Premiere ohne Stefan Raab: So war der Free European Song Contest

  • Kein Publikum, kein Stefan Raab: Pro7 feiert den ersten Free European Song Contest.
  • Der Mann, auf den alle gewartet hatten, ließ sich nicht blicken.
  • Am Ende siegte Nico Santos für Spanien in einer soliden, aber überraschungsarmen ESC-Ersatzshow.
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Es sollte “die Geburtsstunde eines neuen, freien europäischen Songwettbewerbs” werden. Es wurde: eine solide Geistershow. Nicht, weil das Studio leer blieb beim ersten Free European Song Contest bei Pro7, sondern weil ein Geist über den Wassern schwebte, der sich dann doch nicht vor die Kamera wagte: Stefan Raab. Mit allen Tricks des alten Fernsehhasen hatte er die Spekulationen um ein mögliches TV-Comeback nach 1614 Tagen Sendepause angeheizt – so sehr, dass sein Nichterscheinen nur noch eines auslösen konnte: milde Enttäuschung.

Helge Schneider war es dann, der die undankbare Rolle des Raab-Ersatzes annahm – aller Ehren wert, gewiss eine Entertainmentlegende, aber eben nicht der Mann, der sich seit viereinhalb Jahren rar macht. Helge Schneider sang, mit roten Rosen beworfen und vom milden Hauch der Windmaschine umflort, der seine silbrige Mähne in Wallung brachte, eine raunende Corona-Ballade: “Forever at Home”. “Corona ist scheiße”, sagte Moderator Steven Gätjen. Kann man so zusammenfassen.

Video
RND-Videoschalte: Eurovision Song Contest 2020 - unterhaltende Musikshows aber kein ESC-Ersatz
7:14 min
Der Free ESC ohne Stefan Raab versus das ESC-Finale mit Barbara Schöneberger. Imre Grimm und Matthias Schwarzer sprechen über das Duell der ESC-Ersatzshows.  © RND
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Fahnen, Pathos, Augenzwinkern

Am Ende lag Nico Santos (geb. Nico Wellenbrink) aus Bremen mit seinem Radiohit “Like I Love You” ganz vorn. Er trat für Spanien an. Spanien? Sein Vater Egon Wellenbrink war als “Melitta-Mann” zwar der Prototyp des deutschen Filterkaffeebewahrers, aber Santos ging auf Mallorca zur Grundschule. Muss reichen.

Mit “Like I Love You” weit vorn: Nico Santos beim Free European Song Contest. © Quelle: Willi Weber/ProSieben/dpa

Die Show selbst war schon mehr als ein Hauch des Bundesvision Song Contest. Alles dabei: Fahnen, Pathos, Augenzwinkern. Aber im Fernduell der Eurosivionsersatzshows zwischen Pro7 und der ARD hatte der Privatsender eindeutig ein Manko: Raab fehlte. Im Ersten gab es live aus der Elbphilharmonie eine Ahnung davon, wie der wegen Corona abgesagte Eurovision Song Contest 2020 in Rotterdam hätte aussehen können. Bei Pro7 zelebrierte man zeitgleich Fernsehen nach Raabmanier: laut, selbstbewusst, leicht angeplüscht und leidlich unterhaltsam.

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“Ich weiß nicht, was Raab geraucht hat”

Zwei deutsche ESC-Ersatzshows am selben Abend – das fand zumindest einer nicht lustig: “Ich weiß nicht, was Stefan Raab geraucht hat”, sagte der ARD-Unterhaltungschef und ESC-Beauftragte Thomas Schreiber dem Fanblog ‘ESC kompakt’ leicht säuerlich. “Wenn es ihm um die Musiker gegangen wäre, hätte er es an einem anderen Tag gemacht, aber vermutlich ging es mehr um den Produktionsauftrag.” Eine Kooperation beider Sender – im zehnten Jahr von Lenas gemeinsam errungenem Sieg in Oslo – war zuvor gescheitert.

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Die Pro7-Show war im Kern eine von Nostalgie durchwehte Reminiszenz an die alten Raab-Eventsausen. Steven Gätjen moderierte das ordentlich herunter. Und Kompagnon Conchita Wurst, ESC-Siegerin von 2015, deren spielerisch-feminine Seite trotz mehrerer ebenso unübersehbarer wie unübersichtlicher Abendkleider immer weiter in den Hintergrund gerät, sorgte für ein bisschen Eurovisions-Mietglamour. Ansonsten: herrlicher Quatsch. Die europäischen Punkte vergaben nicht näher definierte Free-ESC-Sympathisanten in den “Heimatländern” der auftretenden Künstler, teilweise erregt wie erblühende Tanzschüler beim Abschlussball. Wer wann warum wie für wen votete – das war ungefähr so egal wie die Länderpunkte bei “Tutti Frutti”. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wählten die Zuschauer per SMS und Telefon. Aber nicht – und jetzt alle! – “FÜR DAS EIGENE LAND!”. Klar, so weit.

Ein Astronaut als Sondergast

“Eine Show so bunt wie Europa” hatte Pro7 versprochen. Es wurde dann eher eine Show nach dem Geschmack des feixenden Fleischers. Als Produzent mit seiner Firma Raab TV zog er hinter den Kulissen die Strippen. 15 Kandidaten für 15 europäische Länder schickte Pro7 ins Rennen – und Max Mutzke alias “Der Astronaut” für den “Mond”. Die individuelle Bindung der Teilnehmer an das jeweilige Land blieb im Ungefähren. Man gab sich großzügig. Als Legitimationsnachweis hätte es vermutlich genügt, aus dem Land mal eine Postkarte erhalten zu haben oder in groben Zügen die Nationalflagge beschreiben zu können.

Eine echte ESC-Premiere: Der “Astronaut” alias Max Mutzke tritt für das “Gastland Mond” beim Free European Song Contest auf. © Quelle: Willi Weber/ProSieben/dpa

Für Bulgarien etwa trat die Sängerin Oonagh an, geboren in Wolfsburg als Tochter eines italienischen Pizzabäckers und einer bulgarischstämmigen Mutter. Ihr bürgerlicher Name lautet Senta-Sofia Delliponti. Sie ist benannt nach der bulgarischen Hauptstadt und Senta Berger aus Österreich, ist “GZSZ”-Veteranin und reiste zur Inspiration für ihr neues Album durch Kenia und Südafrika. Nach Pro7-Kriterien dürfte sie damit für Deutschland, Italien, Bulgarien, Österreich, Kenia, Südafrika, RTL und das Elbenland antreten.

Gibt es in der Schweiz nur Stefanie Heinzmann?

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“The Voice Kids”-Sieger Mike Singer vertrat Kasachstan. Und Josh – eigentlich Johannes Sumpich – sang für Österreich. Er war 2018 mit dem unzerstörbaren Après-Ski-Heuler “Cordula Grün” bekannt geworden. Israel wurde erwartungsgemäß von Gil Ofarim vertreten. (Kurze Frage: Warum darf noch mal Israel beim ESC mitmachen? Weil es wie Aserbaidschan, Marokko und Russland Mitglied der Europäischen Rundfunkunion ist. Und weil das ja gar nicht der richtige ESC war. Und weil bei Pro7 immer noch Raab entscheidet, wo Europa endet). Und für die Schweiz trat selbstverständlich Stefanie Heinzmann an die Rampe. Seit sie 2007 beim “TV total”-Castingwettbewerb “SSDSDSSWEMUGABRTLAD” in Erscheinung trat, muss sie sich vertraglich das Recht ausbedungen haben, bei jedem Pro7-Event zu ihren Lebzeiten die Schweiz zu vertreten, allerdings mit wechselnden Frisuren. Diesmal ganz ohne.

Die Schweizerin von Pro7: Stefanie Heinzmann beim Free European Song Contest. © Quelle: Willi Weber/ProSieben/dpa

Die menschgewordene Seifenoper Sarah Lombardi, die ja – man vergisst so schnell – hauptberuflich als Sängerin wahrgenommen werden möchte, trat für Italien an die Rampe. Schließlich hat sie eine italienischstämmige Mutter und war kurz mit einem Mann mit italienischem Nachnamen verheiratet. Das muss reichen. Seit April hat sie einen neuen Plattenvertrag bei Ariola. Aber das ist sicher nur ein Zufall.

“GOTT SEI DANK IST DER MERCEDES CLEAN!”

Das Kunststück des Abends freilich gelang einer echten ESC-Legende: Die Niederländerin Ilse DeLange – eine Hälfte des Countryduos The Common Linnets, das 2014 beim ESC in Kopenhagen mit “Calm After the Storm” den zweiten Platz belegte – trat am Sonnabend gleich zweimal auf: bei Raab für die Niederlande und bei der ESC-Ersatzshow “Shine a Light” aus Hilversum, dort allerdings nur per Videoduett mit dem ESC-Viertplatzierten Michael Schulte.

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Die ganz großen Namen fehlten im Feld. Für die Türkei stellten sich Autoball-Legende und Deutschrapper Eko Fresh im Verein mit Umut Timur zur Verfügung. Ihr Song war dann aber doch ein bisschen zu sehr tunesische Touristendisco: “GOTT SEI DANK IST DER MERCEDES CLEAN!” Für Großbritannien nahm “Call You Home”-Sänger Kelvin Jones teil, Irland war durch Sion Hill vertreten. Und Schlagerfee Vanessa Mai – mit bürgerlichem Namen Vanessa Marija Else Ferber, geb. Mandekić – vertrat das Heimatland ihres Vaters: Kroatien.

Ein kleines TV-Zuckerle für coronamüde Zuschauer

Gewiss spielte eine Rolle, wer gerade ein bisschen Promo brauchte und sich halbwegs in ein paneuropäisches Raster quetschen ließ. Auch das Duo Glasperlenspiel mit Daniel Grunenberg und Caroline Niemczyk gehörte dazu, deren Wurzeln in Polen liegen. Die in England geborene und in Deutschland lebende dänisch-britische Sängerin Kate Hall, verheiratet mit dem Ostberliner Fitnesscoach, Tänzer und Nebenerwerbsweltenretter Detlef “D!” Soost, der gerade ein paar andere Sorgen hat, wurde 2013 im dänischen Vorentscheid Dritte. Sie vertrat Dänemark.

“Forever at Home”: Helge Schneider sang beim Free European Song Contest für Deutschland. © Quelle: Willi Weber/ProSieben/dpa

So ehrlich muss man sein: Der Free European Song Contest hatte mit dem echten ESC so viel zu tun wie Attila Hildmann mit der Weltherrschaft. Oder Oliver Pocher mit Humor. Als Surrogat für den harten Kern der traditionell recht pedantischen Eurovisonsfans taugte die Show wenig – als kleines Zuckerle für coronamüde Sofa-Superhelden tat sie ihren Zweck. Das war schon ordentliches Entertainment. Und es erinnerte daran, dass im deutschen Fernsehen ganzjährig eine klassische Popshow fehlt. Pro7 will den Free European Song Contest auch nach Corona zur Dauereinrichtung machen. Auch ohne Raab.

RND


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