlich oder sonst was gebrandmarkt wurden. Wir dachten nicht in jedem Augenblick an die Konsequenzen, waren überhaupt nicht befangen – das hilft natürlich bei der Arbeit vor der Kamera.

Was meinen Sie: Warum haben heute wieder so viele Leute Bock auf das Fernsehen von damals? Die erste Staffel Ihrer „Geh auf Ganze!“-Neuauflage erzielte Ende 2021 herausragende Marktanteile.

Ja, bis zu 17,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Wenn es nun zumindest wieder zweistellig werden sollte, wäre ich sehr glücklich. Ein Faktor war zunächst sicher die Neugier. Außerdem spielt mit rein, dass wir gerade in einer Phase sind, in der die Nostalgie gefragt ist. Vielleicht hat das mit all dem Unschönen auf der Welt zu tun: Erst Corona, jetzt der entsetzliche Krieg – da kann man depressiv werden. Und das Unterhaltungsfernsehen von damals ist fraglos ein starkes Antidepressivum.

„Ich liebe es – und ich bin da nie ganz rausgekommen“

Waren Sie eigentlich leicht für die Neuauflage zu haben?

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Das hat sich im Zuge meiner Teilnahme an „Promi Big Brother“ 2021 so ergeben. Marlene Lufen, die Moderatorin, hatte mich ja schon am roten Teppich, beim Einzug ins „Big Brother“-Haus im „Geh aufs Ganze!“-Stil zocken lassen. Da kamen die beim Sender vermutlich auf Ideen. Überreden musste man mich jedenfalls überhaupt nicht. Ich liebe es – und ich bin da nie ganz rausgekommen. Ich habe über all die Jahre ja immer weiter bei irgendwelchen Autohauseröffnungen oder Firmenjubiläen unermüdlich „Geh aufs Ganze!“ gezockt. Das ist mein Ding.

Was muss man eigentlich mitbringen, um so eine Sendung so lange so erfolgreich zu machen?

Vor allem wohl Empathie! Wir haben so viel über das Wandern gesprochen, aber in Wahrheit ist der Umgang mit anderen Menschen mein liebstes Hobby. Worauf ich wirklich stolz bin: Ich habe nicht ein einziges Mal einen Kandidaten beleidigt oder vorgeführt – und das, obwohl es in der Show einiges zu verlieren gibt, es ist keine Benefizveranstaltung. Du musst als Host den Leuten manchmal ganz schön wehtun – und wenn sie dir das nicht krummnehmen, wenn sie lachen, wenn sie den Zonk in Händen halten, dann hast du deine Sache gut gemacht.

RND/Teleschau

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