Doku „Framing Britney Spears“: Sexismus, Medienrummel und #FreeBritney

  • Die „New York Times“ hat mit „Framing Britney Spears“ eine spannende Doku gedreht, die nun auf Amazon Prime zu sehen ist.
  • Die Filmemacher legen dar, wie sexistisch Spears behandelt wurde und wie problematisch ihre Vormundschaft ist.
  • Doch wieder kann die Musikerin ihre Seite nicht darlegen – ein mulmiges Gefühl bleibt zurück.
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In einem ihrer bekanntesten Songs fragt Britney Spears: „Weißt du nicht, dass du giftig bist?“ Die Zeile stammt aus dem Lied „Toxic“ (2004) und wendet sich dem Musikvideo nach zu urteilen an einen Freund oder Ex-Geliebten. Wen genau die US-amerikanische Sängerin damals gemeint hatte, blieb unklar, und es ist eigentlich auch egal. Denn toxisch war nicht nur der fiktive oder nicht fiktive Freund. Auch die Popmusikbranche samt dem Medienrummel schien der mittlerweile 39-Jährigen nicht gutzutun und ihre mentale Gesundheit zu vergiften, wie die Dokumentation „Framing Britney Spears“ eindrücklich aufzeigt.

Spears erlebt heftigen Sexismus

Die Produktion der „New York Times“ ist nun beim Streaminganbieter Amazon Prime zu sehen und zeigt Spears’ Anfänge in der Entertainmentbranche, ihren Absturz im Jahr 2008 und die daraus folgende gesetzliche Vormundschaft ihres Vaters. Zu Wort kommen ehemalige Stylisten, Anwältinnen und frühere Vertraute der Sängerin. Auch ihre Fans, die seit Jahren unter dem Slogan #FreeBritney gegen die Vormundschaft kämpfen, werden interviewt.

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Spears schrieb als erste Popikone des 21. Jahrhunderts Geschichte und verkaufte weltweit mehr als 100 Millionen Platten. Doch in der Doku wird deutlich, dass ihre Karriere seit Beginn von heftigem Sexismus begleitet war.

Das fing an, als sie im Jahr 1992 in der Disney-Show „Mickey Mouse Club“ auftrat – ein Sprungbrett für viele Superstars – und der Moderator sie scherzhaft fragte: „Hast du einen Freund?“ Da war Spears erst zehn Jahre alt und dachte wahrscheinlich selber noch nicht an Jungs. Ihre ehemalige Stylistin Hayley Hill kommentiert in der Dokumentation verärgert: „Von allem, was man sie hätte fragen können ... denn worüber redet man sonst schon mit einer Frau oder einem Mädchen?!“

Timberlake und Spears waren „Vorzeigepaar“

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Einige Jahre später im Jahr 1998 wurde ihre Beziehung zu Popstar Justin Timberlake öffentlich. Etwa zur gleichen Zeit erschien Spears’ Hitsingle „Baby One More Time“. Wesley Morris, Kulturkritiker der „New York Times“, nennt das Paar ein „amerikanisches Vorzeigepaar“. Sie waren beliebte Sujets der Boulevardpresse, Fans vergötterten sie und wollten alles über sie wissen. Umso schlimmer war die Trennung, die 2002 einen riesigen Medienrummel auslöste, aus dem Spears als Übeltäterin hervorging. (Timberlake entschuldigte sich kürzlich sogar dafür, dass er ihr die Trennung öffentlich in die Schuhe geschoben hatte.)

Hayley Hill stellt fest: „Ich habe mit einer Menge Boybands gearbeitet, und nicht einer der Jungs stand so auf dem Prüfstand.“ Und tatsächlich waren so manche Fragen, die Spears von Journalistinnen und Journalisten gestellt bekommen hatte, ziemlich unsinnig und unverschämt. Wie in der Doku zu sehen ist, wird sie in Interviews nach ihren Brüsten gefragt oder ob sie noch Jungfrau ist. Die bekannte US-Journalistin Diane Sawyer stellt sich in einem Interview quasi auf die Seite von Timberlake mit der Frage: „Was hast du getan?“

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„Die Leute haben sie so behandelt, als wären wir auf einer Schule und sie wäre die Schulschlampe“, analysiert Morris. Für Frauenfeindlichkeit gebe es eine ganze Infrastruktur, erklärt der Reporter. „Wenn die Zeit in einer frauenfeindlichen Welt gekommen ist, eine Frau an den Pranger zu stellen, steht dafür ein ganzer Apparat bereit.“

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Vater entscheidet über Finanzen

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes und der Scheidung von Freund Kevin Federline erlitt Spears im Jahr 2008 einen Zusammenbruch. Man erinnere sich an die Fotos, die Spears mit Glatze zeigten, wie sie mit einem Schirm auf einen Wagen einschlug. Doch was damals durch den Kakao gezogen worden war, hatte natürlich einen ernsten Hintergrund. In der Doku wirft Spears’ Mutter nämlich die Vermutung auf, dass ihre Tochter unter einer unbehandelten postnatalen Depression litt.

Dies – gepaart mit der ständigen Beobachtung durch Paparazzi – würde wohl jeden Menschen maßlos überfordern.

Seitdem steht Spears unter einer gesetzlichen Vormundschaft, die unter anderem ihrem Vater Jamie Spears übertragen wurde. Das heißt, er trifft Entscheidungen über ihre Finanzen und persönlichen Angelegenheiten. Außerdem verdient er kräftig an seiner Tochter mit, da er als Vormund ein Gehalt bekommt. Die „New York Times“ berichtete im Jahr 2016, dass er umgerechnet rund 110.000 Euro jährlich verdient und zusätzlich 1,5 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen aus der Las-Vegas-Show erhielt.

Der Vater trat im September 2019 aus „gesundheitlichen Gründen“ von der Aufgabe teilweise zurück, wobei er weiterhin ihre Finanzen kontrolliert. Spears’ Pflegemanagerin Jodi Montgomery kümmert sich seitdem um ihre persönlichen Angelegenheiten. Doch die Sängerin beantragte im März 2021 Berichten zufolge eine endgültige Ablösung ihres Vaters als Vormund – die Entscheidung des Gerichts steht noch aus.

Denn diese Fragen bleiben offen: Ist eine Vormundschaft überhaupt noch gerechtfertigt? Wie lange können einer Frau Entscheidungen über ihre eigenen Finanzen und Gesundheit verwehrt bleiben? Zumal sie in der Lage ist, sich um ihre zwei Kinder zu kümmern und eine erfolgreiche, millionenschwere Karriere zu pflegen.

Ohne ihre Sichtweise

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Die US-Zeitung möchte mit dieser Dokumentation die Geschichte Spears’ neu deuten – und das schafft sie auch. „Framing Britney Spears“ geht der Frauenfeindlichkeit im Fall Spears erstmals filmisch auf den Grund und entlarvt die Vormundschaft als Geldquelle für den Vater. Doch inwieweit diese Show die Sichtweise der Sängerin korrekt wiedergibt, ist unklar. Auch bei dieser Produktion hat Spears nicht mitgewirkt. Ein mulmiges Gefühl bleibt also durchaus zurück.

Spears scheint Teile der Doku zwischenzeitlich gesehen zu haben. Sie äußerte sich im März 2021 auf Instagram: „Ich habe den Dokumentarfilm nicht ganz gesehen, aber von dem, was ich davon gesehen habe, war ich beschämt darüber, wie sie mich dargestellt haben“. Weiter schrieb die Sängerin: „Ich habe zwei Wochen lang geweint und nun ... ich weine immer noch manchmal.“ Offensichtlich fand sie ihre Erfahrung nicht fair wiedergegeben.

Wie die Filmemacher transparent als Hinweis einblenden, haben sie die Sängerin für eine Mitwirkung am Projekt angefragt. Ob die Nachricht überhaupt bei Spears ankam, ist unklar. Schließlich regelt die Vormundschaft die Angelegenheiten der Sängerin.

„Framing Britney Spears“, 74 Minuten, Dokumentation, Regie: Samantha Stark, (bei Amazon Prime)

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