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  • Fox News und Trump: Was steckt hinter dem US-Nachrichtensender und warum ist er der Lieblingskanal des Präsidenten?

Toxische Beziehung mit Trump: Was hinter dem Phänomen Fox News steckt

  • Der US-Nachrichtenkanal Fox News gilt als Sprachrohr von US-Präsident Donald Trump.
  • Doch immer wieder kriselt das Verhältnis zwischen den beiden.
  • Was hinter der toxischen Beziehung steckt – und warum der Sender einfach nicht ohne Trump kann.
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Hannover/Stanford. Wenn in Deutschland über den US-Nachrichtensender Fox News berichtet wird, dann schwingt auch immer eine gewisse Verwunderung mit. Ein kommerzieller und eigentlich unabhängiger Nachrichtensender, der gleichzeitig das Sprachrohr des mächtigsten Mannes des Landes ist? Ein Sender, der die krudesten Verschwörungstheorien verbreitet, und es trotzdem immer wieder schafft, die Debatten des Landes zu bestimmen? Ein Sender, dessen Moderatoren vor laufender Kamera nicht einmal davor zurückschrecken, brutale Attentate zu relativieren?

Genau so ein Fall hat sich in der vergangenen Woche zugetragen: Der Fox-News-Moderator Tucker Carlson hatte live auf Sendung den Schützen von Kenosha in Schutz genommen. Der Jugendliche habe lediglich beschlossen, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, erklärte Carlson seinen Zuschauern. Bei dem Angriff auf einer “Black Lives Matter”-Demo waren in der vergangenen Woche zwei Menschen getötet worden.

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Trumps Lieblingssender: Was hinter dem Phänomen Fox News steckt
5:38 min
Was ist das für eine merkwürdige Beziehung zwischen einem Nachrichtenmedium und dem US-Präsidenten?  © RND
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Eine Darstellung, die nur wenige Tage später auch US-Präsident Donald Trump übernahm. Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus suggerierte Trump am Montag, der Schütze habe in Notwehr gehandelt. Die Demonstranten hätten ihn “sehr gewalttätig” angegriffen und er “wäre wohl getötet worden”, so Trump.

Dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Zahnrad zwischen Trump und seinem Haus- und Hofsender Fox News funktioniert, wie sich beide immer wieder gegenseitig befeuern. Eine bizarre Beziehung zwischen einem Präsidenten und einem Nachrichtenmedium, das hierzulande kaum greifbar erscheint.

Was steckt dahinter? Warum fungiert ein Sender so sehr als Sprachrohr von Donald Trump? Und wie ist das Phänomen Fox News zu erklären?

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Was hinter dem Phänomen Fox News steckt

Adrian Daub ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford. Den von Rupert Murdoch gegründeten Nachrichtensender beobachtet Daub schon lange: “Der Kanal wurde seinerzeit mit einem Ziel ins Leben gerufen: Er sollte ein Gegengewicht für den angeblich links ausgerichteten amerikanischen Medien-Mainstream darstellen”, erklärt Daub gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Das Programm sei daher auch stark propagandistisch: “Gerade in der Corona-Krise muss man die Berichterstattung als nicht objektiv beschreiben. Sie gleicht eher dem Staatsfernsehen in einem autoritären Staat.”

Der New-York-Times Autor David Enrich beschreibt Fox News in einem Artikel als “Cheerleaderin eines vom Fernsehen besessenen Präsidenten”. Das Programm werde von Fehlinformationen bestimmt, dem US-Präsidenten würden in regelmäßigen Interviews nicht mehr als “Softball-Fragen” gestellt, Moderatoren heizten die Menge bei Trumps Wahlkampfauftritten an.

Sender verbreitet erfundene Geschichten

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“Man kann leicht das volle Ausmaß der Macht vergessen, die Fox News über die Trump-Administration ausübt”, schreibt der Journalist. “Der Sender hat einige der bestimmenden Mythen dieser Präsidentschaft hervorgebracht und Trump dazu veranlasst, Positionen einzunehmen, die so hart sind, dass sie selbst für Republikaner im Kongress unangenehm sind.”

In der Vergangenheit habe der Sender unzählige Märchen verbreitet, etwa von einer angeblichen “Karawane” von Terroristen und Kriminellen, die angeblich nach Norden marschieren, um in die USA einzudringen. Oder die Falschbehauptung, die Ukraine und nicht Russland hätten sich in die Wahlen 2016 eingemischt. Und zuletzt natürlich die Verbreitung des Mythos, das Coronavirus sei nicht schlimmer als die saisonale Grippe.

Glaubt man Eric Alterman, Senior Fellow am Center for American Progress, dann ist das Programm von Fox News seit jeher als eine Art “ideologische Führer” der Republikanischen Partei und ihrer Anhänger zu verstehen. Fox biete “fast keinen tatsächlichen Journalismus. Stattdessen gibt es der Republikanischen Partei und Millionen ihrer Anhänger ideologische Führung, greift ihre Gegner an und hält ihre Anhänger in der Linie. Und das mit einem hohen Gewinn, wodurch es sich zum politischen Äquivalent eines Perpetuum mobile entwickelt.”

Seit jeher ein Sender für Konservative

Und das ist nicht erst seit Trump so: Obwohl Fox News gleich bei seinem Start 1996 mit dem Slogan “Fair and Balanced” warb, so werfen Kritiker dem Sender seit jeher vor, stets Partei für die rechte Seite des politischen Spektrums zu ergreifen. Die Präsidenten Obama und Clinton begleitete man in der Regel sehr kritisch, George W. Bush hingegen wurde eher positiv dargestellt. Eine Wahrnehmung, die die Zuschauer von Fox News selbst jedoch nicht teilen: In einer 2007 veröffentlichten Umfrage des Rasmussen Reports sagte die Mehrheit der Befragten (36 Prozent), dass Fox News im Programm weder eine konservative noch linke Voreingenommenheit aufweise. Nur 31 Prozent der Zuschauer sehen bei dem Sender eine konservative Voreingenommenheit.

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Medienmogul Rubert Murdoch, zu dessen “News Corporation” der Sender gehört, entgegnete in einem Interview 2004, nicht Fox News ergreife Partei für die Rechten, sondern praktisch die gesamte restliche Medienlandschaft der USA sei linkslastig. Allein der Fox-News-Channel betrachte “die konservative Sichtweise mit demselben Respekt wie die liberale Sichtweise.”

Tatsächlich ist das Programm von Fox News auch ein bisschen komplexer als es zunächst scheint. Laut Adrian Daub berichtet der Sender tagsüber über das alltägliche Nachrichtengeschehen. Im Abendprogramm werde dieses dann in den Sendungen von Tucker Carlson, Sean Hannity und Laura Ingraham kommentiert. Während der Obama-Jahre hätten die News-Leute tagsüber Fragen aufgeworfen, die die Talker dann abends zu wilden Verschwörungstheorien verwurstet hätten. Seit Trump regiert, habe sich all das noch mal verschärft.

Es gibt auch kritische Reporter

Die Trennung des Programms stelle der Sender selbst als seriösen Journalismus dar, so Daub. “Kritiker bemängeln häufig, dass diese Trennung eigentlich eine Fiktion ist – zumal der Journalistik-Arm von Fox häufig über die Kontroversen berichtet, die der Meinungs-Arm als Themen überhaupt erst hochgekocht hat”, erklärt Daub. “Aber irritierend ist, dass es durchaus seriösen Journalismus bei Fox News gibt. Die Demoskopen scheinen im Fach großen Respekt zu genießen. Und es gibt immer einige (relativ) seriöse Journalisten im Programm – so z. B. früher Shepard Smith – die auch ab und zu von der vorgegebenen Linie abweichen (dürfen).”

Bekanntes Beispiel sei kürzlich das Interview von Chris Wallace mit Präsident Trump gewesen, in dem Wallace dem Präsidenten mit höflichen aber bestimmten Rückfragen stark zusetzte. “Trump hat sich über das Interview sofort beschwert”, so Daub.

Abgesehen von diesen Ausnahmen sei das Verhältnis zwischen Fox und Trump jedoch “fast zirkulär”, so Daub. “Der Medienkonzern begleitet die Politik Trumps propagandistisch, aber umgekehrt bekommt Trump auch die meisten seiner Ideen und Impulse aus dem Fox-Programm. Viele besonders wirre Aussagen des Präsidenten lassen sich entschlüsseln, indem man die Storylines etwa bei Sean Hannity durchgeht. Es ist ziemlich unklar, wer genau da wen antreibt.”

Doch warum das alles? Warum diese ungewöhnliche Beziehung mit Trump? Geht es um Einschaltquoten? Um Geld? Oder steckt eine ganz besondere Überzeugung dahinter?

Warum Fox News nicht ohne Trump kann

Der CNN-Journalist Brian Stelter hat ein Buch mit den Namen “Hoax” über Fox News und die Beziehung des Senders zu Donald Trump geschrieben. Er nennt Geld als wichtigsten Grund dieser Beziehung. Fox News verdiene fast zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr. Durch sein äußerst loyales Publikum könne der Sender mehr für Werbung und Gebühren verlangen, die von Kabelunternehmen erhoben werden. Die Loyalität der Zuschauer sei entscheidend, um die Bewertungen hoch zu halten. Aktuell ist Fox News der erfolgreichste der US-Nachrichtensender, mit etwa 2,48 Millionen Zuschauern täglich - das sind mehr als bei der Konkurrenz MSNBC und CNN.

Es gebe aber auch noch einen anderen Grund: Viele Fox-Mitarbeiter sähen ihren Job als “Verpflegung des Präsidenten”. Nichts mache sie stolzer als ein Donald-Trump-Tweet, der auf einen Fox News-Bericht verweise. Einige Fox-Journalisten würde diese Entwicklung zwar beunruhigen, doch nur wenige hätten den Mut, dies auch öffentlich zu sagen.

Unklar ist bis heute, welche Rolle eigentlich Medienmogul Rupert Murdoch bei der Ausrichtung des Senders spielt. Murdoch galt nämlich lange Zeit als scharfer Trump-Kritiker. Als Trump im Wahlkampf 2015 beispielsweise mexikanische Migranten attackierte, kritisierte Murdoch, ein Befürworter von Immigration, den späteren US-Präsidenten öffentlich auf Twitter. Es folgen weitere Tweets - in einem wirft Murdoch Trump vor, er bringe seine Freunde und das ganze Land “in Verlegenheit”.

Drehung um 180 Grad

Auch in Wahlkampfsendungen konfrontieren Moderatoren des Senders den späteren US-Präsidenten mit kritischen Fragen. Trump selbst ärgerte dass so sehr, dass er sich zugleich auf Twitter beschwerte und Fox News vorwarf, ihn “unfair behandelt” zu haben.

Damit allerdings zog der Sender laut Beobachtern schnell Proteste von Zuschauern auf sich. Es soll wütende Mails und Anrufe gehagelt haben – und immer dann, wenn der Sender Trump on air kritisierte, sanken die Bewertungen für den Sender. Murdoch soll den Kampf gegen Trump zu diesem Zeitpunkt buchstäblich verloren haben – und die Ausrichtung des Senders änderte sich deutlich.

Was, wenn Trump kein Präsident mehr ist?

Noch bis heute soll Trump der Gewinner in dieser toxischen Beziehung sein, in der es immer mal wieder kriselt. Im August 2019 beispielsweise hatte sich Trump öffentlich von Fox News “verabschiedet”. “Das neue Fox News lässt Millionen großartiger Leute im Stich! Wir müssen nach einem neuen Nachrichtenkanal suchen. Fox arbeitet nicht mehr für uns!”, schrieb er empört.

Im April dieses Jahres präsentierte Trump dann auch noch eine Alternative auf Twitter, den rechten TV-Kanal OANN. “Fox News am Wochenende nachmittags zu sehen ist reine Zeitverschwendung. Wir haben jetzt einige großartige Alternativen wie OANN”, twitterte er. Am Ende scheinen beide Seiten jedoch immer wieder zusammenzufinden.

Unklar bleibt, was eigentlich passiert, wenn Trump im Herbst nicht noch mal US-Präsident wird. Laut Adrian Daub würden Medienbeobachter schon lange darauf warten, dass sich der Sender von Trump löse, oder zumindest Optionen offenhalte. “Aber dazu kam es, trotz gelegentlicher Objektivitätsanwandlungen, bisher nicht”, beobachtet Daub. “Es kann gut sein, dass der Sender hofft, nach einer eventuellen Niederlage Trumps Oppositionsfernsehen machen zu können, was ihm während der Obama-Jahre äußerst gute Einschaltquoten einbrachte.”

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