Frankfurter „Tatort: Luna frisst oder stirbt“: Was ist echt?

  • Die Kommissare Jannecke und Brix müssen den Mord an einer jungen Romanautorin aufklären.
  • Doch Realität und Fiktion sind plötzlich gar nicht so einfach auseinanderzuhalten.
  • „Tatort: Luna frisst oder stirbt“ driftet ins Surreale ab.
Lars Grote
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Ja, die beiden kennen wir, das sind die jungen, traurigen „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Seit der Neuverfilmung beim Streamingdienst Prime zählen sie zu den interessantesten Gesichtern, die man sich in guter Abendunterhaltung wünschen kann – wenn man bereit ist, ihre Melancholie zu ertragen. Jana McKinnon spielte Christiane F., Lena Urzendowsky glänzte in der Rolle ihrer Freundin Stella.

Nun treten McKinnon und Urzendowsky noch einmal zusammen auf, wieder als Freundinnen, dieses Mal im „Tatort“ aus Frankfurt am Main. Das ist eine wilde, im Grunde aberwitzige Idee, nach einem starken Debüt gemeinsam in den nächsten Film zu steigen, in jeweils neuen Rollen. McKinnon und Urzendowsky sind nun mit Anfang 20 dabei, ihr Profil zu schärfen und sich als wandelbare, möglichst individuelle Künstlerinnen zu zeigen. In der „Tatort“-Folge „Luna frisst und stirbt“ taumeln Luise (McKinnon) und Nellie (Urzendowsky) durch den Literaturbetrieb. Luise hat ein Buch geschrieben über das sozial benachteiligte Mädchen Luna, das mit dem Leben hadert, am Ende jedoch einen Selbstmord scheut.

Realität wird Fiktion

Luise aber wird gleich nach der Buchpremierenparty tot auf der Straße gefunden. Suizid? So sieht es aus, doch dann werden Kampfspuren entdeckt. Jemand hat sie umgebracht. Noch steht Nellie eher am Rande der Geschichte, sie ist halt eine Freundin, die sich raushält aus der Bücherwelt. Wohl aus gutem Grund, denn ihre Mutter ist alleinerziehend und mit dieser Aufgabe erkennbar überfordert. Nellie muss den Alltag mit der kleinen Schwester ordnen, da bleibt nicht viel Gelegenheit für Blütenträume, die sich literarisch nutzen ließen. So will es uns der Film zunächst erzählen.

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Doch die Dinge gehen über Kopf. Was auch daran liegt, dass der Frankfurter „Tatort“ traditionell eine Nähe zu surrealen, unwirklichen Bildern sucht, auch in der neuen Folge, was naheliegt bei zwei so talentierten und markanten Frauen als Besetzung, die schon in „Kinder vom Bahnhof Zoo“ so furios in Drogenfantasien untergingen. Doch es liegt auch am Ermittlerteam aus Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Sie sind bodenständig, aber nicht staatstragend, sie sind rational, aber nicht verknöchert. Gerade Janneke wirkt, als wäre sie, bei allem Scharfsinn, lieber Teil eines Streichquartetts als eines Kommissariats.

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Ambitioniertes Drehbuch

Ihre Augen sehen den Menschen in die Seele, darum fühlen sich die Leute von der Frau zuweilen auch bedrängt, vor allem Nellies Mutter Jessie (Tinka Fürst). Sie verliert den Rest an Ruhe, wenn Janneke auftaucht. Der Fall wird kompliziert, das Drehbuch zeigt enormen Ehrgeiz (geschrieben von Johanna Thalmann und Katharina Bischof, die auch Regie führt). Mitunter aber scheint die Ambition nicht mehr plausibel, sie gibt sich zu verästelt, dann wiederum sind Fährten und Motive allzu starr: Gerade der Literaturbetrieb bleibt blass, auf eine Art, die lieblos ausgestaltet wirkt: der Verleger (Clemens Schick) ein nervöser Sprücheklopfer, der Lektor (Thomas Prenn) ein fahriger Hipster.

Auf der Suche nach Luises Mörder tritt nun Nellie langsam in das Zentrum dieses Films – denn ihr Leben wurde, so lesen es die Kommissare aus Luises Buch heraus, im Roman erzählt. Luise hatte den Mut, mit dem Buch auf die Bühne zu treten, Nellie aber hat ein Leben, das voller Brüche ist und für ein rigoroses Buch geeignet schien. Die Freundschaft von Luise und Nellie hat unter dem Roman gelitten, das wird den Kommissaren klar, die den Erkenntnisstand in wilde Fantasiesequenzen übertragen. McKinnon und Urzendowsky spielen ihre Rollen so vital wie schon im „Bahnhof Zoo“, doch ordnen können sie die Story nicht. Es wird zu viel verrührt, dem Rausch aus Bildern und den seelischen Tragödien fehlt nicht nur ein Rettungsring, sondern auch ein Rhythmus.

„Tatort: Luna frisst oder stirbt“ ist am Sonntag, 31. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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