Hören Sie gefälligst auf, mich zu duzen!

  • Immer mehr Unternehmen fangen an, ihre Kunden “per Du” anzukumpeln.
  • Unseren Autor nervt das.
  • Doch es gibt auch Grenzfälle, wie ein aktueller Fall beim Karrierenetzwerk “Xing” zeigt.
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Hannover. Der Straßenbahnbetrieb tut es, der Supermarkt um die Ecke tut es, und inzwischen tut es sogar die Polizei. Sie alle duzen mich. Ungefragt. Und ich will, dass das aufhört. Sofort.

Aktuelles Beispiel: Die Karriereplattform “Xing” hat vor ein paar Tagen seine Nutzerinnen und Nutzer unter der Überschrift “Warum wir Sie jetzt duzen” darüber informiert, sich künftig vom “Sie” verabschieden zu wollen. Das stehe schließlich symbolisch für eine “hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei Xing nicht mehr identifizieren können”, argumentiert Geschäftsführerin Sabrina Zeplin.

Die Anrede passe schlichtweg nicht mehr zur Zukunft der Arbeit, findet sie. In dieser solle “sich niemand mehr aufgrund des Alters oder der Position wichtiger fühlen dürfen als irgendjemand anderes. Das ‘Du’ schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt”, so Zeplin weiter.

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“Duzen ist übergriffig”

Bei den Nutzern der Plattform sorgte das umgehend für harsche Kritik: “Ich schätze es gar nicht, von fremden Personen geduzt zu werden. Das ist eine Frage von Anstand und Benimm, diese Werte scheinen aber für Xing kein Beweggrund zu sein”, kommentiert beispielsweise einer den Beitrag. Ein anderer bezeichnet “einseitig verordnetes Duzen wie hier von Xing” schlichtweg als “übergriffig”.

Allerdings stimmen auch einige Nutzer dem Vorhaben zu. Einer kommentiert beispielsweise, dass die Sache ein rein Deutsches Phänomen sei und rät: “Ich denke, wir können das entspannter betrachten. Wer glaubt, lediglich Respekt zu erfahren, weil er gesiezt wird, hat sehr wahrscheinlich eine falsche Wahrnehmung von sich selbst.”

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Problematisch an der ganzen Diskussion ist derweil gar nicht die Sache mit der Arbeitswelt. Zeplin hat nämlich durchaus Recht, wenn sie sagt, dass ein “Du” am Arbeitsplatz sich positiv auf die Atmosphäre im Unternehmen auswirken kann. Schwierig ist, dass sie das auf die Kommunikation mit ihren Nutzerinnen und Nutzern überträgt – der Vergleich hinkt nämlich enorm.

Liebe Unternehmen: Kumpelt mich nicht an!

Und damit kommen wir zu dem größten Störfaktor an der Sache: Immer mehr Unternehmen entscheiden sich inzwischen, ihre Kunden konsequent ungefragt und möchtegern-hip anzukumpeln. Am Anfang war das nur IKEA – inzwischen aber duzt auch die Smoothie-Verpackung, der Radiosender und das biedere Karrierenetzwerk mit den vielen Schwarz-weiß-Menschen in Anzügen. Bäh!

Besonders aufgefallen ist mir das während des Corona-Lockdowns. Da war mein Rewe um die Ecke der Ansicht, mich großflächig und an jeder Ecke mit seiner kumpelhaftigen Fürsorge zu Umarmen – trotz Sicherheitsabstand! “Wir sind auch weiter für euch da”, hieß es da etwa in Lautsprecherdurchsagen. “Wir bitten euch, nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen.” Oder natürlich: “Halte bitte Abstand.”

“Abstand” erwarte ich aber auch von Ihnen, “Herr Rewe”, denn wir sind überhaupt gar nicht befreundet! Und ihr pseudofreundliches “Du” klingt überhaupt gar nicht kumpelhaft, auch nicht nach einem “Wir stehen jetzt alle zusammen”, sondern eher wie eine Maßregelung der eigenen Mutter, die mal wieder daran erinnern muss: “Jan-Hendrik, hältst du bitte Abstand?”

Wenn Behörden plötzlich duzen

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Der Wahn des Rumduzens in der Corona-Krise erreichte seinen Höhepunkt, als ich die A 2 von NRW nach Niedersachsen befuhr und ein großes leuchtendes Autobahnschild kurz nach der Porta Westfalica aufblinkte: “Melde dich beim Gesundheitsamt”. Wie bitte? Melde du dich mal beim Herrn Knigge, du übergriffiges Leuchtschild!

Letzteres dürfte wohl nur ein Ausrutscher irgendeiner Straßenbehörde gewesen sein, denn inzwischen wird auf dem besagten Schild wieder angemessen gesiezt. Dennoch: Dass auch bei Behörden die Duzeritis zugeschlagen hat, ist keine Seltenheit. Die Polizei in Berlin zum Beispiel wirbt auf einem Polizeiwagen mit dem Slogan “Da für Dich”.

Zugegeben: Der aktuelle Fall bei “Xing” bewegt sich auf einem schwierigen, schmalen Grat. Denn auf der einen Seite ist es in sozialen Netzwerken durchaus üblich, sich zu duzen. Hintergrund dürfte sein, dass die allermeisten dieser Netzwerke aus dem englischsprachigen Raum stammen, der nun mal kein “Sie” kennt. Die Ansprache “You” wurden dann später einfach ins deutsche “Du” übersetzt – und das halte ich auch nicht für problematisch.

Rezo duzt sogar CDU-Generalsekretäre

Würden Instagram oder Facebook ihre Nutzerinnen und Nutzer plötzlich mit “Sie” anreden, wäre das wohl ziemlich befremdlich. Und es würde auch die Grundidee dieser Plattformen zerstören: Hier geht es um Kommunikation unter Freunden – da duzt man sich nun mal. Und wenn Marken oder auch Medien hier ihre Nutzer pauschal mit “Du” anreden, halte ich das für völlig okay. Es basiert auf einem Grundkonsens, den die sozialen Netzwerke nun mal mit sich bringen.

Schwieriger wird es da schon bei der Direktkommunikation – oder wenn man diese Plattformen in professionelleren Kontext nutzt. Auf Twitter beispielsweise führen Medienleute tagtäglich Diskussionen mit anderen Journalisten, Politikern oder Experten – wie redet man sich denn da an?

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Der Youtuber Rezo beispielsweise hat sich für ein Konsequenztes “Du” entschieden – egal mit wem er redet. Sogar ihm völlig unbekannte CDU-Generalsekretäre spricht er so an. Warum, erklärt er in einer “Zeit”-Kolumne: “Das grundlegende Problem der Du-Sie-Konvention ist …, dass sie fundamental auf der Ideologie basiert, Menschen in eine hierarchische Struktur einzuordnen.” Dabei führt er auch das Verhältnis zwischen Chefs und Arbeitnehmern an – oder zwischen Älteren und Jüngeren.

“Du, Christian Drosten ...”

Das allerdings halte ich für zu kurz gedacht. Denn ob man jemanden duzt oder siezt hat ja nicht nur etwas mit Hierarchien zu tun – sondern auch damit, wie nahe man einer bestimmten Person steht. Und damit meine ich nicht nur die freundschaftliche Beziehung, sondern mitunter auch die geistige Haltung.

Einen mir völlig fremden Politiker würde ich unter keinen Umständen einfach so duzen, auch nicht bei Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Auch einen Christian Drosten schreibt man ganz sicher nicht an mit Sätzen wie: “Hallo, Christian, du machst wirklich eine Superarbeit!”. Das klingt falsch, falsch, falsch! Der Mann hat mehr als ein “Du” verdient.

Einen anderen Journalistenkollegen allerdings würde ich hingegen sehr wohl duzen – auch ungefragt. Das ist wie mit dem Handzeichen bei Busfahrern. Fährt man aneinander vorbei, dann kumpelt man sich an. Man versteht sich halt, völlig unabhängig von Hierarchien und Altersunterschieden.

Eine Frage des Respekts

Zudem hat das Siezen auch etwas mit Respekt zu tun – völlig unabhängig von Hierarchieebenen. Werden Journalisten oder Aktivisten im Netz für ihre Arbeit angepöbelt, dann schreiben deren Verfasser ihre Nachrichten häufig “per Du”. Darin schwingt schon unterschwellig eine gewisse Missachtung mit, und die ist auch so gewollt. Du bist es gar nicht wert, dass ich dich sieze! Antwortet man diesen Menschen dann aber seriös und gelassen mit einem “Sie”, dann ändert sich in vielen Fällen schnell die Tonlage – und es kann mitunter auch zu einem konstruktiven Austausch kommen.

Um noch mal auf die Kernthese von Sabrina Zeplin zurückzukommen: Ja, am Arbeitsplatz hat auch meiner Ansicht nach ein “Sie” nichts mehr verloren. Denn hier beruht die Ansprache tatsächlich häufig auf der Position in der Hierarchieebene. Wer zusammenarbeitet, vertritt dieselben Interessen, sollte an einem Strang ziehen – freundschaftlich und trotzdem professionell. Ein “Sie” steht da im Wege. Es zieht Grenzen, wo keine sein sollten.

Doch solange so eine Verbindung nicht besteht, sind solche sprachlichen Grenzen sehr sinnvoll. Und das gilt auch für die Kommunikation von Karrierenetzwerken mit ihren Kundinnen und Kunden. Mag sein, dass das bei euch im Unternehmen alles schön per “Du” klappt, liebes Xing. Aber ich bin ja gar nicht bei dir angestellt.

RND


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