Weihnachten mit „Hawkeye“: Marvel hat den Bogen raus

  • Eigentlich sollte „Hawkeye“ einen Kinofilm bekommen, jetzt wurde sehr viel mehr daraus.
  • Jeremy Renner und Hailee Steinfeld spielen zwei Bogenschützen, für die die Weihnachtszeit erst mal nicht so besinnlich wird.
  • Die neue Serie aus dem Comic-Universum (ab 24. November, Disney+) ist klassischer und weit weniger schräg als zuletzt „Loki“ oder „WandaVision“.
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„I’ll be home for Christmas“, sang Bing Crosby 1943. Es wurde das Lied für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die in Europa und Asien gegen Gewaltherrschaften und Unrechtssysteme kämpften. Weihnachten erschien darin – wie immer in Weihnachtsliedern – als die große Obhut, die Tage, an denen Kummer und Harm stillschweigen, an denen auch die Kämpfer ihre Flinten und Bögen einschließen und sich in die Aura der Harmonie des Baums begeben, in seinem Schmuck und seinen Lichtern Frieden suchen. Ein Idyll, das nichts mit dem Jahresendzeit-Stresstest zu tun hat, bei dem sich – die Zeitungen sind voll davon – oft langgehegte Aggressionen Bahn brechen.

Weihnachten will Clint Barton alias Hawkeye zu Hause verbringen

Auch Clint Barton will in der Serie „Hawkeye“ nach Hause, aber eine ganze Weile scheint es, als wolle das Frohe Fest ihn tunlichst von sich fernhalten. Und von seiner Familie, an der er aus guten Gründen mindestens so sehr hängt wie einst der arme Schreiber Bob Cratchit aus Charles Dickens’ „Weihnachtslied in Prosa“ an seinen Lieben.

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Dabei sieht alles zunächst ganz gut aus in „Hawkeye“, der ersten Weihnachtsserie aus dem Hause Marvel, in deren acht Episoden auch so mancher Klassiker des Christmaspop amerikanischer Prägung erklingt. Leise rieselt der Schnee auf Manhattan herab. Es ist die letzte Adventswoche vor Heiligabend, und der ehemalige Avenger Hawkeye alias Clint Barton (Jeremy Renner) ist mit seinen drei Kindern in der Stadt, um einzutauchen in deren legendären Weihnachtsglitzer.

Warum er sich gerade das Avengers-Musical am Broadway ausgesucht hat, bleibt offen – vermutlich war’s ein Ansinnen seiner Sprösslinge. Jedenfalls kann er die zu Tänzen umchoreografierten Gefechte seiner alten Superheldentruppe kaum ertragen. Der Captain America des Stücks kriegt sein dümmliches Grinsen nicht vom Gesicht, der Hulk-Darsteller ist zwar grün, hat aber kaum Muskeln am Leib, und als Barton schließlich auch noch Black Widow im Catsuit über die Bühne wirbeln sieht, ist es mit seiner Liebe zum Genre Singspiel vorbei.

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Als er Black Widow auf der Bühne sieht, geht Hawkeye das an die Nieren

Das hat seinen Grund: Wir erinnern uns an den Tod von Black Widow an Hawkeyes Seite. Im Film „Avengers: Endgame“ (2019) wollten sich Held und Heldin opfern, als es auf dem Planeten Vormir darum ging, den Seelenstein zu erringen, um die vom Universumszerstörer Thanos weggeblipte Menschheitshälfte (darunter Hawkeyes komplette Familie) aus dem Nichts zurückzuholen. Es war das Ende der Witwe und ein Trauma für den Überlebenden.

Jedenfalls geht Papa Barton erst mal auf die Konzerthaustoilette, und als auf sein Urinal auch noch jemand als Theaterkritik ein „Thanos hatte recht!“ gekritzelt hat, muss er dringend an die frische Luft. Dass die Show lächerlich gewesen sei, darin ist sich die Familie hinterher immerhin einig. Beim nachfolgenden Dinner wird beschlossen, das „beste Barton-Weihnachten aller Zeiten“ zu feiern. Mama ruft an. Großes Einandervermissen. Morgen werde man sich wiedersehen. Klingt nach einem Film mit Doris Day und Rock Hudson – wahlweise nach den ersten beiden Folgen der Marvel-Serie „WandaVision“ (2021).

Dass es schon bald richtig heldisch hergeht, daran hat Kate Bishop (Hailee Steinfeld) deutlichen Anteil. Als Kind hat sie die Schlacht um New York erlebt, bei der 2012 die Avengers gegen die Alienarmee der Chitauri – unter Beteiligung des mit einem seltsamen Schabernackverständnis gesegneten Asgard-Prinzen Loki – antraten. Damals starb Kates geliebter Vater, damals sah sie aber auch etwas Unvergessliches – einen Bogenschützen, der noch im Fallen vom Hausdach gegenüber wehrhaft Pfeile auf seine Gegner abschoss (wir kennen die Szene aus dem ersten „Avengers“-Film von 2012). Aus der Verehrung für Hawkeye wird Nachahmung. Nachts klettert Kate an Fassaden hoch, um über den Dächern der Stadt mit ihrem Bogen Streiche zu spielen.

Ronins Kostüm ruft alte Widersacher auf den Plan

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In der ersten Folge gerät sie dann – auf Wegen, die hier nicht gespoilert werden sollen – an das Ninja-Kostüm des dunklen Rächers Ronin. So gewandet hatte sich Hawkeye nach dem Verlust seiner Familie in einen mordbereiten Vigilanten verwandelt. Als er Kate im Hotelfernseher sieht, sucht er nach ihr. Und kommt gerade noch rechtzeitig, sie zu retten.

Es geht um die Vergangenheit, die nicht zur Ruhe kommt. Denn die Verbündeten derer, die Barton als Ronin einst tötete, streben nach Vergeltung, sobald sie der kostümierten Kate ansichtig werden. Erzählt werden in „Hawkeye“ zwei Geschichten – die des alten Kämpfers, der wider Willen noch einmal zum Showdown muss, und die der jungen Rebellin, die die Spider-Man-Lektion mit der großen Verantwortung zu lernen hat, wenn sie die neue Hawkeye werden möchte an des einstigen Hawkeyes statt. Coming of consequence meets coming of age. Und auch Hawkeye, Bartons grundgutes Helden-Alter-Ego, ist im Fokus einer Rache. Yelena Belova (Florence Pugh) Schwester von Natasha „Black Widow“ Romanoff, ist unterwegs, ihn zu töten, wie Marvellianer seit dem Abspann des „Black Widow“-Films (2021) wissen.

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Soweit die im gewohnten Disney+-Geiz zur Sichtung gewährten zwei Episoden ein Urteil zulassen, fällt es positiv aus. „Hawkeye“ scheint leicht und swingend, mit Witz, Verve und Weihnachten, klassischer als zuletzt die komplexe, brägenverbiegende, nichtsdestoweniger hinreißende Multiversumssaga „Loki“ (2021). Dennoch sind die Charaktere ausreichend mit „Tiefe“ versorgt, um die Actionsause zu erden. Marvel hat den Bogen im großen wie im kleinen Kino raus.

Bleibt uns, den beiden Hawkeyes zu wünschen, dass sie am Ende ankommen – die eine bei sich selbst, der andere zum gemeinsamen „O du Fröhliche“ unterm Christbaum.

„Hawkeye“, Serie, sechs Episoden, von Jonathan Igla, mit Jeremy Renner, Hailee Steinfeld, Vera Farmiga, Florence Pugh (ab 24.11 bei Disney+)

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