Jan Hofer zum „Tagesschau“-Abschied: „Das tägliche Geschminktsein wird mir nicht fehlen“

  • Nach 36 Jahren hört Jan Hofer bei der „Tagesschau“ auf.
  • Am 14. Dezember führt der 70-Jährige das letzte Mal durch die Nachrichtensendung.
  • Im Interview spricht er über Zukunftspläne, Tipps für seinen Nachfolger und die für ihn prägendste Sendung.
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Herr Hofer. Sie sprechen am 14. Dezember das letzte Mal die Nachrichten in der „Tagesschau“. Was wird Ihnen am meisten fehlen?

Wenn man das 36 Jahre gemacht hat und das wie ein Wohnzimmer war, dann wird sicherlich was fehlen. Die tägliche Routine, die Kollegen und vielleicht auch der Gang vor die Kamera. Was mir nicht fehlen wird, ist das tägliche Geschminktsein.

Was ziehen Sie an?

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Das wird nicht so schwierig, es wird ein Anzug und eine Krawatte. Ob es dunkelblau oder rot wird, weiß ich noch nicht, die Auswahl ist ja begrenzt. Es wird auf jeden Fall ein klassisches Outfit. Aber ich werde sicherlich ein paar Worte sagen.

Es gibt also einen Abschiedssatz an die Zuschauer?

Es wäre nicht so gut, wenn man einfach sagt „tschüs, das wars.“ Ich erlebe immer wieder, dass Menschen ihr ganzes Leben mit mir verbracht haben. Man muss sich das mal vorstellen: wenn heute ein Mensch 50 Jahre alt ist und er vielleicht mit 15 Jahren angefangen hat, politisch zu denken und die „Tagesschau“ gesehen hat, dann bin ich in seinem Leben immer präsent gewesen. Das bedingt auch schon, dass man ein paar nette Worte sagt.

Video
"Die Routine wird mir fehlen": Jan Hofer verabschiedet sich von der "Tagesschau"
4:19 min
Nach über 30 Jahren im Dienst: Am 14. Dezember ist Schluss für den Chefsprecher der "Tagesschau"  © RND/Lena Obschinsky
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Es ist ein schlechtes Jahr für einen Abschied, eine Party wird es coronabedingt nicht geben können...

Das ist natürlich blöd, das können wir streichen. Das geht im Augenblick nicht – und so etwas nächstes Jahr nachzuholen funktioniert ja auch nicht. Also wird es wohl sein: Aus den Augen, aus dem Sinn – und dann war’s das eben.

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Was werden Sie am ersten Tag ohne „Tagesschau“ machen? Wird man Sie um 20 Uhr vor dem Fernseher finden?

Ich glaube, ich will erst mal ausschlafen. Das hab ich mir nach vielen Schichtdiensten verdient. Ich werde die 20 Uhr „Tagesschau“ vielleicht nicht sehen. Nicht live, aber sicherlich im Stream.

Sie sagten mal, dass Sie sich am meisten darauf freuen, nach Ende der „Tagesschau“ ein Wochenende zu haben.

Ich hab ja auch eine Familie, die das gar nicht kennt, dass wir mal ein komplettes Wochenende haben. Weil ich meistens entweder Samstag oder Sonntag gearbeitet habe oder von Freitag auf Samstag. Das würde bedeuten, dass wir vielleicht einfach mal ein Wochenende an die Ostsee fahren, wenn das wieder geht. Oder einfach mal gemeinsam frühstücken. Und was ganz besonders wichtig ist: dass ich mal wieder Freundschaften am Wochenende pflegen kann. Denn viele Menschen arbeiten ja in der Woche und dann kann man abends nicht viel machen, dafür ist das Wochenende vorbehalten. Bei mir hat das nie wirklich funktioniert, da sind viele Freundschaften auf der Strecke geblieben. Aber es sind auch einige erhalten geblieben und die würde ich gern weiterpflegen.

Gibt es auch ein Hobby, dem Sie sich mehr widmen möchten?

Ich werde mit Sicherheit wieder regelmäßiger Sport machen, ich bin ja begeisterter Radfahrer, Mountainbiker. Das konnte ich bislang manchmal wetterbedingt oder sendungsbedingt nicht machen, in Zukunft kann ich mich einfach aufs Rad setzen und losfahren.

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Wenn Sie auf die 36 Jahre bei der „Tagesschau“ zurückblicken. Gibt es da eine Sendung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja. Das war die Nacht, nachdem bekannt wurde, dass die Grenze zur DDR geöffnet wurde. Das sieht man in der Vergangenheit immer ein bisschen anders. Damals war das so, dass Günter Schabwoski gesagt hat: „Die Grenzen sind offen“. Aber das hat ja erst mal keiner geglaubt. Unser Korrespondent, der da an der Grenze stand, der stand da alleine. Irgendwann kam dann ein einsamer Trabi an, der sich getraut hat rüberzufahren. An diesem Tag war ja auch nicht bekannt, ob das, was Schabowski da gesagt hat, wirklich Gültigkeit hat. Denn es war ja niemand darüber informiert. Wir wussten ja nicht: wie reagieren die Grenztruppen, wie reagieren die fremden Mächte, die in dem Land waren? Da gab es ganz viele Fragen – es war ein unglaublich spannender Tag und eine spannende Nacht.

Und gab es eine „Tagesschau“-Ausgabe, die Ihnen besonders schwergefallen ist, weil es Sie selbst sehr bewegt hat?

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Da gab es sicherlich viele. Aber man darf auch nicht vergessen: Ich hab in der Regel die Sendung ja schon in der Redaktion verarbeitet. Ich bin nicht der Zuschauer, der das erste Mal mit der Meldung konfrontiert wird. Aber mir ist tatsächlich das furchtbare Flugunglück in Ramstein in Erinnerung geblieben. Da ist bei der Flugschau ein Jet ins Publikum gerast und das ist bei uns live eingespielt worden, das hatte ich vorher nicht gesehen. Wir hatten einen Reporter vor Ort, der das dann berichtet hat. Da ist es mir wirklich kalt den Rücken heruntergelaufen und ich hatte Probleme, da weiterzumachen.

Hatten Sie eigentlich einen Einfluss darauf, dass Jens Riewa ihr Nachfolger wird?

Nein, das ist ja eigentlich der Lauf der Geschichte bei uns. Jens Riewa ist der Sprecher, der am längsten dabei ist, ich war der, der am längsten nach Jo Brauner dabei war. Da hätte schon jemand nicht in der Lage sein müssen, das auszuüben, was bei Jens Riewa nicht der Fall war.

Welche Eigenschaft braucht Jens Riewa für den Job am nötigsten?

Gelassenheit. Er hat ja mit Leuten zu tun, die kleine Stars sind und in der Öffentlichkeit stehen. Die sind auch eitel, das kann man mit Fug und Recht sagen. Dafür wünsche ich ihm Gelassenheit.

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Sie haben auch neben der „Tagesschau“ Moderationsjobs gehabt. Hören Sie damit nun auch auf und gehen komplett in den Ruhestand?

Es ist überhaupt keine Rente. Ich freu mich jetzt auf den Unruhestand. Ich werde nach wie vor in den sozialen Medien aktiv sein und plane auch andere Dinge, die noch nicht spruchreif sind. Ich werde nicht am heimischen Küchentisch versauern.

Sie sagten auch mal, dass Sie sich dann mehr Zeit für Ihre Familie nehmen wollen.

Ich hab ja immer versucht als Vater wirklich Vater zu sein – und auch da sein. Nur war ich eben oft nicht da, weil ich zum Dienst musste. Das versuche ich nun aufzuholen. Ich hab ja einen kleinen Sohn, der sehr pfiffig ist und mich sehr fordert. Dem werde ich mehr gerecht werden.

Wird man Sie auch weiterhin auf Veranstaltungen treffen oder planen Sie, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?

Das kommt drauf an, ob ich noch eingeladen werde. Es könnte ja sein, dass ich mit Datum 14. Dezember von den Einladungslisten gestrichen werde (lacht). Das würde mich aber auch nicht so interessieren. Also wenn die Veranstaltung etwas ist, wo ich gerne hingehe, dann gehe ich da auch weiterhin hin.

Was passiert eigentlich mit ihren vielen „Tagesschau“-Anzügen? Ich hatte mal gelesen, dass diese ja nicht dem NDR gehören, sondern Ihnen privat.

Das hat sich seit zwei Jahren geändert, inzwischen stellt der Sender auch Klamotten zur Verfügung. Ich persönlich hab das aber nie wahrgenommen, weil ich genug Klamotten habe. Aber es ist trotzdem nicht so, dass ich einen riesigen Kleiderschrank habe. Mode ändert sich sehr schnell. Wenn man glaubt, dass man heute noch einen zehn Jahre alten Anzug anziehen kann, dann liegt man falsch. Deswegen hab ich die immer wieder abgegeben, an Bekannte, an soziale Einrichtungen. Ich hab heute noch so einen Stamm von acht bis zehn Anzügen in verschiedenen Farben. Die werden ständig ausgewechselt, die gucke ich alle halbe Jahre mal durch. Aber in der Zukunft werde ich nicht mehr so viele brauchen. (lacht)

Was wünschen Sie der „Tagesschau“ für die Zukunft?

Ich wünsche, dass sie den Weg, den sie jetzt gegangen ist, weitergeht. Diesen crossmedialen, sehr erfolgreichen Weg. Ich habe in 36 Jahren Veränderungen erlebt, die fundamental waren. Von der komplett analogen Welt, noch nicht mal mit Fax – in eine komplett digitale Welt. Ich habe eine elektronische Revolution bei uns mitgemacht. Und damit ist ja jetzt nicht Schluss. Ich hoffe, dass die „Tagesschau“ weiterhin das Auge am Puls der Zeit hat.


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