Dreiste Lügen über Hubert Burda! Wie Jan Böhmermann am Kiosk die Klatschpresse foppt

  • Mit einem eigenen Yellow-Press-Magazin legt sich ZDF-Entertainer Jan Böhmermann mit deutschen Klatschblätter-Verlagen an.
  • Im 500.000-mal gedruckten „Freizeit Magazin Royal“ dreht er den Spieß um.
  • Er liefert grellgiftige Schlagzeilen über Hubert Burda & Co. Es ist ein genialer Coup, findet RND-Autor Imre Grimm.
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Das glaubt doch eh keiner! Das kann doch nicht sein. So naiv ist doch bitteschön niemand, dass er eine solche Schlagzeile für bare Münze nimmt: „Gefangen im eigenen Haus - Prinz Harry: Meghan macht ihm das Leben zur Hölle“. Bloß: Warum gibt’s dann noch immer diese gelbe Wand des Wahnsinns in sämtlichen Supermärkten und Tankstellen des Landes? Warum kaufen drei Millionen Menschen pro Woche gedruckten Unfug auf Papier? Und wer ist verantwortlich für die Lügenflut?

Mit Akkuratesse und beißendem Spott hat Entertainer Jan Böhmermann in der jüngsten Ausgabe seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ das giftige Geschäftsmodell der Yellow Press seziert: Nimm eine sturzlangweilige Minimaltatsache über einen Promi, blase sie zur maximalen Quatschsensation auf, überschreite dabei gern auch mutwillig die Grenze zur Lüge, drucke den Mist sogleich in großer Auflage, kalkuliere die Anwaltskosten zürnender Prominenter schon mal ein - und wenn es dann wirklich Gegenwind gibt, schwärzt du eben die entsprechenden Stellen in den Onlineausgaben und gehst feixend in den Keller, um das Geld argloser Mütterlein für die längst verkauften Printausgaben zu zählen.

Böhmermann dreht den Spieß um

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Böhmermann dreht den Spieß nun um. Er macht quasi die Verantwortlichen zur Zielscheibe ihres eigenen Schaffens: Erstmals liegt am Sonnabend das 32-seitige „Freizeit Magazin Royale“ an den Kiosken. Untertitel: „Deutschlands einzig wahres Klatschmagazin“. Das mit viel Hassliebe gestaltete Heft ist detailliert den Yellow-Press-Vorbildern nachempfunden: gelbe Alarmoptik, alberne Rezepte (“Superfood Fleischwurst“), hingeraunter Unsinn, lechzende Mutmaßungen. Der einzige Unterschied: Es geht hier nicht um George Clooney, Michael Schumacher oder Helene Fischer, sondern um Verleger Hubert Burda (“Starb seine Mutter aus Scham?“) oder Verlegerin Yvonne Bauer von der Bauer Media Group (“Schädel-Schock: Wie lange liegt sie noch im Koma?“), beide verantwortlich für eine ganze Phalanx von Unfugmagazinen.

Gleich 500.000-mal ließ Böhermann sein Heft drucken. Er will es wirklich wissen. Der Verkaufspreis am Kiosk liegt bei 99 Cent. Das dürfte so ungefähr die Kosten decken. Und wenn man von Tucholskys alter Maxime ausgeht, wonach Satire erstens nicht nach unten tritt und zweitens wehtun muss, um nicht wirkungslos zu bleiben, erfüllt sein cleverer Print-Coup alle Kriterien einer gelungenen Mediensatire. Schon allein wegen der Unerschrockenheit, mit der er sich in konsequenter Unversöhnlichkeit mit namhaften Medienmachern des Landes anlegt.

„Welche süßen Geheimnisse verstecken Deutschlands Verlegerinnen und Verleger?“: Jan Böhmermann. © Quelle: Jens Koch/ZDF/dpa
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„Welche süßen Geheimnisse verstecken Deutschlands Verlegerinnen und Verleger?“, heißt es im Vorwort. „Todesangst? Hirnschlag? Qualitätsjournalismus?“ Böhmermann zeichnet verantwortlich als „Herausgeber, Mäzen, Verleger, Kunstsammler und Philanthrop“. In der Medizinecke (“Was hilft gegen Fake News?“) fragt Leserin „Tanja“ aus München eine Spezialistin namens „Dr. Gisela Echtefrau“: „Laut meiner Lieblingszeitschrift hätte Herzogin Kate schon 267 Kinder bekommen müssen. Ich glaube, da stimmt was nicht.“ Frau Dr. Echtefrau rät zu einem Wirkstoff namens Lügitonsin. Wie zufällig steht gleich neben dem „redaktionellen“ Beitrag eine Anzeige für das Präparat.

Eine gewisse Dickfelligkeit

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Das ganze Heft ist ein mit Liebe ersponnener, bittersüßer Angriff auf eine Branche, die lange unter dem Radar flog - auch weil sie digital kaum stattfindet. In der Rubrik „Stars privat“ enthüllt „Freizeit Magazin Royale“ laut „Übermedien“ einen „schlimmen Verdacht“ über den Chefredakteur von „Freizeit Revue“, „Freizeit Spaß“, „Neue Woche“, „Glücks Revue“, „Freizeit Exklusiv“, „Freizeit Aktuell“ und die „Freizeit Post“ aus dem Hause Burda („Wer ist die Leiche in seinem Garten?“) Die Onlineausgabe des „Freizeit Magazins Royale“ ist bereits vorauseilend flächendeckend geschwärzt.

Es sind eben keine kleinen Schmuddelklitschen, die in Deutschland mit derlei „Journalismus“ sehr viel Geld verdienen. Es sind namhafte Verlage und große Verlegerpersönlichkeiten darunter, die sich gern als Philanthropen und Wohltäter feiern lassen. Genüsslich zitierte Böhmermann die blumigen Worte von Verlagsgranden, denen einerseits massenhafte Unwahrheiten und ein muffigen Mix aus altbackener Herzschmerzbarmerei, Hundekeksrezepten und erlogenen Privatkatastrophen die Kassen füllt, die andererseits aber auf Podiumsdiskussionen wohlfeile Versprechen zum Anspruch des „Journalismus“ aus ihrem Hause abgeben. Dazu gehört eine gewisse Dickfelligkeit, die nur zwei Schlüsse zulässt: Entweder wissen die Damen und Herren nichts von den Realitäten in den Redaktionen von „Freizeit Revue“ oder dem „Goldenen Blatt“. Oder es ist ihnen egal, so lange sich die Sache rechnet.

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Böhmermanns Erkenntnisse sind nicht neu. An den Absurditäten der Klatschpresseindustrie arbeiten sich seit Jahren allerhand Zeugen der Anklage ab: Darunter sind Medienkritiker, beharrliche Onlineredaktionen wie „Übermedien“ oder die verdienstvolle Crew des Regenbogenpresse-Blogs „Topfvollgold“ ab, die unter dem Dach von „Übermedien“ Unterschlupf gefunden hat (beide trugen zum Böhmermann-Coup bei). Das „Topfvollgold“-Schlagzeilenbasteln gehört zu den schönsten Fremdschäm-Tools der deutschen Medienblase.

Denn was verbirgt sich wirklich hinter einer Schlagzeile wie „Verona Pooth: Drama vor Weihnachten - So entkam sie der Feuerhölle“? Antwort: Vor 20 Jahren setzte eine Adventskranzkerze ihr Sofa in Brand. Was ist der winzig kleine wahre Kern hinter der schreienden Alarmtitelzeile „Michael Schumacher: Frohe Botschaft zum Advent - Sohn Mick ist außer sich vor Freude“? Ist der Superstar aus dem Koma erwacht? Nicht doch: Jean Todt, Präsident des Weltautomobilverbands FIA, hat lediglich auf die Frage, ob Michael Schumacher die Karriere seines Sohnes verfolge, mit folgendem Wort geantwortet: „Natürlich.“

Lüge als Geschäftsmodell schadet der ganzen Branche

Böhmermanns großes Verdienst besteht neben seiner Unerschrockenheit in seiner wohltuenden Empörung. Denn in der Tat geht es ja nicht um ein paar scherzhaft gemeinte Höhö-Unkorrektheiten in irgendwelchen Schmunzelblättern über gut betuchte A-List-Prominente, die sich gefälligst nicht beschweren sollen, so lange ihr Name richtig geschrieben ist. Es geht nicht um die Lockendrehereien von „Gala“ oder „Bunte“. Es geht um die tiefsten Sümpfe des Business: um massenhafte Unwahrheit als Kern eines gar nicht mal so nischigen Geschäftsmodells inmitten einer Branche, die von Vertrauen lebt. Und es geht um die lästige Eigenheit der verantwortlichen Verlage, sich in Verkennung der Lage jederzeit dem klassischen Journalismus zuzurechnen und bei jeder Gelegenheit die Seriosität ihres Geschäfts zu betonen.

Es ist Zeit, Schluss zu machen mit dem beschönigenden Euphemismus „Regenbogenpresse“. Das klingt harmlos, nach traumverlorener Idylle. Doch wenn es eine Branchensparte gibt, die sich den Titel „Lügenpresse“ redlich verdient hat, ist es diese. Und sie beschädigt auf Dauer den Ruf der gesamten Branche.

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