Anne Will und der Krieg der Gendersternchen

  • Anne Will macht es vor, Claus Kleber macht es nach. Und in vielen Redaktionen herrscht noch große Uneinigkeit.
  • Die Rede ist von geschlechtergerechter Sprache im Radio, im Fernsehen und in Zeitungsredaktionen.
  • Wer gendert wann, wo und warum eigentlich? Eine Bestandsaufnahme.
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Hannover. Haben Sie in letzter Zeit mal die Talkshow “Anne Will” gesehen? Und ist Ihnen da möglicherweise etwas aufgefallen? Wenn nicht, dann haben Sie sich möglicherweise schon an ihn gewöhnt. Und wenn doch, dann hat er sie mindestens verwirrt, vielleicht sogar verärgert. Wir müssen heute über ihn sprechen: den Gendergap.

Springen wir ein, zwei Wochen zurück. Ende Mai, lange bevor die Redaktion von “Maischberger” mit einer überaus missglückten Gästeauswahl in die Kritik geriet, war für einen kurzen Moment ihre Kollegin Anne Will Thema der Debatte. Der Grund: Die Journalistin hatte vor laufenden Fernsehkameras – ja, halten Sie sich fest – gegendert!

In der Sendung damals war unter anderem Reiner Holznagel zu Gast, Präsident des Bundes der Steuerzahler. Moderatorin Will kündigte Holznagel allerdings ein bisschen anders an – und zwar als Präsidenten des “Bundes der Steuerzahler_innen” – mit betonter Pause, dem eben erwähnten “Gendergap”.

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“Da staunen Sie, dass wir ‘Bund der Steuerzahler_innen’ sagen, ne?”, so Will zu ihrem Gast. “Ich weiß gar nicht, ob Sie den Verband schon so nennen, inzwischen?” Holznagel antwortet: “Nein. Steuern zahlen müssen alle, insofern fühlen sich auch alle angesprochen. Es ist völlig in Ordnung so.”

Protest gegen den Gendergap

All das wäre eigentlich gar keine Nachricht, denn Anne Will und ihr Team gendern schon lange. In Einspielfilmen und Moderationen heißt es seit geraumer Zeit statt “Ärzte” etwa “Ärzt_innen” – ebenfalls mit betonter Pause.

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Interessant ist das Thema dennoch – und zwar deshalb, weil der Protest gegen Wills Sprachstil in den vergangenen Wochen zugenommen hat. “Was wird da im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesprochen?”, fragte beispielsweise die “Bild”-Zeitung kurz nach der Sendung – Wills Sprachstil klinge “seltsam”, manchmal sogar “holprig”. Und weiter: “Zeugen verrieten ‘Bild’, dass die Moderatorin sogar im privaten Gespräch von “Zuschauerinnen und Zuschauern” spricht. Das klingt natürlich nach einem Skandal.

Auch “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt zeigte sich nicht begeistert, brachte in seinem Kommentar zum Thema gleich im zweiten Absatz das Wort “Diktaturen” unter und resümierte: “Nur freie Sprache ist schön” und “Sprache sollte nicht zum Zuchtmeister ihrer Nutzer werden”.

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Alexander Grau führt Wills Sprachstil im “Cicero” derweil zurück auf “moralischen Druck und Opportunismus”. Der 24. Mai, der Tag, an dem Will das Wort “Steuerzahler_innen” benutzte, sei vermutlich der historische Tag, “an dem das Gendersternchen den Durchbruch in das offizielle Regelwerk der deutschen Sprache schaffte”.

“Behörden-Sprech” stößt auf Kritik

Ganz so ist es wahrscheinlich nicht. Denn das Gendern war schon lange vor der Will-Talkshow Gegenstand öffentlicher Debatten. Allerdings standen bislang weniger Fernsehmoderatorinnen im Fokus, sondern eher Behörden. Beispielsweise als die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover Empfehlungen an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herausgab, wie die Sprache aus ihrer Sicht gerecht mit Blick auf die Geschlechter verwendet werden könne – ein echter Aufreger.

Für Anschreiben wurde etwa vorgeschlagen, die Anrede mit Herr und Frau zu vermeiden, manche Wörter sollen durch andere ersetzt werden wie etwa Teilnehmer durch Teilnehmende. Wenn Männer und Frauen angesprochen werden sollen, wird das sogenannte Gendersternchen empfohlen.

Sprachwissenschaftler, wie etwa der emeritierte Professor der Universität Potsdam Peter Eisenberg, kritisierten das damals. Die Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache “ruiniere die Sprache”, so Eisenberg.

Eine Studie der Freien Universität Berlin zeigt allerdings: Wenn in Berufsbeschreibungen die männliche und die weibliche Bezeichnung genannt wird, trauen sich Kinder – Mädchen und Jungen – den Job eher zu. Die Sprache prägt also unsere Realität.

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Sprachchaos in den Redaktionen

Zwischen diesen beiden Positionen bewegen sich nun nicht nur die Behörden, sondern auch die Medienhäuser. Hier hat bekanntlich jeder Sender, jeder Verlag seine ganz eigene Vorstellung vom Gendern. Die “taz” tut es schon sehr lange, die “Bild” regt sich schon sehr lange drüber auf. Und andere machen es mal so, mal so. Selbst in der ARD, zu der auch Anne Wills Talkshow gehört, gibt es in jedem einzelnen Sender eigene Regeln, wie eine Umfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) ergab.

In Wills Haussender, dem NDR, gebe es beispielsweise “die Empfehlung, auf eine gendergerechte Sprache zu achten”. Wo es möglich sei, werde sowohl die weibliche als auch die männliche Personenbezeichnung genutzt – oder eine neutrale Bezeichnung, teilt eine Sprecherin mit.

Die Empfehlung gelte “für Mitarbeitende in Fernsehredaktionen ebenso wie z. B. für Moderierende”. Anne Will gendere seit Langem konsequent und habe mit ihrem Sprachgebrauch in der Sendung am 24. Mai zwei Tage vor dem bundesweiten Diversity-Tag “ein Signal gesetzt und damit eine wichtige Diskussion angestoßen”.

Auch bei Radio Bremen gibt es Empfehlungen für die Redaktion – der gesprochene Gendergap gehöre aber ausdrücklich nicht dazu, teilt eine Sprecherin mit. “Vielmehr sollen – wie im Sprachgebrauch üblich – beide Geschlechter genannt werden.” Das Gendern solle zudem so angewendet werden, “ohne dass das zulasten der Verständlichkeit und Natürlichkeit der Sprache geht”.

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Gendern wird nicht konsequent eingehalten

Beim Südwestrundfunk (SWR) gibt es einen Leitfaden im PDF-Format, der dem RND vorliegt. Darin werden diverse Möglichkeiten der gendergerechten Sprache aufgezeigt, etwa das Gendersternchen (“Mitarbeiter*innen”). Möglich sei auch das geschlechtsneutrale Formulieren (“Mitarbeitende”) oder aber die Verwendung beider Geschlechter: “Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter”.

Varianten mit “Gendergap” allerdings (Mitarbeiter_innen) oder auch das “Binnen-I” (MitarbeiterInnen) sollen beim SWR ausdrücklich nicht zum Einsatz kommen, heißt es im Leitfaden.

Blickt man allerdings auf die Website des SWR, ist hier von Gendersternchen nur wenig zu sehen. In News-Beiträgen ist zwar Rede vom “Badbetreiber”, aber nicht von der “Badbetreiberin”. Und von “Mitarbeitern”, aber nicht von “Mitarbeiter*innen”. Und wenn in Mannheim eine Bombe gefunden wird, dann müssen “Anwohner” die Häuser verlassen, aber nicht die “Anwohnenden”.

Beim deutschen Nachrichtenflaggschiff, der “Tagesschau”, läuft seit einem knappen Jahr ein Projekt zu geschlechtergerechter Sprache, berichtet der Deutschlandfunk. Vor allem die 20-Uhr-Nachrichten seien eine Herausforderung, berichtet Burkhard Nagel, Qualitätsmanager der “Tagesschau”: “Wenn Sie für einen schwierigen Text 24 Sekunden haben, und da kommen drei Wörter drin vor, die männlich ausgerichtet sind und die Sie anders ausdrücken müssen, dann ist das eine Zusatzaufgabe, die man erst einmal ein bisschen lernen muss.”

Vereine geben Empfehlungen

Damit das nicht so schwierig bleibt, geben verschiedene Organisationen Empfehlungen für Redaktionen heraus – etwa der Journalistinnenbund mit seinem Projekt “Genderleicht”. Dort heißt es etwa: “Wir empfehlen, zunächst einen neutralen Oberbegriff zu nehmen und im Verlauf des Textes zu schreiben, wer etwas tut. Das können mal Frauen sein. Oder Männer. Oder intergeschlechtliche oder nicht binäre Personen. Fragen Sie sie, wenn möglich, welche Schreibweise für sie passt.”

Auch fürs gesprochene Wort hat der Verein Tipps, etwa wie man das Gendergap (“Steuerzahler_innen”) eigentlich korrekt ausspricht. Empfohlen wird dieses im Übrigen aus einem ganz bestimmten Grund, und daran dürfte auch Anne Will gedacht haben: Anders als die Formulierung “Steuerzahlerinnen und Steuerzahler” bezieht es nicht nur Männer und Frauen mit ein, sondern auch alle anderen Geschlechter.

Bis die gendergerechte Sprache endgültig auch den Weg in alle Redaktionen schafft, dürfte wohl noch einige Zeit vergehen. Doch Anne Will ist bei Weitem nicht die einzige Kämpferin auf weiter Flur. Auch ihr ZDF-Kollege Claus Kleber moderierte kürzlich einen Beitrag im “Heute Journal” an. Darin hieß es, nahezu unbemerkt: “Unsere Reporter_innen berichten.”

RND

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