Gottschalk, Jauch und Pocher: Selbstdarsteller in der Corona-WG

  • Gewiss, mit Jauch, Gottschalk, Pocher ist “Die Quarantäne-WG” auf RTL zur besten Sendezeit prominent besetzt.
  • “Die Quarantäne-WG” heißt ein täglicher TV-Podcast, für den RTL die drei Relikte der sorglosen Neunzigerjahre vorerst fünfmal zur Primetime per Videokonferenz vereinigt.
  • Ein bisschen Sinn, Verstand und Struktur hätten es für die Videokonferenz zur Corona-Krise aber schon sein dürfen.
Jan Freitag
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Podcasts sind bekanntlich das Kommunikationsgebot der Stunde. Alle hören, alle machen ja gerade mindestens zwei bis drei davon, weshalb sogar ein fachübergreifend völlig unbekannter Virologe wie Christian Drosten zum wuschelig frisierten Star dieser Krisenzeit sondergleichen wird.

Selbst Leute podcasten, denen man das bislang nicht zugetraut hätte. Thomas Gottschalk zum Beispiel, Günther Jauch und Oliver Pocher. Drei Alphatiere des Selbstdarstellungsfernsehens, die nicht wären, was sie sind, würden sie das Medium Podcast nicht radikal auf Sichtbarkeit bügeln. Leider.

Während das Geheimnis gelungener Podcasts in ihrer rieselfähigen Beiläufigkeit besteht, müssen sich die Herren Gottschalk, Jauch und Pocher beim Podcasten natürlich auch noch filmen lassen. Am Montag. Knappe 60 Minuten, minus Reklame natürlich.

“Die Quarantäne-WG” heißt ein täglicher TV-Podcast, für den RTL die drei Relikte der sorglosen Neunzigerjahre vorerst fünfmal zur Primetime per Videokonferenz vereinigt. Und wie sie aus ihrer jeweiligen Luxusvilla ins Fernsehland sprechen, seltsam radebrechen und privat, klingt das für einen Moment sogar ganz, nun ja: authentisch.

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Doch spätestens wenn der einzig aktive Showmaster vor einer verschobenen Folge “Wer wird Millionär” im Wackelbild seiner Handykamera versichert, man wolle hier nicht um sich, sondern – klaro – Corona kreisen, wird deutlich: Seit gestern dürfen diese fahlen Fixsterne ihrer Selbst genau das tun und sonst wenig.

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Warum auch immer

Obwohl – wer sich an dieser Stelle fragt, was der infantilste Narziss des kommerziellen Entertainments um 20.15 Uhr live zur größten Menschheitskrise seit dem Zweiten Weltkrieg beizutragen hat: Oliver Pocher, das belegt er im dreifach gespaltenen Splitscreen mit einem Riechtest am Klebstoff, ist (wenn auch nicht schwer) an Sars-CoV-2 erkrankt und damit unmittelbar betroffen. Einstellungskriterium: hoch.

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Thomas Gottschalk dagegen sagt in seiner unverwüstlichen Fähigkeit, sich klein zu prahlen, er zähle mit fast 70 zur Risikogruppe. Einstellungskriterium immerhin: okay. Und Günther Jauch? Ist eben Günther Jauch, dem seine Groupies zurzeit gewiss auch einen Wissenschaftspodcast abkaufen.

Weshalb er hier nun eine Art Gesprächsleiter gibt, bleibt demnach formalunterhaltsam selbsterklärend, aber inhaltlich rätselhaft. Schließlich lässt er das Trio nebst Gästen nicht nur nahezu ausnahmslos um sich selber kreisen, es reden meist auch noch alle durcheinander oder – noch schlimmer – schweigen peinlich. Am Ende der zweiten sehr, sehr langen Werbepause entschuldigt Jauch zwar, das sei jetzt halt “Guerilla-TV” gewesen und werde morgen, also heute, bestimmt besser. Versprochen.

Risikostargast Laura Karasek

Dafür aber müsste vor allem der unsägliche Pocher vielleicht mal aufhören, ausnahmslos Witze auf Kosten anderer ohne Kameraerfahrung zu machen. Wie die zugeschaltete Oberärztin Dr. Carola Holzner. Nach deren Versuch, im mittlerweile fünffach gesplitteten Bildschirm (links unten firmiert Laura Karasek dank ihrer Diabeteserkrankung als Risikostargast mit Eyecandy-Faktor) ernste Heiterkeit zu verbreiten (gute Laune ist gut für die Endorphinausschüttung), unterbricht er die Expertin vom Essener Uniklinikum nicht nur rüde, er degradiert sie auch noch zur Sekretärin – und ab mit dem Pointenfutter.

“Die Quarantäne-WG”: Die etwas andere Live-Schalte.
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Das mag beim Pennälerhumor mit Simon Gosejohann funktionieren; im Kontext der schlimmsten Pandemie seit 100 Jahren ist es auch dann einfach nur erbärmlich, wenn man sich das RTL-Motto “In dieser Zeit nehmen wir unseren Auftrag, Sie zu informieren und zu unterhalten, so ernst wie nie” vor Augen hält.

Wer sich die aktuelle Berichterstattung ansieht, könnte dem ja sogar zustimmen. Hier allerdings geht es bislang zumindest um nicht mehr als starbesetzte Egomanie, der Dienstagabend soziokulturell-immunologische Koryphäen wie Toni Kroos und Michelle Hunziker etwas ihrer Popularität leihen.

Duchhaltelied von Max Giesinger

Schade eigentlich. Denn kurz bevor ein Werbeblock die alternde RTL-Kundschaft mit Produkten von Baumarkt über Staubsauger und Waschmittel bis Faltencreme versorgt, kommt beinahe ein Moment echter Wahrhaftigkeit auf. Als Thomas Gottschalk meint, seiner notorischen Frohnatur sei gerade erstmals im Leben wahrhaft mulmig zumute, widerspricht ihm sein alter Weggefährte Jauch mit der Anekdote, nach dem Super-GAU von Tschernobyl habe der Tommy auch schon mal echte Angst gezeigt.

Doch tiefer geht’s nicht. Dafür darf der Product-Placement-Popstar Max Giesinger ein selbst komponiertes Durchhaltelied trällern, während es inhaltlich um tausendfach durchdeklinierte Standardfragen wie Altersgrenzen, Toilettenpapier und Ausgangsbeschränkungen geht. Selbst Guerilla-TV, möchte man den vier bis fünf (Selbst-)Darstellern dieses abgefilmten Podcasts zurufen, darf so etwas wie Sinn, Verstand, eine Struktur haben. Wer ihnen bei der Suche danach noch bis Freitag Zeit gibt, muss da schon ganz schön vom Lagerkoller gepackt sein. Aus dem Fenster gucken könnte erhellender sein.

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