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“Großstadtrevier”-Star Wanda Perdelwitz: “Es ging schon immer um die Geschichten der kleinen Leute”

  • Wanda Perdelwitz spielt seit 2012 im “Großstadtrevier” mit, gerade laufen in Hamburg die Dreharbeiten zum ersten Film zur ARD-Serie.
  • Im Interview spricht die Schauspielerin über Zivilcourage, freundliche Nordlichter und ihre Erfahrungen mit der Polizei auf St. Pauli.
  • “Ich war überrascht, auf wie viel Ablehnung die Polizei stößt, vor allem auf dem Kiez”, sagt die 36-Jährige.
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Hamburg. Seit 35 Jahren, 33 Staffeln und 455 Folgen läuft das “Großstadtrevier” in der ARD. Gerade wird in Hamburg der erste Film zur Serie über den Polizeialltag auf St. Pauli gedreht. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Wanda Perdelwitz (36), die in “St. Pauli, 6 Uhr 07” die Polizistin Nina Sieveking spielt, über Nachtdrehs auf dem Hamburger Kiez, Selbstkritik und das Erfolgsgeheimnis des “Großstadtreviers”.

Seit 2012 stehen Sie für das “Großstadtrevier” vor der Kamera. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie die Rolle der Nina Sieveking bekamen?

Das war eine große Überraschung. Ich war gerade in der überfüllten U-Bahn unterwegs, hatte schon fast vergessen, dass ich noch im Rennen um die Rolle war, und bekam dann den Anruf. Am liebsten hätte ich laut vor Freude geschrien, ich habe mich aber gerade noch zusammenreißen können und mich ganz leise, aber innerlich sehr laut gefreut.

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Haben Sie die Serie auch als Kind geschaut?

Ich habe in meiner Kindheit sehr viel mit meiner Oma Fernsehen geguckt. Von “MacGyver” über “Batman” bis zum “Großstadtrevier”. Wir haben Mareike Carrière und Jan Fedder im Fernsehen gesehen und geraten, wie die Folge ausgeht und wer der Täter ist.

Sie drehen auch öfter mal im Stadtteil St. Pauli und auf der Reeperbahn. Wie werden die Clubs, Läden und Menschen vor Ort miteinbezogen?

Wir drehen auch in den Clubs und in den Läden. Wir arbeiten in den Szenen aber mit Komparsen, die über Stunden am Drehort verfügbar sein müssen. Wir können die Leute, die eh vor Ort sind, deshalb also kaum einbeziehen. Es ist auch nicht ganz einfach, auf St. Pauli zu drehen, weil die Anwohner meistens nicht so große Lust darauf haben. Dort gibt es einfach zu viele Einschränkungen durch die vielen Teams, die dort drehen.

Sie kommen aus Berlin und wohnen aber vor allem in Hamburg. Inwiefern wäre es anders, wenn Sie eine Polizistin in Berlin spielen würden?

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In Berlin ist der Umgangston teilweise krasser. In Hamburg sind die Leute, obwohl sie den Ruf des kühlen und rauen Norddeutschen haben, sehr viel freundlicher und umgänglicher als in Berlin. Ich mag die Hamburger und die Nordlichter sehr, hinter der kühlen Fassade steckt meistens eine herzliche und ehrliche Person.

Das Team vom “Großstadtrevier”: Wanda Perdelwitz, Saskia Fischer, Marc Zwinz und Patrick Abozen (v. l.).

Zu Beginn der Folge “St. Pauli, 6 Uhr 07” wird Ihre Rollenfigur Nina Sieveking zusammengeschlagen. Spielen Sie das selber, oder machen das Stuntfrauen?

Die ganzen Schlägereien haben wir durchchoreografiert, und es gab eine Stuntprobe zur Vorbereitung. Ich habe das meiste selbst gedreht. Es gibt aber manchmal gefährliche Dinge, wenn jemand zum Beispiel aus großer Höhe fällt oder aus der U-Bahn rausgetreten wird und im hohen Bogen durch die Luft fliegt und irgendwo landen muss. Szenen, in denen es gefährlich werden kann, darf ich aus versicherungstechnischen Gründen nicht selber machen.

Wie bereiten Sie sich körperlich auf eine Szene wie die Schlägerei vor?

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Es ist wichtig, dass man körperlich und muskulär warm ist. Ich versuche, mich zu dehnen und aufzuwärmen, dann geht es um Präzision und Timing. Das ist ein bisschen wie ein brutaler, gut inszenierter Tanz.

Wie schalten Sie nach solchen gewaltvollen Szenen ab?

Ich nehme immer Erlebnisse mit nach Hause, aber ich kann Realität von Fiktion gut trennen. Trotzdem lag ich nach den Nachtdrehs morgens im Bett und habe diese Szenen rekapituliert und konnte nicht einschlafen: “Hier hätte ich besser noch das oder jenes machen können” oder “das war nicht richtig gut” oder “das ist mir wirklich gelungen”. Dabei kommen mir plötzlich neue oder weitere Ideen, die ich beim Dreh nicht hatte. Als Schauspieler bist du immer auch kritisch der eigenen Arbeit gegenüber, gerade wenn es um die realistische Darstellung solcher Szenen geht.

Was machen Sie als Schauspielerin mit diesen selbstkritischen Gedanken?

Ich versuche, nicht zu streng mit mir zu sein. Es ist ja nicht zu ändern. Manchmal denkt man sich aber schon, jetzt würde ich es gern noch mal machen. Wie mit allem im Leben muss man dann irgendwann loslassen und nach vorn schauen.

In “St. Pauli, 6 Uhr 07” sehen Mitfahrer, dass Nina verprügelt wird, keiner hilft. Haben Sie selbst schon einmal Zivilcourage bewiesen?

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Ich habe mich im Laufe der Jahre an meine Figur, was ihren Mut angeht, sehr angenähert. Ich bin manchmal aus dem Instinkt heraus so leichtsinnig, dass ich schon oft dachte: “Oh, mein Gott, das hätte sehr böse enden können.”

“Zivilcourage finde ich wichtig”

Was war das für eine Situation?

Da war ein Flüchtender, hinter ihm rannte die Polizei, die rief: “Halt! Festhalten! Stehen bleiben!” Und ich habe ihn festgehalten, er hat sich losgerissen und ist weitergerannt. Im Nachhinein habe ich gedacht: “Was war denn das für ein wahnsinniger und bescheuerter Impuls?” Im Gegensatz zu meiner Figur kann ich keinen Kampfsport. Manchmal schieße ich mit meinem Mut übers Ziel hinaus. Trotzdem finde ich Zivilcourage wichtig. Ich bin jemand, der den Mund aufmacht, wenn er in Situationen Ungerechtigkeiten sieht.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach Menschen, die keine Zivilcourage beweisen?

Es geht um die Angst, selber zur Zielscheibe zu werden. Ob man es Angst oder Feigheit nennt, sei mal dahingestellt. Es gibt aber auch viele Leute, die Zivilcourage haben, die den Mund aufmachen und die helfen würden, davon bin ich überzeugt.

Nina Sieveking ist eine sehr toughe, aber auch ein wenig sture Polizistin. Inwieweit ähneln Sie Ihrer Rolle?

Nina ist stur, wenn es um Ignoranz und Ungerechtigkeiten geht. Da kann ich auch stur und sehr undiplomatisch sein. Nina steht nicht so zu ihrer weichen Seite, sie versucht, sie zu verstecken. Da unterscheiden wir uns. Über die Jahre habe ich gelernt, zu meiner Verletzlichkeit zu stehen. Ich finde es bewundernswert, wenn man es schafft, zu seinen Schwächen zu stehen. Daran arbeite ich noch.

Polizistin zu sein gilt als tougher Beruf. Müssen Frauen in solchen Berufen ihre sensible Seite verstecken?

Ich bin zur Vorbereitung auf meine Serienrolle mit Polizisten der Davidwache drei Nächte über den Hamburger Kiez gelaufen. Da war auch eine Polizistin dabei, die war witzig und schlagfertig. Täglich haben die Polizisten auf dem Kiez mit großmäuligen Männern zu tun, die Frauen erst mal nicht ernst nehmen oder abwerten. Als Frau ist man ja schon allein von der Körpergröße her häufig unterlegen. Dem etwas entgegenzusetzen geht nur auf eine gewitzte und toughe Art und Weise.

Was haben Sie aus dieser Vorbereitung mitgenommen?

Ich war überrascht, auf wie viel Ablehnung die Polizei stößt, vor allem auf dem Kiez. Und auch, wie viele Ängste es gibt: Sobald Leute die Polizisten gesehen haben, rannten sie weg. Es wurde auch sehr viel gepöbelt. Es war bedrückend, das durch ihre Augen zu sehen. Eigentlich sind sie angetreten, um die Bürger zu unterstützen. Sie reiben sich auf, um den Menschen zu helfen, für Recht und Ordnung zu sorgen. Es ist oft wie ein Kampf gegen Windmühlen: Haben sie jemanden nach langen Ermittlungen geschnappt, müssen sie ihn oft aus Mangel an Beweisen wieder freilassen. Ich hatte schon Respekt vor ihrer Arbeit, die sehr körperlich und gefährlich ist. Aber natürlich gibt es auch da schwarze Schafe.

Seit mehr als 35 Jahren wird das “Großstadtrevier” produziert. Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis des Erfolgs?

Die Serie traut sich immer wieder, sich auf eine eigene Art neu zu erfinden – was wir vor allem unserer Produzentin Claudia Thieme und dem NDR zu verdanken haben. Aber es ging im Gegensatz zu anderen Krimiformaten schon immer um die Geschichten der kleinen Leute. Es geht um Zwischenmenschliches, erzählt mit norddeutschem Humor. Das ist einmalig in der Fernsehlandschaft.

Aus vielen erfolgreichen Serien wird oft noch mal ein Film gemacht. Glauben Sie an das Konzept?

Es ist eine tolle Möglichkeit: Das “Großstadtrevier” gibt es seit 35 Jahren, und viele Leute wissen gar nicht, dass es sich sehr gewandelt hat. Wenn sie das auf einem anderen Sendeplatz als Film sehen, werden sich vielleicht einige sagen: “Wow, das ist das Großstadtrevier?! Das ist ja ganz geil.”

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