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Jannik Schümann zum Umgang mit queeren Schauspielern: „Das Schubladendenken muss aufhören“

  • „Tatort“-Schauspielerin Karin Hanczewski beklagt, dass ihr nach ihrem Coming-out nur noch lesbische Rollen angeboten werden.
  • In den USA dreht sich die Debatte derweil in eine völlig andere Richtung.
  • Jannik Schümann hofft, dass sexuelle Orientierung in der Branche langfristig gar keine Rolle mehr spielt – und fordert ein Ende des Schubladen­denkens.
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Hannover/Berlin. Der schwule Schauspieler Jannik Schümann hält nicht viel von den neuen Diversity-Leitlinien der Amazon Studios. Diese besagen, dass künftig nur noch Schauspiele­rinnen und Schauspieler für Produktionen engagiert werden sollen, deren Identität (also etwa das Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Behinderung) mit den Figuren, die sie spielen, übereinstimmt. Der Konzern verspricht sich dadurch, „authen­tischere Geschichten erzählen zu können“.

„Ich hoffe sehr, dass diese Richtlinie nicht in Deutschland eingeführt wird“, sagt Schümann dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) auf Anfrage. „Was würde das für mich bedeuten? Dürfte ich dann keine hetereo­sexuellen Rollen mehr spielen, weil diese Identität meiner Figur dann nicht mehr mit meiner privaten übereinstimmt? Das wäre fatal!“

Schümann war Anfang des Jahres einer von insgesamt 185 schwulen, lesbischen, bisexuellen, queeren, nicht binären und trans und Schauspielern und Schauspiele­rinnen, die sich im Rahmen der Kampagne #ActOut geoutet hatten. Schümann hatte bereits zuvor auf seinem Instagram-Profil ein Foto mit seinem Partner geteilt und dieses mit einem Herzchen markiert.

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Verzwickte Identitäts­debatte

Mit der Kampagne #ActOut kämpfen die Unterzeich­nerinnen und Unterzeichner gegen Stigmatisierung von queeren Personen in der Film- und Fernseh­branche. „Bisher konnten wir in unserem Beruf mit unserem Privat­leben nicht offen umgehen, ohne dabei berufliche Konse­quenzen zu fürchten. … Das ist jetzt vorbei“, heißt es in dem Manifest. „Wir sind Schauspieler*innen. Wir müssen nicht sein, was wir spielen. Wir spielen, als wären wir es – das ist unser Beruf.“

In den USA dreht sich die Identitäts­debatte jedoch inzwischen in eine völlig andere Richtung. Die Amazon Studios, einer der erfolgreich­sten Produzenten von Kinofilmen und Fernseh­serien, hatten im Sommer ihr sogenanntes Inclusion Playbook veröffentlicht. Danach wird die Besetzung künftiger Filme vor und hinter der Kamera nicht nur nach genauen Geschlechter- und Herkunfts­quoten festgelegt, sondern auch das Verhältnis zwischen den Schauspielern und ihren Rollen. Konkret: Queere Rollen sollen dann nur noch von queeren Personen gespielt werden, nicht etwa von hetero­sexuellen.

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„Mein Wunsch ist es doch, dass ich in die verschie­densten Rollen schlüpfen kann, die mit meinem Privatleben nichts zu tun haben. Ich habe mir doch den Beruf ausgewählt, um mich komplett aus­zu­toben und mich zu entfalten“, sagt Schümann zu den Plänen. „Muss ich privat ein Mörder sein, um einen Mörder zu spielen? Nein! Muss ich privat hetereo­sexuell sein, um einen hetero­sexuellen Mann zu spielen? Nein! Ich schlüpfe in eine Rolle: das macht meinen Beruf doch aus!“

Karin Hanczewski löst Debatte aus

Die Frage, wie mit queeren Darstellerinnen und Darstellern auf dem Bildschirm umzugehen sei, hatte in den vergangenen Wochen immer wieder für Diskus­sionen gesorgt. Nach Bekannt­werden der Amazon-Pläne, waren diese in zahlreichen Medien­beiträgen und in den sozialen Netzwerken kritisiert worden – auch von queeren Schauspie­lerinnen und Schauspielern selbst.

Zuletzt hatte die „Tatort“-Schauspielerin Karin Hanczewski in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ ihren Unmut geäußert. Auch Hanczewski hatte Anfang des Jahres im Rahmen der Kampagne #ActOut ihr öffentliches Coming-out.

„Für mich stehen (die Amazon-Leitlinien) im Widerspruch zu meinem Beruf“, so die Schauspielerin. „Ich habe ihn begonnen, weil ich mich mit etwas anderem auseinan­dersetzen wollte als mit mir selbst. Mit anderen Biografien, anderen Lebens­realitäten. Die Kunst eröffnet neue Sicht­weisen, schafft Sichtbarkeit und vermag, vermeintliche Grenzen zu sprengen. Deshalb liebe ich Kunst.“

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Ein Coming-out mit Konsequenzen

Für Hanczewski selbst hatte das Coming-out bei #ActOut derweil sogar einen negativen Nebeneffekt. „Die Rollen, die ich seit #ActOut angeboten bekomme, sind allesamt lesbisch“, so die Schauspielerin in dem Interview. Das gehe an dem vorbei, was die Kampagne #ActOut eigentlich bezwecken wollte.

„Wir sind Schauspieler:innen, wir müssen nicht sein, was wir spielen, wir tun so, als wären wir es. Das ist unser Beruf. Dass ich jetzt nur noch lesbische Rollen angeboten bekomme, ist ein Miss­verständ­nis dessen, was wir tatsächlich gesagt haben: nämlich, genau diese Grenzen zu sprengen. Ich will nicht in Schubladen gedacht werden. Mein Beruf ist das Gegenteil“, so Hanczewski.

Auch Jannik Schümann hat von Kolle­ginnen und Kollegen ähnliches gehört, wie er dem RND sagt. Auf seine eigene Karriere habe die Kampagne jedoch bislang keine Auswirkungen gehabt. „Auf meinen Post auf Instagram mit meinem Freund im Dezember 2020 habe ich durchweg positives Feedback bekommen und wurde regelrecht mit einer Liebeswelle überrollt. Auch meine Casting­anfragen haben sich seitdem nicht verändert. Ich spiele in meinem nächsten Projekt wieder einen stark hetero­sexuellen Macho, der von Frauen ange­himmelt wird.“

„Das Schubladendenken muss aufhören“

Auch das Management von Netflix-Star Maximilian Mundt („How to sell drugs online (fast)“) hatte auf RND-Anfrage mitgeteilt, dass sich durch die Beteiligung an #ActOut nichts an den Rollenangeboten geändert habe. Mundt habe für die kommenden Jahre zahlreiche Rollen angenommen, alle seien hetero­sexuell.

Schümann wünscht sich, dass die Film- und Fernseh­branche langfristig aufhört, in Schubladen zu denken. „Leider gibt es in unserer Gesellschaft immer noch zu viele Menschen, die meinen, unser Privatleben mit unserem Beruf des Schauspielers bzw. der Schauspielerin vermischen zu müssen“, sagt er – dieses Verhalten müsse sich ändern.

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Vielmehr wünscht sich der 29-Jährige eine Gesell­schaft, in der sexuelle Orientierung überhaupt keine Rolle mehr spielt. „Ich habe mich bewusst im vergangenen Winter dazu entschieden, lediglich ein Herz-Emoji unter mein Partnerbild zu setzen, ohne etwas zu erklären. In meiner Wunsch­vorstellung lebe ich in einer Gesell­schaft, in der sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt und wir darüber nicht mehr reden müssen. Ich weiß, dass dies nicht der Realität entspricht, dennoch kann ich von meiner Seite aus so handeln, als wäre es der Fall. Ich werde auch weiterhin mit meinem Partner mit einer Selbst­verständlichkeit auftreten.“

RND

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