Gruselmythos: Die Sage von der tödlichen Pokémon-Melodie

  • 1996 erblicken erstmals die Pokémon das Licht der Gameboy-Bildschirme.
  • Einige Jahre später verbreitet sich eine schockierende Sage im Netz: Angeblich starben Hunderte Kinder wegen ohrenbetäubender Musik in dem berühmten Gameboy-Spiel.
  • Die Geschichte hinter einem frei erfundenen Gruselmythos.
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Hannover. Die Pokémon feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubliläum. Und was seit Februar 1996 passiert, ist eine schier unbegreifliche Erfolgsgeschichte: Gameboy-Spiele, Sammelkarten, eine Fernsehserie, 21 Kinofilme, Merchandising, ja sogar einen Pokémon-Vergnügungspark gab es zeitweise. Bis heute prägen die kleinen Monster ganze Generationen von Kindern und Junggebliebenen.

Wer sich jedoch ganz besonders an die kleinen „Pocket-Monster“ erinnern dürfte, ist die Generation Nummer eins. Kinder der Neunzigerjahre. In Gruppen standen sie auf den Schulhöfen, die Gameboy-Linkkabel fest gezückt für den nächsten Kampf. Wer besonders cool war, hatte bereits den neuen Gameboy Color – und wer dem Pokémon-Hype vollends erlegen war, der tauschte Sammelkarten.

Wer in dieser Zeit in den Monsterbann gezogen wurde, sah Pokémon-Professor Eich zeitweise wahrscheinlich häufiger als seine eigene Familie. Und durch die Straßen der fiktiven Stadt Lavandia schlenderte man selbstverständlicher als durch sein eigenes Heimatdorf. Womit wir auch schon beim Thema wären.

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Die fiktive Stadt Lavandia aus der ersten Generation des Pokémon-Gameboy-Spiels ist bis heute nämlich ein riesiger Mythos unter Fans der ersten Stunde. Denn hinter dem Gruseldorf verbirgt sich eine ebenso gruselige Sage, die sich – genauso wie die Monster selbst – bis heute hartnäckig hält.

Das Pokémon Pikachu als Zeichentrickfigur in der TV-Serie. © Quelle: picture alliance / Everett Collection

Tödliche Musik im Grusel-Dorf

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Und diese Erzählung geht so: 1996 erscheint in Japan eine Vorabversion des ersten Pokémon-Gameboy-Spiels – das Spiel, das später in Deutschland als die „Rote und Blaue Edition“ bekannt werden würde. Doch etwas ist zu diesem Zeitpunkt anders – und zwar die Musik.

Erreicht der Spieler das Dorf Lavandia, wird er im Original mit einer ohrenbetäubenden Tonfolge beschallt. Eine Musik, die eigentlich gut passt: Lavandia ist im Pokémon-Spiel nämlich ein absolutes Gruseldorf. Es besteht aus drei Häusern, einem Markt, einem Pokémon-Center und einer Höhle. Gleichzeitig ist Lavandia aber auch ein Pokémon-Friedhof, auf dem der Spieler mitunter auf Pokémon-Geister sowie zahlreiche merkwürdige Gestalten trifft.

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Die Hintergrundmusik rundet den Gruselfaktor perfekt ab: Zu hören sind gameboytypische Chiptune-Sounds, komponiert vom japanischen Videospielkomponisten Jun’ichi Masuda. Sie spielen eine furchteinflößende Melodie, die im Laufe der Zeit immer höher wird und schließlich in einem beinahe unerträglichen Quietschen endet. Angenehm sind die Sounds, die noch heute auf Youtube zu hören sind, tatsächlich nicht. Und glaubt man der erwähnten Sage, hatte die Melodie noch weitaus schwerwiegendere Folgen.

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Erzählung von 200 toten Kindern

Im Jahr 2010, also rund 14 Jahre später, machen sich im Netz plötzlich Gerüchte breit, die Gruselmusik aus dem Pokémon-Spiel habe zum Tode zahlreicher Kinder geführt. Mehr als 200 japanische Pokémon-Spieler hätten nach Erscheinen des Pokémon-Spiels aus zunächst unerklärlichen Gründen Suizid begangen, andere hätten angeblich unter Nasenbluten oder Kopfschmerzen gelitten, wurden irrational wütend oder wiesen Schädigungen des Gehirns auf. Erst später sei klar geworden, dass alle betroffenen Kinder zuvor das neue Pokémon-Spiel gespielt hätten. Die angeblichen Ereignisse gehen später als „Lavandia-Syndrom“ in die Videospielgeschichte ein – und die Erzählung hält sich bis heute.

Tatsächlich gibt es allerdings keinerlei Belege, dass diese Ereignisse stattgefunden haben. Zahlen, die etwa auf erhöhte Suizidraten hinweisen, gibt es keine – und auch sonst gilt die Erzählung als sogenannte „Creepypasta“. So bezeichnet man erfundene Grusel- und Horrorgeschichten, die im Netz verbreitet werden.

Nintendo war die Sache damals wohl trotzdem ein bisschen heikel. Denn in der finalen Pokémon-Version, die 1999 schließlich auch in Deutschland erschien, wurde die Lavandia-Musik geändert. Zwar ertönt im Gruseldorf weiterhin die bekannte Melodie, die Töne steigen jedoch nicht mehr in so exzessive Höhen wie noch in der Beta-Version. Und ebenso wahr ist: Rein theoretisch kann die Tonfolge der berühmten Lavandia-Musik tatsächlich ungewöhnliche, mitunter auch ungute Gefühle auslösten. Das hat musikwissenschaftliche Gründe.

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Binaurale Beats gibt es tatsächlich

Bei der mysteriösen Tonfolge soll es sich laut der Erzählung um binaurale Beats gehandelt haben. Ein Sinneseindruck, der entsteht, wenn dem Gehör auf jedem Ohr ein Ton mit leicht abweichenden Frequenzen vorgespielt wird. Im Gehirn entsteht dann ein neuer, pulsierender Ton, der die Gehirnwellen stimulieren kann. Diese Binauralen Beats gibt es tatsächlich. Sie können etwa zur Entspannung, zum Schlaf und zur Meditation eingesetzt werden. Allerdings können diese Töne auch ungute Gefühle auslösen. Pure Sinustöne beispielsweise werden in der Regel als unangenehm empfunden.

Ob es sich bei der Lavandia-Tonfolge tatsächlich um klassische binaurale Beats handelt, ist derweil nicht ganz klar – denn dafür müssten verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen muss die Tonfolge in Stereo abgespielt werden – jedes Ohr muss ein separates Audiosignal empfangen, damit ein neuer Ton im Gehirn entsteht. Auf Youtube sind heute allerdings nur Monoversionen der vermeintlich gefährlichen Musik zu finden – hier würde ein solcher Effekt gar nicht funktionieren.

Zum anderen hätten die Konsumenten die Töne mindestens über Kopfhörer konsumieren müssen. Ein normale Gameboy-Lautsprecher reicht nicht aus, um den Effekt zu erzielen – die unterschiedlichen Tonfrequenzen würden sich schon vorab vermischen und demnach gar nicht den Weg separat ins Ohr finden.

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Geschichte wird immer weiter gedreht

Doch Logik war auch schon Anfang der 2010er Jahre nicht ganz so wichtig, wenn es um Verschwörungserzählungen ging. Die Geschichte von den toten Kindern verbreitete sich trotzdem – und über die Jahre wurden immer neue Spins hinzuerfunden.

In der Originalfassung heißt es etwa, Nintendo habe die angeblichen Tode vertuschen wollen, um die Popularität des Pokémon-Franchise zu schützen. Später tauchten gefälschte Bilder auf, in denen etwa Geister in Spektogramme der Lavandia-Musik eingezeichnet wurden. Auf anderen Videos sind Pokémon sowie der Schriftzug „Leave Now“, („Geh jetzt“) in grafischen Darstellungen der Musik zu sehen.

Weitere Versionen der Geschichte behaupten, dass die Entwickler des Spieles Kinder mit der Musik gezielt haben nerven wollen – wiederum andere behaupten, Nintendo habe für das Spiel mit der japanischen Regierung zusammengearbeitet.

Wie ist die Erzählung entstanden?

Do wo kommt die Erzählung überhaupt her? Und wie konnte sie sich so rasant verbreiten? Die erste Version der Geschichte wurde 2010 erstmals von einem anonymen Nutzer auf der Plattform Pastebin veröffentlicht. In der Originalfassung war nur von den verstorbenen Kindern die Rede, aber auch die binauralen Beats wurden als Ursache bereits erwähnt, genauso wie die vermeintlichen Vertuschungsversuche von Nintendo selbst. Von dort aus gelangte die Geschichte schließlich ins Imageboard 4chan, wo sie viral ging und mit immer neuen Drehungen und Wendungen weiterverbreitet wurde.

Der Zeitpunkt der Verbreitung dürfte dabei kein Zufall gewesen sein: Die erste Generation von Pokémon-Fans war 2010 inzwischen erwachsen – und die gruseligen Begegnungen in Lavandia dürften bei dem ein oder anderen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Rückblickend war das Spiel, und insbesondere die Begebenheiten in Lavandia, damals nämlich nicht so bunt und fröhlich, wie das Pokémon-Franchise heute wahrgenommen wird. Offenbar war man sich 1996 noch nicht ganz im Klaren darüber, in welche Richtung man die Marke eigentlich führen wollte.

Das Lavandia-Trauma

In der Gruselstadt erfährt der Spieler beispielsweise die herzzerreißende Geschichte, wie ein „Knogga“ (ein Pokémon mit einem Knochenhelm) getötet wurde, weil es ein Baby vor dem bösen Team Rocket retten wollte. Eine Erzählung, die für ein Kinderspiel durchaus dunkel ist.

Gleichzeitig erfährt der Spieler in Lavandia erstmals, dass Pokémon überhaupt sterben können – eine Thematik die später praktisch gar nicht mehr thematisiert wurde, wahrscheinlich aus gutem Grund. Und dann gibt es auch noch diesen wütenden Pokémon-Geist, der in einem Turm spukt. Und lauter trauernde, teils etwas sonderbare Pokémon-Trainer, die um ihre gestorbenen Monster trauern.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass das dunkle, gruselige Lavandia bei jungen Spielern bleibenden Eindruck hinterlassen hat – dafür braucht es gar keine Musik. Das Mysterium um die tödlichen Töne mag frei erfunden sein – der Gruselfaktor von Lavandia ist es nicht. Und so war der Verschwörungsmythos am Ende wahrscheinlich nur die Kirsche auf der Torte, um das Mysterium um das fiktive Dorf perfekt zu machen.

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