Ingo Zamperoni: „Es ist kein Unfall gewesen, dass Trump gewählt wurde“

  • Ingo Zamperoni verbrachte schon als Student prägende Jahre in den USA, lernte dabei seine Frau kennen und berichtete später als US-Korrespondent über die Amerikaner.
  • Im RND-Interview spricht der Tagesthemen-Moderator über die US-Wahl, ein zerrissenes Land und seine gespaltene Familie.
  • „Ich wünsche Amerika, dass es eine klare Entscheidung bekommt und es keine Hängepartie geben wird“, sagt Zamperoni.
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Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni (46) verbindet viel mit den USA, nicht zuletzt, weil seine Frau Amerikanerin ist. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der 46-Jährige über die US-Präsidentschaftswahl, Donald Trump und seine Dokumentation „Trump, meine amerikanische Familie und ich“, die am Montag (2. November) um 20.15 Uhr im Ersten läuft.

Herr Zamperoni, Sie haben gerade für die ARD eine Doku im Vorfeld des US-Wahlkampfes gedreht. Was verbindet Sie mit dem Land?

Das fing schon an in Wiesbaden. Da bin ich eine Straße entfernt in einem amerikanischen Soldaten Housing aufgewachsen. Dann habe ich mich für ein Amerikanistikstudium entschieden, in den USA studiert und dort meine Frau, eine Amerikanerin, kenngelernt. Wir sind regelmäßig auf der anderen Seite des Teiches, ich kann die Stempel in meinem Reisepass gar nicht mehr zählen. Insofern habe ich eine sehr enge Verbundenheit und alles was dort passiert, betrifft mich irgendwie auch persönlich.

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Nicht nur das Land gilt aktuell als sehr gespalten, auch ihre Familie ist nicht immer einer Meinung, was Politik angeht.

Im Prinzip spiegelt sich die ganze Zerrissenheit des Landes im Kleinen in meiner Familie wieder. Am schärfsten sind die Kanten, die aufeinander prallen, zwischen meiner Frau und ihrem Vater. Mein Schwiegervater ist schon immer eher ein konservativer Wähler gewesen. Er sagt zwar, er habe auch schon mal demokratisch gewählt, aber grundsätzlich ist er Republikaner. Meine Frau ist, so lange sie denken kann, Demokratin. Die beiden sind schon früher immer aneinander gerasselt, vielleicht auch aus der Provokation eines Teenagers heraus. Aber die letzten vier Jahre waren ein anderer Grad. Diese Präsidentschaft und das Auftreten Trumps haben stark polarisiert. Früher haben sich beide vielleicht noch mehr ausgetauscht. Jetzt ist es gleich konfrontativ. Die Leichtigkeit, die es früher hatte, dieses politische Sparring zwischen den Demokraten und Republikanern ist abhanden gekommen.

Video
RND-Schalte: "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni über die US-Wahl
9:06 min
Ingo Zamperoni ist einer der US-Experten der ARD. Kürzlich ist er für eine Doku im Vorfeld der Wahl durch Amerika gereist - und erzählt davon im Video-Interview

Sie als Deutsch-Italiener sitzen dann zwischen den Stühlen.

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Ich finde das sehr spannend – es ist ein bisschen wie ein Kammerspiel. Es gibt im Film eine Szene, wie mein Schwiegervater, meine Frau und ich in der Küche Essen zubereiten. Ich putze da den Salat und gucke nur zu, wie die beiden sich wie Boxer beharken. Ich versuche meist als Puffer zu dienen. Trump ist eben nicht mein Präsident. Ich wähle da nicht, ich muss mich nicht positionieren und kann so die Distanz wahren. Ich glaube, dass wir in Deutschland manchmal Dinge zu empört empfinden. Denn nicht alles ist grundsätzlich falsch, was er angegangen ist. Zum Beispiel das Zwei-Prozent-Ziel der Nato, das hat sich ja nicht Trump ausgedacht. Er ist dahin gegangen und er hat gesagt: die Nato-Partner haben das 2014 entschieden und beschlossen, aber warum hält sich keiner daran? Aber klar, natürlich ist die Art und Weise wie Trump versucht, das Bündnis infrage zu stellen und zu spalten, äußerst schwierig. Er verbaut sich eine Menge, selbst wenn er einen guten Ansatz hat. Aber es ist kein Unfall gewesen, dass Trump gewählt wurde. Es gab Gründe – für die müssen wir kein Verständnis haben, aber die sollten wir verstehen, um mit Trump umgehen zu können.

Verstehen Sie nach Ihrer Reise, warum so viele Menschen Donald Trump gewählt haben und vermutlich auch wieder wählen werden?

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Ich verstehe, dass man nach gewissen Punkten wählt, die einem wichtig sind. Ich habe zum Beispiel einen Schulkameraden meiner Frau getroffen, der gläubiger Christ ist. Der hat ein großes Schild „Trump“ und eins mit „pro Life“ im Vorgarten stehen. Der ist also gegen Abtreibung. Das ist eine Position, für die viele Republikaner stehen. Wenn also Entscheidungen um Abtreibungsrecht wieder vor Gericht anstehen, dann ist ihm wichtig, dass da konservativ ausgerichtete Richter sitzen. Man darf auch nicht vergessen, dass man sich in diesem Zweiparteien-Wahlsystem fragen muss: was wäre die Alternative? Man kann nicht wie bei uns taktisch wählen, sondern es gibt nur A oder B.

Was bringt es an Schwierigkeiten mit sich, wenn die eigene Familie vor der Kamera steht?

Das war eine heikle Sache, ich habe lange überlegt: Will ich das meiner Familie antun? Ich weiß ja, was es heißt, wenn ein Kamerateam ins Haus kommt und erstmal alles umstellt. Aber es ist ein Unterschied, ob die Familie in Deutschland oder im fernen Amerika lebt. Die werden dort nicht von den Nachbarn angesprochen: Was habt ihr denn gestern da in der Doku gemacht? Gleichwohl bin ich meiner Familie unglaublich dankbar, dass sie sich so geöffnet hat und mir vertraut hat, dass ich diese Nähe, die ich familiär hatte, nicht ausgenutzt habe.

Wie haben Sie generell die Corona-Lage erlebt?

Wir sind mit einem Team aus Deutschland gekommen und sind vor Ort viel mit dem Auto gefahren, weil wir im Landesinnern nicht fliegen wollten. Wir sind erst losgezogen, nachdem wir das negative Testergebnis hatten. Wir haben nur mit Maske und viel draußen gedreht. Es war weniger dramatisch, als ich gedacht hatte. Gleichwohl hält die Pandemie natürlich das Land in Atem und es hat den Präsidentschaftswahlkampf beeinflusst. Wenn Corona nicht passiert wäre, hätte ich gesagt: es ist keine Frage, dass Trump die Wahl gewinnt.

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Wie blickt die amerikanische Verwandtschaft auf die deutsche Politik?

Die demokratische Seite blickt fast etwas neidisch auf die Nüchternheit, mit der in Deutschland Politik betrieben wird. Wir haben seit 16 Jahren die gleiche Kanzlerin, wir haben schon die dritte große Koalition. Das ist alles sehr in der Mitte, sehr ausgeglichen. Wir sind auf Beständigkeit aus und haben nicht so viele extreme Ausschläge. Und auch der Umgang mit der Pandemie wird anerkannt. Es ist auch eine Frage von Leadership, wenn eine Kanzlerin einen gewissen Kurs vorgibt, das ernst nimmt und sich Sorgen macht. Es sind uns sehr viele Sympathien als deutsches Kamerateam entgegengebracht worden, aber die USA sind ein so großer Kontinent, dass man manchmal das Gefühl hat, dass es die Amerikaner nicht ganz so sehr interessiert, was da in Europa passiert.

Ihre ältesten Kinder sind bereits zwölf – ist da Politik zuhause ein Thema?

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Wir waren ja drei Jahre gemeinsam als Familie in Washington und das betraf auch das Wahlkampfjahr 2016. Da hab ich das natürlich mit nach Hause gebracht. Ich weiß noch, wie am Wahltag von Donald Trump die Entscheidung nachts um zwei Uhr Ortszeit fiel, als meine Kinder schliefen. Am nächsten Morgen musste ich sie aufwecken und Frühstück machen und da fragte meine Tochter: „Und? wer hat gewonnen?“ Sie war für Hillary wegen des Spruches: „Vote for the girl“. Ich hab dann gesagt: „Trump hat gewonnen.“ Darauf hat sie nach einer kurzen Pause bloß mit den Schultern gezuckt: „Ok. Machst du mir Pausenbrote?“ (lacht)

Was wünschen Sie Amerika?

Ich wünsche Amerika, dass es eine klare Entscheidung bekommt und es keine Hängepartie geben wird. Wenn da jetzt eine Verfassungskrise kommt und lange Unklarheit herrscht, wird es das Land noch mehr spalten. Aber egal, ob Trump oder Biden gewinnt, es wird nichts daran ändern, dass sich die beiden Lager so unversöhnlich einander gegenüberstehen. Das Land ist nicht gespalten, nur weil Trump Präsident ist, sondern Trump ist Präsident geworden, weil das Land so gespalten ist. Das Beste für Amerika wäre, wenn die Kommunikation zwischen den beiden Seiten offen bleibt.

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Wie werden Sie die Wahl verfolgen?

Wir wollten ursprünglich die Tagesthemen komplett auslagern, am Tag der Wahl und danach. Ich werde am 31. Oktober in die USA fliegen, was dank meines Visums möglich ist, und werde so viel wie möglich aus Washington berichten.

“Staat, Sex, Amen”
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