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Hochwasser flutet Wuppertaler Radiosender, Journalisten berichten trotzdem die ganze Nacht durch – anders als der WDR

  • Um 20.35 Uhr erhält der Chefredakteur von Radio Wuppertal eine SMS aus dem Rathaus: Die Lage ist ernst.
  • Wenige Stunden später tritt die Wupper über die Ufer.
  • Für die Redaktion des Senders beginnt eine nächtliche Marathonsendung – mit abruptem Ausgang.
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Wuppertal. Mittwochabend in der Moritzstraße. Im Funkhaus von Radio Wuppertal 107,4, nur wenige Meter von der Wupper entfernt, gehen am Abend kurz nach 19.30 Uhr planmäßig die Lichter aus. „Wir machen Schicht“, beschließt Chefredakteur Georg Rose. Für andere Pläne gibt es zu diesem Zeitpunkt auch gar keinen Anlass.

Der Stand des naheliegenden Flusses ist zwar hoch, die Lage aber nicht besorgniserregend. Dass sich das im Laufe des Abends dramatisch ändern würde, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Auch eine erst kürzlich verschickte Pressemitteilung des für die Talsperren zuständigen Wupperverbands gibt wenig Anlass zur Sorge.

Also schließen die Redakteurinnen und Redakteure die Tür des Senders zu und gehen Heim. Bei Radio Wuppertal laufen um 19.30 Uhr die letzten Lokalnachrichten. Dann schaltet der Sender aufs Programm von Radio NRW um – ein landesweites Liveprogramm aus Oberhausen, jedoch ohne lokale Inhalte. Erst zur Morningshow am Donnerstagmorgen sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Senders wieder im Funkhaus stehen – doch es kommt alles anders.

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Eine Ausnahmesituation

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Um 20.35 Uhr erhält Chefredakteur Rose eine SMS aus dem Rathaus. Und die klingt dramatisch. Die Wupper könnte in Kürze über die Ufer treten, heißt es darin – eine absolute Ausnahmesituation für die Stadt. „Die Wupper tritt nie, nie, niemals über die Ufer“, erklärt Rose gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dafür sorgten schließlich die naheliegenden Talsperren.

Doch dort ist zu dieser Zeit bereits Großalarm: Die Wupper-Talsperre und die Bever-Talsperre erreichen den sogenannten „Vollstau“, wie der Wupperverband am späteren Abend mitteilt. Das bedeutet: Die Stauseen können kein weiteres Wasser aus dem Oberlauf der Wupper mehr speichern. Insbesondere Anwohner an der Wupper, aber auch am Bever-Bach unterhalb der Bever-Talsperre sollten vorsichtig sein.

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Der Pegel der Wupper an der Kluserbrücke in Wuppertal steht zur selben Zeit bei mehr als 190 Kubikmetern pro Sekunde. Damit ist die kritische Marke im Stadtgebiet Wuppertal erreicht – Überflutungen seien nun nicht mehr auszuschließen, teilt der Verband mit.

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„Wir machen jetzt durch“

Das Team von Radio Wuppertal ist sich einig: Wir gehen wieder auf Sendung. Rose informiert seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per Messenger über die Lage. Alle erklären sich bereit, umgehend die Arbeit wieder aufzunehmen. Unter den acht Radiomacherinnen und -machern sind auch Jens Voss und Jasmin Ashauer, die Morningshow-Moderatoren des Senders. Sie standen noch frühmorgens im Studio – und gehen um 21 Uhr erneut on Air.

Die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktion arbeiten von Zuhause, fragen Interviewpartner an, holen Informationen ein. Andere wagen sich nach draußen, führen Interviews in der Stadt, berichten von der Lage vor Ort.

Am späten Abend passiert dann tatsächlich das, was alle befürchtet hatten: Die Wupper tritt über die Ufer. Für das Team des Radiosenders ist klar: „Wir machen jetzt durch“, wie Georg Rose sagt.

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Georg Rose, Chefredakteur von Radio Wuppertal 107,4, im Studio des Senders (Archivbild). © Quelle: Radio Wuppertal

Serverraum unter Wasser

Die Entscheidung hat auch ganz offizielle Gründe. Radio Wuppertal übernimmt in der Stadt die Aufgabe des Warnradios – der Sender hat sich zur Ausstrahlung behördlicher Warnmeldungen verpflichtet. Und so liest das Team des Senders neben seiner eigenen Berichterstattung viel Mal in der Stunde auch die jeweils aktuelle Warnmeldung der Behörden vor, dazwischen Musik.

Mehrere Stunden geht das so – bis der Sender selbst vom Hochwasser getroffen wird. In den Keller des Funkhauses dringt mitten in der Nacht Wasser ein. Hier befindet sich auch der Serverraum. Das hat Konsequenzen: Alle Angebote des Senders, die über das Internet laufen, fallen gegen 3 Uhr schließlich aus. Dazu gehört auch der Webstream des Radios – über UKW kann die Redaktion zunächst weitersenden.

„In solchen Situationen merkt man, dass viele Leute heute gar nicht mehr über UKW Radio hören, sondern übers Internet“, sagt Rose. Bis in den Donnerstagnachmittag hinein jedoch muss der Sender auf seinen Onlinestream verzichten, ehe dieser wieder live gehen kann. Auch die Telefonleitung des Senders ist den ganzen Tag tot.

Stadt stellt den Strom ab

Das schwerwiegendere Problem allerdings ereignet sich in den frühen Morgenstunden – da stellt die Stadt Wuppertal wegen der Überflutungen aus Sicherheitsgründen den Strom ab. Radio Wuppertal ist für solche Fälle vorbereitet: Ein Notstromgerät kann den Sender weiter versorgen, allerdings nur für etwa zweieinhalb Stunden.

Und so sendet die Redaktion bis zum bitteren Ende weiter, genauer gesagt bis 5 Uhr. Dann gehen auch in der Moritzstraße die Lichter aus – unfreiwillig. Erst um 11.30 Uhr am nächsten Morgen kann sich das Team des Senders bei seinen Hörerinnen und Hörern zurückmelden – zumindest über die UKW-Frequenz. „Hurra!! Wir sind wieder da“, heißt es in einem Post auf Facebook und Instagram.

Für das Team des Lokalradios bleibt die Marathonsendung natürlich nicht folgenlos. Alle seien jetzt ziemlich müde, sagt Rose dem RND am Donnerstagvormittag – er selbst sei seit Mittwoch 8 Uhr auf den Beinen. Zwischendurch habe man einige Schichten getauscht, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch schlafen können. Rose sieht die Vorteile in solchen Situationen bei seinem kleinen Team. Man müsse vorher nicht viel organisieren, sondern könne in solchen Großlagen spontan reagieren.

Hörerinnen und Hörer danken der Redaktion

Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz, dem WDR, sah das in der Nacht etwas anders aus: Die Programme der Anstalt wurden von Zuschauerinnen und Zuschauern, aber auch von Medienjournalisten teils heftig kritisiert, weil sie trotz Unwetterlage in NRW an ihrem Regelprogramm festhielten. Der WDR selbst räumte gegenüber dem RND insbesondere im Raum Wuppertal Lücken in der Berichterstattung ein: Das dortige WDR-Studio sei selbst so stark vom Unwetter betroffen gewesen, dass es ab 3 Uhr in der Nacht nicht mehr selber senden konnte, so eine Sprecherin.

Den Einsatz von Radio Wuppertal honorieren die Hörerinnen und Hörer nun mit lobenden Worten in den sozialen Netzwerken. „Vielen Dank für Eure unermüdlichen Berichterstattungen zu fast jeder Zeit! Und Danke an die Reporter die überall vor Ort sind!“, schreibt ein Kommentator auf Facebook. „Danke schön, dass ihr mit allen Mitteln uns versucht auf dem Laufenden zu halten. Passt auf Euch auf, liebes Radio Wuppertal Team!“, schreibt eine andere. „Danke für die großartige Arbeit!“, kommentiert ein weiterer Hörer.

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Hoffen, dass der Regen ausbleibt

Die Stadt Wuppertal selbst ist am Ende einer nervenaufreibenden Nacht vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Noch immer laufen Aufräumarbeiten, zahlreiche Keller wurden überflutet, auch die berühmte Schwebebahn fährt am Wochenende nicht. „Extreme Unwetterschäden wie etwa in der Eifel hat es hier aber zum Glück nicht gegeben“, resümiert Georg Rose.

Auch am Donnerstag blieb die Redaktion des Lokalradios live on air. Eine weitere Nacht allerdings wolle man nicht durchmachen, sagt der Chefredakteur. „Wir machen zwei Stunden länger als sonst, dann ist Feierabend.“

Ein Restrisiko allerdings bleibe. Am Abend soll es noch einmal regnen. Anwohnerinnen und Anwohner, aber auch die Redaktion des Senders hoffen nun inständig, dass die Wupper nicht erneut über die Ufer tritt.

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