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„Gefühle, wo man nur schwer beschreiben kann“: So lernen Fußballstars, in TV-Interviews nichts zu sagen

  • Warum klingt fast jedes Interview nach einem Fußballspiel so banal? Woher kommt die sinnlose Leersprache?
  • Imre Grimm hat eine Theorie: In einem geheimen Floskelinstitut lernen junge Fußballer, wie man mit wenig Worten noch weniger sagt.
  • Denn wenn es schiefgeht, wird’s riskant. Das zeigt ein Blick in die Sprüchedatenbank des Fußballs. Eine Satire.
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Herzlich willkommen, liebe Jungfußballer, hier im Felix-Magath-Institut für Knechtschaft und Sklaverei!

Ich begrüße euch zum Seminar „Sprechen ohne Sinn – So gebe ich Interviews, ohne den Trainer zu verärgern und zur Lachnummer zu werden“. Ihr seid jetzt in der Bundesliga, es ist Zeit für eine wichtige Lektion. Beim Spielen wie beim Sprechen gilt: Vorsicht vor Blutgrätschen! Wer Schwächen zeigt, wird humorlos umgesenst. Denn das wird alles sofort von den Medien „hochsterilisiert“ (Bruno Labbadia) beziehungsweise natürlich „hochkristallisiert“ (René Adler).

In diesem Kurs werdet ihr lernen, wie man mit Journalisten redet, ohne das Geringste zu sagen. Das gehört in diesem Geschäft dazu, denn wie sagte einst Giovanni Trappatoni? „Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding!“

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Hier kommt also die

ERSTE LEKTION: Die Mannschaft ist der Star

Du selbst bist nur ein Rädchen im Getriebe. Also rede niemals von dir selbst. Sprich von der Mannschaft, lobe den Teamgeist, wirke bescheiden. Sage niemals „Wahnsinn, wie geil ich heute gespielt habe! Hammer! Die anderen waren alle scheiße!“, auch wenn es die Wahrheit ist. Sei nicht wie Cristiano Ronaldo („Die Leute beneiden mich, weil ich reich, schön und ein guter Fußballer bin“). Es sei denn, du bist Cristiano Ronaldo. Dann kannst du nicht anders.

Sei nicht originell! Dafür braucht es Verstand. Und wenige Aussetzer reichen, um dich zum Horst der Stunde zu sterilisieren. Die drei unsterblichen Klassiker der Fußballlyrik stammen allesamt aus dem Munde eines einzigen Mannes: Andreas Möller, der große alte Mann des Zitatunfalls („Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber“, „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl“ und natürlich „Mailand oder Madrid – Hauptsache, Italien!“).

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ZWEITE LEKTION: Bleibe immer positiv!

Du hast 0:6 verloren? Ihr steckt seit Monaten im Abstiegskampf? Es war nicht alles schlecht! Ihr hättet 0:8 verlieren können! Du hättest dir beide Beine brechen können! Halte es stets mit Fredi Bobic: „Man darf jetzt nicht alles so schlechtreden, wie es war.“ So ist es. Du wirst Gründe finden, warum es nicht lief. Das Wetter. Der Schiedsrichter. Der neue Trainer. Der Vollmond. Bedenke, was Bastian Schweinsteiger einst konstatierte, als Trainer Louis van Gaal frisch beim FC Bayern München war: „Wenn man eine neue Freundin hat, klappt auch nicht immer gleich alles perfekt.“

Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.

Andreas Möller streng mit sich selbst

Blicke nach vorn. Verbreite Zuversicht, auch wenn du am liebsten eine Werbetonne zertreten würdest. Denk immer an Lukas Podolski: „Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln. Und die Ärmel natürlich auch.“ Also kremple die Köpfe hoch und die Ärmel. Und bleibe milde, egal, was du fühlst! Erinnere dich an die Weisheit von Berti Vogts: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.“

DRITTE LEKTION: Verrate nie, was du wirklich fühlst!

Gefühle können verwirrend sein. Stürmer Davie Selke von Hertha BSC hat das einst präzise zusammengefasst, als ihm im Spiel gegen den SC Paderborn ein (Abseits-)Tor aberkannt wurde: „Ich habe gesehen: Tor. Da habe ich mich gefreut. Dann habe ich gesehen: kein Tor. Dann war scheiße.“ Zu wenig geschossene Tore gehören zu den häufigsten Frustauslösern im Fußball. Oder wie Christoph Kramer von Borussia Mönchengladbach einst sagte: „Gefehlt hat das Tor. Wie so oft, wenn man keins schießt.“

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„So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere“: Ex-Nationalspieler Lukas Podolski, steter Quell der Freude in Interviews. © Quelle: dpa

Vor allem wenige Minuten nach Abpfiff eines 0:4 im Derby gegen den Hassgegner kann es gelegentlich zu emotionalen Unwuchten kommen. Dann reicht ein winziger Funke, und ein Interview eskaliert, Stichwort „Eistonne“. In solchen Momenten können Gefühle auftreten, „wo man schwer beschreiben kann“ (Jürgen Klinsmann). Wichtig ist, den Medien kein Futter zu geben. Denke an Lukas Podolski: „So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere.“

VIERTE LEKTION: Vorsicht vor der Wahrheit!

Medien lieben „echte Typen“ wie Mario Basler oder Lukas Podolski. Andererseits stürzen sie sich auf ihre Patzer wie Wespen auf den Erdbeerkuchen. Klartext kann deinen Marktwert steigern, muss aber nicht. Vorsicht vor Ehrlichkeit. Denkt an Steffen Freund, der einst wahrheitsgemäß sagte: „Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: ‚Komm Stefan, zieh deine Sachen aus, jetzt geht’s los.‘“

Denke immer daran: Sobald einer von euch einen Satz mit „Ich finde ...“ beginnt, titelt die „Bild“ sofort: „KLARTEXT-INTERVIEW!“ Seid euch immer bewusst, wie diese Medientypen arbeiten. Die „hetzen die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen“ (Toni Polster).

Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: ‚Komm Stefan, zieh deine Sachen aus, jetzt geht’s los.‘

Steffen Freund voller Vorfreude
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FÜNFTE LEKTION: Trainer und Verein sind heilig

Du hast sieben Spiele lang auf der Bank geschmort, weil du drei Nächte mit einer Nageldesignerin aus Omsk um die Häuser gezogen bist? Und dann hast du im achten Spiel drei Tore geschossen? Vorsicht vor einer Überdosis Adrenalin! Antworte auf entsprechende Journalistenfragen („Sind Sie froh, dass Sie der Trainer wieder aufgestellt hat?“) auf keinen Fall authentisch („Was soll er denn machen? Der hat ja nichts Besseres als mich auf der Bank! Hätten die Idioten im Winter besser eingekauft, hätten wir 5:0 gewonnen!“).

Bleibe so demütig, wie das einem 22-Jährigen mit Modelfreundin, sechs Ferraris und 11 Millionen Euro auf dem Konto eben möglich ist. Sage: „Ich werde immer alles für die Mannschaft und den Trainer geben.“ Gucke dabei wie ein treudoofer Pudelwelpe. Sei nicht wie Sean Dundee, der einst kundgab: „Ich bleibe auf jeden Fall wahrscheinlich beim KSC.“

Die Entscheidungen, die ich treffe, sind immer richtig.

Otto Rehagel unfehlbar

Überhaupt: der Trainer. Merke dir: Der Trainer hat immer recht. Es gilt das ewige Wort aus der Offenbarung des Apostels Otto R. aus Bremen: „Die Entscheidungen, die ich treffe, sind immer richtig.“

Es wird Zeiten geben, in denen du auf die Reporterfrage „Wie ist aktuell Ihr Verhältnis zum Trainer?“ gern antworten würdest: „Der Typ kann mir scheißegal sein. Die schmeißen den eh in spätestens sechs Wochen raus. Was soll ich da jetzt noch groß rumschleimen? Das lohnt sich doch nicht mehr.“ Tu es nicht. Sage lieber: „Ich bin dem Trainer sehr dankbar, er hat immer an mich geglaubt.“

SECHSTE LEKTION: Vorsicht vor Mathematik!

Verwende niemals öffentlich Zahlen, die größer sind als deine Rückennummer! Zahlen gehören zu den ärgsten Feinden des Fußballers. Selbst Superstars deiner Zunft sind nicht vor Rechenpannen gefeit, ob Ruud Gullit („Wir hatten 99 Prozent Spielanteile. Die restlichen 3 Prozent haben uns das Match gekostet“) oder Franz Beckenbauer („Ich habe in einem Jahr 16 Monate durchgespielt“), ob Christoph Daum („Man muss nicht immer die absolute Mehrheit haben. Manchmal reichen auch 51 Prozent“) oder Rudi Völler („Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht“).

Der große alte Mann des Zitatunfalls: Andreas Möller, hier in der Bundesliga-Saison 1991/1992 im Trikot von Eintracht Frankfurt nach einem enttäuschenden 2:1 gegen Hansa Rostock. © Quelle: picture alliance / dpa

Überhaupt: die Prozentrechnung. Mein Tipp, liebe Jungfußballer: Lasst es sein. Sonst steht ihr schnell da wie Ingo Anderbrügge („Das Tor gehört zu 70 Prozent mir und zu 40 Prozent dem Wilmots“) oder Roland Wohlfahrth („Zwei Chancen, ein Tor – das nenne ich hundertprozentige Chancenauswertung“) oder der österreichische Nationalspieler Andreas Herzog („Wir spielen mit 100 Prozent Herz und 15 Prozent Hirn“).

Selbst im einstelligen Bereich sind Fußballer gelegentlich überfordert, wie zum Beispiel Beckenbauer („Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage“) oder Horst Hrubesch („Ich sage nur ein Wort: „Vielen Dank“). Unvergessen bei den Blutgeiern von den Medien ist auch Horst Szymaniak, der einst klagte: „Ein Drittel mehr Geld? Nee, ich will mindestens ein Viertel.“

Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage.

Franz Beckenbauer Rechentalent

Hier kommt wichtiges „Basiswissen Mathematik“ für Jungfußballer:

  • Ein Trio sind immer drei – nicht wie bei Fritz Walter jun. („Der Jürgen Klinsmann und ich, wir sind ein gutes Trio. Ich meinte: ein Quartett“).
  • Die korrekte Einheit für Geld heißt aktuell „Euro“ – nicht wie damals bei Werner Hansch („Was Sie hier auf dem Rasen sehen, kostet viele, viele, viele Millionen Geld, wenn man diese Spieler kauft“).
  • Zwei ist immer mehr als Eins – wie Aleksandar Ristic richtig anmerkte („Wenn man ein 0:2 kassiert, dann ist ein 1:1 nicht mehr möglich“).

Grundsätzlich gilt, was Werner Hansch einst zu bedenken gab: „Welche Statistik stimmt schon? Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit!“

SIEBENTE LEKTION: Reporter sind keine Kumpels

Stichwort „Werner Hansch“ – bedenke stets, Jungfußballer, dass Reporter niemals deine Freunde sind. Die Verlockung mag groß sein, sich in guten Zeiten mit möglichst vielen von ihnen zu verkumpeln, um in schlechten Zeiten möglichst wenig miese Fragen zu hören. Aber das Risiko ist groß! Behandle Reporter stets mit einem Hauch Herablassung. Die brauchen das. So wie Ernst Middendorp, Trainer bei Arminia Bielefeld, der einen Lokalreporter einst anherrschte: „Knien Sie nieder, Sie Brat­wurst!“ Wichtig ist: Immer siezen – auch Bratwürste. Reporter mögen es, ein bisschen schlecht behandelt zu werden. Das weckt ihren sportlichen Ehrgeiz, dein Vertrauen zu gewinnen.

Ich habe ihn nur ganz leicht retuschiert.

Olaf Thon Photoshop-Künstler

ACHTE LEKTION: Vorsicht bei Redewendungen und schwierigen Wörtern

Die deutsche Sprache ist reich an Fallstricken und Untiefen. Allzu schnell lässt man „alles noch mal Paroli laufen“ (Horst Hrubesch) oder „weiß auch nicht, wo bei uns der Wurm hängt“ (Fabrizio Hayer). Versuche grundsätzlich, Sprachbilder und schwierige Wörter zu vermeiden. Sonst geht es dir schnell wie Jens Jeremies („Das ist Schnee von morgen“) oder Philipp Lahm („Man muss nicht immer das Salz in der Suppe suchen“) oder auch Olaf Thon („Ich habe ihn nur ganz leicht retuschiert“). Wichtig ist: Was immer du vorträgst – trage es mit Verve vor, dann klingt es, als könnte es stimmen. So wie Peter Pacult („Der FC Tirol hat eine Obduktion auf mich“) oder der ewige Lothar Matthäus („Wir sind eine gut intrigierte Truppe“) oder auch Andreas Brehme („Die Brasilianer sind ja auch alle technisch serviert“).

„Wäre, wäre Fahrradkette“: Lothar Matthäus (M.), hier 1992 im Interview im Münchner Olympiastadion. © Quelle: picture-alliance / dpa

Für Fußballersätze gilt dasselbe wie für Fernschüsse aus dem Hinterhalt: Knapp daneben ist auch vorbei. Schon Bundestrainer Helmut Schön sagte ebenso versöhnlich wie falsch: „Da gehe ich mit Ihnen ganz chloroform.“ Lothar Matthäus, der polyglotte Hansdampf in allen Gassen („I hope, we have a little bit lucky“) riet: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken“, und vermied Spekulationen mit dem unvergessenen Drei-Wort-Unglück „Wäre, wäre, Fahrradkette“, obwohl es natürlich hätte heißen müssen „Hätte, hätte, Fahrradlenker“.

Ich denke nicht vor dem Tor. Das mache ich nie.

Lukas Podolski Instinktfußballer

FAZIT

Grundsätzlich, liebe Jungfußballer, gilt für Interviews: Zieht nur in verbale Schlachten, die ihr gewinnen könnt. Sportreporter sind genügsam – sie freuen sich schon, wenn ihr in der Mixed Zone anhaltet und mit ihnen redet, egal was. Ansonsten vermeidet Sätze mit Kommata, verzichtet auf Mathematik und Fremdwörter und bleibt cool. Haltet euch an Lukas Podolskis Erfolgsrezept: „Ich denke nicht vor dem Tor. Das mache ich nie.“ Sonst kommt ihr nämlich, wie Richard Golz einst auf die Frage nach den Besonderheiten des vermeintlichen „Studentenclubs“ SC Freiburg sagte, unter Umständen „vor lauter Philosophieren über Schopenhauer gar nicht mehr zum Trainieren“.

Haltet euch immer alles offen. Legt euch nicht fest. Seid aalglatt und ungreifbar wie ein FDP-Bundesminister. Sagt nichts, aus dem man euch später einen Strick drehen könnte. Macht es wie Lukas Podolski. Der gab einst auf die Frage, ob er sich mehr über sein Tor freue oder über das Unentschieden ärgere, die bestmögliche Antwort: „Es überwiegt eigentlich beides.“

Vielen Dank für eure Teilnahme am Seminar „Sprechen ohne Sinn – So gebe ich Interviews, ohne den Trainer zu verärgern und zur Lachnummer zu werden“.

Und jetzt geht’s raus und spielt’s Fußball.

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