Warum tun Sie sich die Tennistour noch an, Andrea Petkovic?

  • Seit 14 Jahren ist Andrea Petkovic als Profi auf der Tennistour unterwegs. Jetzt zieht es sie vor die Kamera.
  • Ab Dezember moderiert sie die ZDF-„Sportreportage“.
  • Im Interview mit Stefan Döring erzählt sie, warum sie trotzdem weiterspielen will – und wofür sie dem Schriftsteller Sasa Stanisic dankbar ist.
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Andrea Petkovic, als Tennisprofi reisen Sie viel. Haben Sie den besten Job der Welt?

Andrea Petkovic: Ja, vor allem, weil ich ausschlafen kann. Wir haben unsere frühesten Spiele um 11 Uhr. (lacht) Die Reiserei ist aber eher ein Nachteil für mich, weil wir viel unterwegs sind. Wäre ich nur in Darmstadt, hätte ich den besten Job der Welt.

Ihre trainingsfreie Zeit nach dem letzten Turnier haben Sie trotzdem in den USA verbracht.

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Petkovic: Ja, mein Freund wohnt in New York. Es war also kein richtiger Urlaub, sondern ich habe mir die Stadt angeguckt. Es ist die einzige Stadt, in der ich nicht über Tennis nachdenken muss. Ich habe dort viele Freunde und mir ein zweites Leben aufgebaut.

Wie sehr können Sie wirklich vom Tennis abschalten? Schließlich wird nahezu das gesamte Jahr über gespielt.

Petkovic: Ich bin Tennisfan und gucke alle Spiele. Ich habe auch am Flughafen gesessen und mir auf dem Handy die ATP-Finalspiele angeguckt. Deswegen ist es schwer, wirklich abzuschalten. Wir haben nur die zwei, drei Wochen am Ende des Jahres. Mit dem Alter habe ich aber gelernt, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen als nur dem Sport.

Zu diesen Dingen gehört die Literatur. Warum ist Ihnen die so wichtig?

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Petkovic: Ich war als Kind sehr krank und hatte ein schwaches Immunsystem. Während alle anderen Kinder draußen gespielt haben, hat mir meine Tante das Lesen beigebracht, um mich zu beschäftigen. Ich kann also sogar schon länger lesen als Tennis spielen. Dabei kann ich mich gar nicht daran erinnern, dass ich mal kein Tennis gespielt habe. Deswegen sind Tennis und Literatur meine großen Leidenschaften. Vor allem die Popkultur hat mich auf meinen Reisen oft gerettet. Wenn ich viel unterwegs bin, ist es gut, etwas zu haben, was mich ablenkt. Ich hatte früher immer eine Extratasche mit Büchern dabei.

Was lässt sich aus der Literatur auf Ihr Leben projizieren?

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Petkovic: Mich interessieren die menschlichen Abgründe, die Tragödien, die Erfolge, die Niederlagen. Im Tennis steht das sehr pathetisch im Vordergrund. Generell machen der menschliche Lebensweg die Dramatik, aber auch die Literatur aus. Da kann ich mich mit allem identifizieren. In jedem Buch finde ich etwas, was das Leben widerspiegelt. Das möchte ich auch in meiner Biografie aufschreiben: Momente, die mir was bedeutet haben.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Petkovic: Passend zu New York die „New-York-Trilogie“ von Paul Auster. Ich habe von ihm schon viele Bücher gelesen, bisher aber nicht sein berühmtestes. Paul Auster hat in seinen Büchern viele Kulturreferenzen, und ich mag, dass ich durch das Lesen seiner Bücher direkt neue auf meine Liste schreiben kann, die ich noch lesen will. Je mehr Paul Auster ich lese, desto mehr weiß ich, wie wenig ich weiß. (lacht)

Dann ist also nach der Karriere auch ein Literaturstudium denkbar?

Petkovic: Ich möchte gern einen Kurs fürs kreatives Schreiben belegen. Einer meiner Lieblingsautoren ist Professor an einer kleinen Uni im Staat New York. Da möchte ich gern rein. Ich weiß aber noch nicht, wie. (lacht) Viele Sportler sagen, dass sie etwas für den Kopf machen müssen.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir etwas fehlt, auch wenn ich körperlich müde bin. Ich war zwar müde, aber nicht zufrieden. In den vergangenen zwei, drei Jahren habe ich angefangen, auch zu schreiben, und gemerkt, dass ich Körper und Geist in Einklang bringen muss. Nur körperlich zu erschöpfen reichte mir nicht aus – aber das hat 30 Jahre gebraucht.

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Was war der Auslöser dafür?

Petkovic: Ich habe mit 28 Jahren eine schwache Saison gespielt und mich gefragt, ob ich noch Tennis spielen möchte. Ich habe gemerkt, wie endlich die sportliche Karriere ist, und wollte mir ein zweites Standbein aufbauen. Ich hatte kurz Panik. Ich mag es nicht, nicht beschäftigt zu sein. Ich würde in ein Loch fallen. Zu der Zeit wurde das „Racquet Magazin“ – ein Tennismagazin – in New York gegründet, und ich wurde gefragt, ob ich da nicht mitmachen wolle. Ich wurde schnell mit eingebunden und bin in diversen Projekten involviert. Später kam eine Kolumne dazu.

Nicht nur deshalb gelten Sie als Ausnahmefigur auf der Tour.

Petkovic: Ich werde schon ein wenig als kunterbunter Kasper angesehen. Aber gerade im Tennis gibt es viele schillernde Persönlichkeiten. Tennis zieht Persönlichkeiten an, die gern allein sind, gern Verantwortung übernehmen. In den vergangenen Jahren sind aber viele in Angst verfallen, etwas Falsches zu sagen. Dadurch halten sich einige Athleten zurück. Wir haben jede Woche ein Turnier und verlieren jede Woche ein Tennisspiel – wenn man nicht gerade Roger Federer oder Serena Williams heißt. Wir bieten jede Woche Angriffsfläche für Kritik. Viele schotten sich deshalb ab. Ich habe aber so viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt. Die möchte ich den Menschen näherbringen.

Sie haben gesagt, dass Sie wöchentlich ein Spiel verlieren. War Ihnen von vornherein klar, was das bedeutet?

Petkovic: Nein, wer weiß, ob ich den Sport sonst so betrieben hätte. Ich habe schnell begriffen, dass ich mich über Kleinigkeiten freuen muss. Solange ich in Deutschland gespielt habe, habe ich oft gewonnen. Als ich auf die Profitour kam, ging das Verlieren los. Ich musste den Erfolg selbst interpretieren und mein Belohnungszentrum im Gehirn manipulieren. Niederlagen tun trotzdem weh. Ich liege aber nicht mehr drei Tage geknickt im Bett, sondern nur noch vier Stunden.

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Sie gehören inzwischen zu den erfahrenen Spielerinnen der Tour, die Besten der Welt sind teilweise zehn Jahre jünger als Sie. Betrübt Sie das manchmal?

Petkovic: Ja und nein. Auf der einen Seite habe ich nach meinen Erfolgen hohe Erwartungen an mich selbst. Wenn ich drei gute Spiele mache und im vierten Knieschmerzen habe, nicht mehr in die Ecken komme und mich eine 16-Jährige vom Platz harkt, frustriert mich das. Auf der anderen Seite macht mich das stolz, dass ich gegen die Besten mithalten kann. Vielleicht nicht mehr so konstant wie früher, aber für ein Spiel. Wir erleben momentan eine der stärksten Perioden des Frauentennis, in der gefühlt jede jede schlagen kann.

Wenn Sie Knieschmerzen haben: Warum tun Sie sich die Tennistour noch an?

Petkovic: Ich bin wettkampfsüchtig. Ich könnte ohne die vielen Trainings ganz gut leben – aber mir würden die Spiele fehlen. Ich mag es, mich zu messen, zu gewinnen, zu verlieren, das Adrenalin. Das vermisse ich schon jetzt. Mir macht es Spaß, auf den großen Bühnen der Welt gegen die Größen der Sportart zu spielen.

Sie zieht es nun vor die Kamera, Sie werden die ZDF-„Sportreportage“ moderieren. Wie ist das mit Ihrer Profikarriere vereinbar?

Petkovic: Ich habe zwei Termine im Dezember, und danach setzen wir uns zusammen. Ich möchte meinen Turnierplan im kommenden Jahr entstraffen, weil meine Knie das nicht mehr mitmachen. In den letzten drei Monaten der Saison bekomme ich regelmäßig Schmerzen. Ich will aber noch ein paar Jahre weiterspielen. Daher ist der Plan, nur noch zwei Turniere am Stück zu spielen, dann hätte ich drei Wochen Pause. In denen möchte ich gern auch vor die Kamera. Wie das praktisch funktioniert, sehen wir dann.

Sie wurden vom ZDF angesprochen. Wie kam es zu dem Job als Moderatorin?

Petkovic: Nach meinem ersten Casting dachte ich, dass es ziemlich schlecht lief. Ich habe mich total unwohl gefühlt, war steif. Aber das ZDF hat mich für ein zweites Casting eingeladen, und das funktionierte sehr viel besser. Ich habe dann Moderationstraining bekommen, wir haben Probesendungen aufgezeichnet. Ich wusste aber nicht, ob das ZDF mich für die Zeit nach der Karriere aufbauen will. Dann habe ich signalisiert, dass ich kürzertreten möchte, und es hat sich das Zeitfenster geöffnet, dass das ZDF mich auch als aktive Sportlerin haben möchte. Ein Plan ist, auch vor Ort eingesetzt zu werden.

Sie wissen, wie Sie sich ausdrücken müssen, gelten als schlagfertig. Auf welche Andrea Petkovic müssen sich die Zuschauer einstellen?

Petkovic: Ich darf meine Texte für die Ansagen komplett selbst schreiben. Ich hoffe, dass ich da meine Persönlichkeit einbringen kann. Natürlich brauche ich dafür Erfahrung, deshalb werden die ersten Sendungen wahrscheinlich auch ein bisschen ruhiger von meiner Seite. Ich hoffe, dass ich möglichst entspannt bin und die Stimme sich nicht überschlägt. Was mache ich eigentlich mit meinen Händen? Auf solche Dinge werde ich mich zunächst konzentrieren, und dann hoffe ich, dass ich Selbstbewusstsein tanke und meine Persönlichkeit rüberbringe. Je näher der Termin rückt, desto aufgeregter werde ich. Mich würde freuen, wenn ich ein wenig mehr Tennis ins Programm bringen könnte. Generell möchte ich gern Sportarten in den Fokus rücken, die sonst nicht so viel Sendezeit bekommen.

Das sind konkrete Vorstellungen.

Petkovic: Ja, ich möchte auch Interviews mit anderen Sportlern führen. Ich denke, dass ich am besten sein werde, wenn ich von Sportlerin zu Sportler spreche, weil ich nachvollziehen kann, wie es einem in bestimmten Situationen geht. Ich hoffe, dass das ZDF mich auch für solche Jobs einsetzen wird, wenn ich mich gut schlage. Der Trend geht generell ja dahin, dass ehemalige Sportler in Sportübertragungen miteinbezogen werden.

Warum?

Petkovic: Unterbewusst ist das Vertrauen einem anderen Sportler gegenüber größer als einem Menschen, den man nie gesehen hat. Wenn ich zum Beispiel ein Gespräch mit Alexander Zverev führe, hat das eine andere Ebene, als wenn das Interview jemand anderes führen würde. Dieses Privilegs bin ich mir bewusst, und das nutze ich auch aus.

Wären Sie Journalistin geworden, wenn Sie kein Tennisprofi geworden wären?

Petkovic: Mein Traumjob, das weiß ich aber erst jetzt, ist Popkulturkritiker. In den USA gibt es Menschen, die nur Filme gucken, Podcasts hören, Bücher lesen und am Ende darüber schreiben. In Deutschland ist das alles ein wenig zu feuilletonistisch. Mir ist der Blick auf die Kultur hier oft zu intellektuell. In den USA schauen sich die Kritiker fünf Superheldenfilme an und schreiben darüber.

Wie würden Sie über „Herkunft“ von Sasa Stanisic schreiben, der in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und wie Sie aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt?

Petkovic: Ich habe das Buch noch nicht gelesen – alle seine Werke zuvor aber. Ich kann mich sehr gut mit dem identifizieren, was er schreibt. Es war ein literarisches Erlebnis für mich, von jemandem zu lesen, der das gleiche Leben wie ich durchlebt hat. Und ich schätze es sehr, wie er das Blumige der serbischen Sprache ins Deutsche transportiert. Das ist nämlich unheimlich schwierig, aber Sasa bringt es fertig, die Poesie der Sprache ins Deutsche zu übertragen. Er macht das elegant.

Wie wichtig ist es für Sie, die serbische Herkunft zu bewahren?

Petkovic: Sehr wichtig! Unsere komplette Ausbildung, unsere Herangehensweise ans Leben – das ist sehr deutsch. In manchen Situationen ertappe ich mich dabei, dass ich impulsiver reagiere. Da kommt das Serbische durch. Auf der anderen Seite ist für mich dort alles sehr chaotisch. Ich fühle mich dann wie ein Alien zwischen zwei Welten. Man weiß nie, wohin man genau gehört. Deshalb sind Stimmen wie die von Sasa Stanisic wichtig, weil er einfängt, wie Migranten sich fühlen. Es sind immer zwei Kulturen in einem. Es ist oft schwierig, das zu vereinen. Die Welt rückt aber immer weiter zusammen.