Iris Berben zieht Lebensfazit: „Rausch hatte ich genug“

  • Im ARD-Drama „Hanne“ wartet Iris Berben nach der Pensionierung auf eine Krebsdiagnose.
  • Drei Tage lang lässt sich Hanne, eine ehemalige Vorstandssekretärin, durch eine fremde Stadt treiben.
  • Im Interview spricht Iris Berben über den Umgang mit der eigenen Endlichkeit.
Jan Freitag
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Im ARD-Drama „Hanne“, das am Mittwochabend um 20.15 Uhr im Ersten läuft, spielt Iris Berben eine Vorstandssekretärin. Routiniert wickelt sie ihren letzten Arbeitstag ab, doch direkt danach gibt es einen besorgniserregenden Befund. Im Interview spricht Iris Berben über den eigenen Umgang mit dem Tod.

Frau Berben, können Sie Hannes Satz „Ich bin pensioniert“, mit dem ihr Schicksal seinen Lauf nimmt, bitte kurz so wiederholen, wie man ihn aus Ihrer Sicht sagen muss?

(nüchtern) Ich bin pensioniert … Man kann diesen Satz auf tausend Arten sagen, aber meine Betonung ist sowohl jetzt als auch im Film so aus mir rausgefallen. Mit 69 bin ich im Grunde ja bereits seit vier Jahren pensioniert, aber immer noch bei der Arbeit.

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Wobei Schauspieler selten die Entscheidung fällen, bewusst nicht mehr arbeiten zu wollen, sondern eher bei Besetzungslisten ignoriert werden.

Mag sein, aber das hat sich für Frauen sehr zum Positiven geändert. Selbst solche, die wie ich schon lange die 60 hinter sich haben, erhalten eigenständigere Geschichten. Von Frauen über 40 ganz zu schweigen.

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War Ihr eigenes Angebot in dem Alter ebenfalls dürftiger?

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Nein, ich bin ganz gut durch diese Zeit gerutscht. Was vielleicht auch daran lag, dass meine Generation es stärker eingefordert hat als die vorhergehende. Sie war nach den Kämpfen der Sechziger- und Siebzigerjahre einfach offener für dieses Thema und dadurch selbstbewusster. Ich hatte allerdings auch viel Glück, denn für viele Kolleginnen ist dieser Kampf bis heute nicht beendet. Im Gegenteil. Es gibt ja politische Kräfte, die das Rad der Geschichte wieder zurückdrehen wollen. Was uns Älteren ebenso wie den Jüngeren zeigt: Die Freiheit von morgen muss heute immer wieder aufs Neue eingefordert werden.

Fordern Sie die demnach für andere, jüngere mit?

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Selbstverständlich, nicht nur heute, auch früher schon. Wenn Emanzipation und Freiheit bedroht sind, ist es eine Frage der Solidarität, möglichst laut zu werden. Aber zum Glück rufen mittlerweile auch genügend Männer mit, denen starke Frauen lieber sind als schwache.

Iris Berben mit ihrem Sohn Oliver.

Was für ein Typ Frau ist Ihre Figur Hanne, die als Vorstandssekretärin Einfluss hatte, am Ende den Männern im Vorstand aber zu Diensten war?

Trotz und wegen dieser Position ist sie eine ungemein starke, sehr lebenserfahrene, neugierige, keineswegs unglückliche, aber vor allem bedingungslos pragmatische Frau. Nur mit diesem Rüstzeug kann sie sich nach der Krebsdiagnose drei Tage lang durchs Leben treiben lassen, ohne dabei das ganz große Fass aufzumachen.

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Was wiederum die Kernkompetenz von Dominik Graf ist, Ereignislosigkeit zum Ereignis zu machen.

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Schön ausgedrückt. Ich habe ja leider erst jetzt das erste Mal mit ihm gearbeitet, aber was mir sofort aufgefallen ist: Ihm entgeht nichts, weder am Set noch bei uns Schauspielern. Manchmal hatte ich fast das Gefühl, er saß in meinem Gehirn, so präzise waren seine Anweisungen.

Sie lassen sich ungern steuern?

Doch, solange es keine Kontrolle ist. Ich möchte unbedingt eine Führungsfigur haben, die das komplette Bild einer Szene im Kopf hat; das entlastet mich auch künstlerisch. Trotzdem mag ich starke Regisseure – sofern sie dich wie Dominik erst mal spielen lassen, um dann gegebenenfalls korrigierend einzugreifen. Da ich auf keiner Schauspielschule war, womit ich durchaus gehadert habe, gehe ich womöglich stärker als manche Kollegin emotional an meine Rollen heran. Und da ist Dominiks Band, das stets auf Zug ist, Gold wert. So kann man auch etwas Abstraktes wie eine Krebsdia­gnose besser spielen.

Fällt deren Darstellung mit Ende 60 leichter, wenn der Tod keine ganz so ferne Vorstellung mehr ist wie mit Anfang 20?

Definitiv! Mit Anfang 20 wusste ich zwar nicht, ob mein Lebenswandel für Ende 60 reicht; weil wir alle wie unsere großen Rockidole mit 27 sterben wollten, hatten wir zumindest äußerlich eine gewisse Coolness im Umgang mit dem Tod. Aber rein biologisch ist er mir heute natürlich näher als damals.

Uncharmant ausgedrückt: Sie sind zu alt, um jung zu sterben?

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(lacht) Diesen Augenblick des Rock ’n’ Roll habe ich zum Glück verpasst. Heute ist der Tod kein Spiel mehr, er ist ernst. Trotzdem bin ich der Meinung, ein Schauspieler muss intellektuell und handwerklich dazu in der Lage sein, etwas Lebensfernes wie das Sterben selbst bei bester Gesundheit glaubhaft zu machen.

Wie würden Sie selbst die vermeintlich letzten drei Tage verbringen?

Schwer zu sagen, aber als ich das Drehbuch gelesen und mehr noch den fertigen Film gesehen habe, war mir klar, ich würde gern so souverän und lakonisch wie Hanne sein.

Das heißt, Sie würden nicht noch schnell Lücken füllen?

Nein.

Weil es keine gibt?

Doch, aber mein Leben war bislang so intensiv, dass ich dann zu viel Zeit damit verplempern würde, diese Lücken zu finden. Rausch hatte ich jedenfalls schon mehr als genug.

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