Ghibli-Filme bei Netflix: Wo Erwachsene wie Kinder staunen

  • Netflix öffnet eine Schatztruhe und nimmt 21 Filme des japanischen Animationsstudios Ghibli ins Programm.
  • Darunter sind alle neun Langfilme des Anime-Meisters Hayao Miyazaki.
  • Das darf durchaus als cineastische Gegenoffensive zum machtvollen Auftritt von Disney+ gesehen werden.
Martin Schwickert
|
Anzeige
Anzeige

Der Streaming-Gigant Netflix legt seinen Schwerpunkt zunehmend auf exklusive Eigenproduktionen im Serienformat, die zu popkulturellen Großereignissen hochgejazzt werden. Nun jedoch versucht das Unternehmen mit einem ungewöhnlichen Deal, seiner Aufgabe als digitaler Schatztruhe der Filmgeschichte gerecht zu werden: 21 Titel – beinahe den kompletten Katalog – des legendären japanischen Animationsstudios Ghibli hat Netflix in sein Programm genommen.

Darunter sind alle neun Langfilme des Anime-Meisters Hayao Miyazaki, der in seinem Heimatland verehrt wird, aber auch in Hollywood höchste Anerkennung genießt. “Immer wenn wir nicht weiterwissen, schaue ich mir ein paar Szenen aus einem Miyazaki-Film an”, sagte John Lasseter, der einstige kreative Leiter der Pixarstudios, für den die Werke des Kollegen ein steter Quell der Inspiration sind. Anders als bei Pixar werden die Filme in den Ghibli-Studios noch von Hand gezeichnet und koloriert.

Diese geradezu haptische handwerkliche Qualität, die Farbenpracht und der überbordende visuelle Detailreichtum sind das ästhetische Markenzeichen von Miyazakis Filmen. In seine Welten taucht man mit sanfter Bewunderung ein. Erwachsene werden hier schnell wieder zum staunenden Kind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ghibli-Filme: Die Heldinnen sind meistens Mädchen

Miyazakis “Chihiros Reise ins Zauberland”, 2002 mit dem Goldenen Bären und kurz darauf mit dem Oscar ausgezeichnet, räumt mit dem Vorurteil auf, dass Zeichentrickfilme nur minderjährige Zuschauer verzaubern können. Eine Zehnjährige verläuft sich in einem stillgelegten Vergnügungspark, wo Geisterwesen ihren Wellnessurlaub verbringen und wo Chihiro unter der Knute einer Hexe schuften muss, um ihre Eltern zu befreien.

Die Heldinnen – meistens sind es Mädchen – haben es selten leicht, aber sie können stets auf ihre Fähigkeiten und auch auf die Hilfe anderer vertrauen – so auch in Miyazakis erstem Langfilm “Das Schloss im Himmel” aus dem Jahre 1986.

Anzeige

Buchstäblich vom Himmel fällt die junge Sheeta direkt in die Arme des Bergarbeiterjungen Pazu. Sie trägt einen magischen Stein um den Hals, hinter dem Luftpiraten und Regierungsbeamte her sind.

Hohe Komplexität

Anzeige

Miyazaki hat die Handlung in der Zeit der industriellen Revolution angesiedelt. Die Häuser der Bergarbeiter kleben an den Felswänden riesiger Schluchten. Die Stollensysteme werden zur mystischen Erlebniswelt. Mit liebevollen Details wurden die dampfbetriebenen Flugmaschinen entworfen. Versatzstücke aus Mythen, Märchen, Abenteuerromanen und den Science-Fiction-Klassikern von Jules Verne werden zu einem eigenen Universum zusammengebaut.

Miyazakis Werke zeichnen sich auf visueller Ebene genauso wie bei der Charakterisierung der Figuren durch hohe Komplexität aus. Die minderjährigen Protagonistinnen durchleben auf ihren Reisen ein weites Spektrum von Emotionen: Angst, Courage, Trauer, Freude, Trost, Übermut, Nachdenklichkeit – Miyazaki gelingt es immer wieder, seinen Figuren die widerstrebenden Gefühle eines Kindes ins Gesicht zu zeichnen.

Aber auch ein Bösewicht ist selten nur Schurke, sondern ein ambivalentes und lernfähiges Wesen. Die klare Trennung zwischen Gut und Böse, gerade in Animationsfilmen verbreitet, findet hier nicht statt. Vielmehr wird die Verwandlung zur treibenden Kraft, mit der ein böser Geist zum bemitleidenswerten Wesen mutiert oder sich die unzuverlässigen Eltern als grunzende Schweine entpuppen. Es gibt wohl kaum einen anderen Animationskünstler, der sich so nah an die wankenden Gefühlswelten eines Kindes herantastet. In “Mein Nachbar Totoro” (1988) erschließt sich ein vierjähriges Mädchen mit ungestümem Entdeckerwillen ihre Umgebung. Herrlich, wie die emotionale Sprunghaftigkeit eines Kleinkindes in Mimik und Bewegung umgesetzt wird. In “Kikis kleiner Lieferservice” (1989) wagt eine junge Hexe erste Schritte in die Selbstständigkeit. Der Film darf als feministische Hommage an weibliche Tatkraft verstanden werden.

Netflix: 21 Ghibli-Filme verfügbar

Prägend sind in Miyazakis Filmen die Themen Krieg und Naturzerstörung. In seinem jüngsten Werk “Wie der Wind sich hebt” (2013) erzählt Miyazaki vom Ingenieur Jiro Horikoshi (1903–1982), der sich schon als Kind danach sehnt, Flugzeuge zu bauen und begeistert das Zusammenspiel von Technik und Natur erforscht. Sein Traum vom Fliegen wird jedoch mit dem militärischen Einsatz seiner Erfindungen im Zweiten Weltkrieg pervertiert. Die Technik der absoluten Bewegungsfreiheit wird zum Instrument der Zerstörung.

“Wie der Wind sich hebt” ist vor ein paar Tagen mit dem letzten Ghibli-Paket auf Netflix erschienen, womit nun 21 Filme verfügbar sind. Die Bestückung mit diesen Kinokostbarkeiten darf durchaus als cineastische Gegenoffensive zum machtvollen Auftritt von Disney+ gesehen werden – dort sind die Zeichentrickklassiker des Konzerns zu finden. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Netflix auch weiterhin in diesem Segment profiliert. Die Kinogeschichte birgt noch viele Schätze, die in den Kellern der Lizenzinhaber lagern und darauf warten, einem breiten Publikum zugänglich gemacht zu werden.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen