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  • "Germany's next Topmodel", Folge 1: Kritik an Diversität der Castingshow - Medienwissenschaftler ist "von der ersten Folge enttäuscht”

Medienwissenschaftler über Diversität bei „GNTM“: „Bin von der ersten Folge enttäuscht“

  • Kleiner, älter, kurviger: In der Castingshow „Germany‘s next Topmodel“ soll Diversität in der neuen Staffel ganz besonders im Vordergrund stehen.
  • In erster Linie ist das natürlich gute PR, erklärt ein Medienwissenschaftler.
  • Dennoch ergebe sich daraus auch eine Chance für die Gesellschaft.
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Das Motto der diesjährigen Staffel der Modelcastingshow „Germany‘s Next Topmodel“ zu erkennen, ist wahrlich kein Kunststück. Wem es nicht schon in den Werbespots oder auf den Social-Media-Kanälen aufgefallen ist, der wird es spätestens in der ersten Folge der 16. Staffel bemerkt haben: „Diversity“ und „Personality“ sind die Schlagworte.

Ist das vor allem eine PR-Masche oder wandelt sich die Show ernsthaft? Der Medienwissenschaftler und Professor für Fernsehwissenschaft von der Filmuniversität Babelsberg, Prof. Dr. Lothar Mikos, hat die erste Episode am Donnerstag angesehen und für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) eingeordnet.

Kleiner, älter, kurviger oder Transgender: Laut Model und Moderatorin Heidi Klum ist in diesem Jahr alles erlaubt. Und auf den ersten Blick scheint der Cast tatsächlich ein wenig anders zusammengesetzt zu sein als in der Vorjahren. Auch wenn bereits andere Transgenderkandidatinnen sowie Curvymodels dabei waren, gibt es Überraschungen.

Diverser oder nicht? Medienwissenschaftler ist nicht überzeugt

Allen voran gilt das für Kandidatin Maria. Die 21-Jährige aus Flensburg ist die erste gehörlose Teilnehmerin. Mit einer Größe von 1,68 Meter sticht auch die ebenfalls 21-jährige Romina hervor. Mit Dascha gibt es erneut ein Curvy- und mit Alex ein Transendermodel. Generell sind viele Frauen nicht so dünn, wie es oft der Fall war, und der Altersdurchschnitt ist ein wenig höher: Keine Kandidatin ist jünger als 19, die Älteste ist 25.

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Die Geschichte der 20-jährigen Chanel zeigt außerdem, dass die Zeiten, in denen körperliche Makel nicht erwünscht sind, wohl passé sind. Vor einem Millionenpublikum zeigt sie Narben an ihren Armen, die nach eigener Aussage sonst nur ihre engsten Vertrauten zu Gesicht bekommen.

Trotz dieser Veränderung ist Prof. Dr. Mikos noch nicht überzeugt vom neuen, alten Konzept. „Ich bin ein bisschen enttäuscht. Denn so divers, wie es angekündigt wurde, war es nicht“, sagte er dem RND. „Die Kandidatinnen sind unterschiedlich. Aber das ist ja klar, also geschenkt.“

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Gehörlose Kandidatin entscheidend für Glaubwürdigkeit

Besonders spannend findet Mikos den Fall der gehörlosen Maria. Laut dem Medienwissenschaftler zeige sich an ihr, wie ernst das Konzept der Diversität wirklich genommen werde. Bereits in der ersten Folge deute sich eine kleine Sonderbehandlung an, so Mikos.

So fragte Klum die 21-Jährige nach ihrem Catwalk: „Hörst du die Musik?“ Noch bevor die Kandidatin antwortet, wird die Tochter der 47-jährigen Klum hinzugezogen. Denn: Die 16-jährige Leni kann Gebärdensprache und wird kurzerhand zur Dolmetscherin zwischen ihrer Mutter und Kandidatin Maria.

Die gehörlose Maria (21) ist eine der neuen GNTM-Kandidatinnen. © Quelle: ProSieben/Marc Rehbeck

Für Mikos funktioniert das Konzept der Diversität nur, wenn alle Kandidaten gleich behandelt und niemand bevorzugt wird – beispielsweise wegen einer Behinderung. Deswegen bleibe es interessant, wie es in den kommenden Folgen weitergeht. „Ich weiß nicht, wie die Fotografen und Profis aus dem Geschäft darauf reagieren, wenn der Frau immer von einem Dolmetscher erklärt werden muss, was sie von ihr wollen“, so der Medienwissenschaftler.

Twitter-User sind kritisch: Wie oft denn noch?

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Auch viele Zuschauer sind gespalten, wie glaubhaft das Konzept ist. Einige Nutzer auf Twitter bewerten das Konzept eher als Heuchlerei und nicht wirklich als divers. Dazu trägt auch der erste Gastjuror, Designer Manfred Thierry Mugler, bei, der die Kandidatin Liliana als „The Exotic Lady“ bezeichnet.

Andere finden Dascha nicht kurvig genug, um sie als Curvymodel zu bezeichnen, sehen, dass viele Models noch immer sehr dünn sind oder äußern sich genervt, weil sowohl Klum als auch die Kandidatinnen nicht müde werden, immer und immer wieder zu betonen, dass es ja nicht auf das Äußere ankomme, sondern vor allem auf die „Personality“.

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Einfluss von „GNTM“ auf gesellschaftliche Debatte gering

Viele Twitter-User scheinen der Meinung zu sein, dass das Konzept vor allem aus PR-Gründen so stark auf die Diversität gedreht wurde. Dem stimmt auch Medienwissenschaftler Mikos zu: „Da es sich bei Diversität um ein gesellschaftliches Thema handelt, nutzt das natürlich als PR-Maßnahme.“

Er schätzt den Stellenwert von „GNTM“ in dieser gesellschaftlichen Debatte als eher gering ein. So beeinflusse die Sendung besonders den Einzelnen. Darin sieht er allerdings auch Chancen. Eines von Klums Zielen bei der Änderung des Konzepts der Staffel war auch, dass sich mehr Zuschauer mit den Kandidatinnen identifizieren können.

Studien im Bereich der Medienrezeption ergeben laut Mikos immer wieder, dass Menschen, die an Shows wie „GNTM“ teilnehmen und eben nicht einer genormten Vorstellung entsprechen, das Selbstbewusstsein von Menschen mit einem ähnlichen Problem enorm steigern können. Die gehörlose Maria könnte demnach bei anderen Gehörlosen Mut auslösen.

Als Effekt dessen könnten sich mehr Menschen in der Öffentlichkeit zeigen, die ebenfalls nicht dem „genormten Ideal“ entsprechen. „Das trägt dann natürlich wieder zum gesellschaftlichen Diskurs bei“, sagt Mikos.

Auch wenn der Medienwissenschaftler das Konzept in erster Linie als Mittel sieht, den Kritikern der Sendung „den Wind aus den Segeln zu nehmen“, bestehen seiner Meinung nach ebenso Chancen für eine diversere Gesellschaft.

Für den Sender Pro Sieben war die erste Folge jedenfalls ein Erfolg: 2,33 Millionen Zuschauer bedeuten den besten Staffelauftakt seit zehn Jahren.

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