“For Life”-Serie bei Sky: Ein Anwalt sprengt die Ketten

  • Ein Schwarzer landet lebenslang hinter Gittern und wird im Gefängnis Anwalt, um seine Unschuld zu beweisen.
  • Die neue Sky-Serie “For Life” (erste Folge seit heute streambar) basiert auf einer wahren Geschichte.
  • Nicholas Pinnock spielt beeindruckend die Hauptrolle in einem gut besetzten Justizdrama – Produzent ist Rapper 50 Cent.
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“Ich war einmal genau wie ihr …”, so beginnt Aaron Wallace seine Geschichte. Frau, Kind, Erfolg, viele Freunde. Ohne einige der Letztgenannten, so sinniert er dann, wäre er wohl besser dran gewesen. Wallace wurde wegen vermeintlicher Drogengeschäfte zu lebenslanger Haft verurteilt, studierte im Gefängnis Jura, wurde Anwalt. “Die da oben haben sich auf mich gestürzt”, erinnert er sich an seinen Prozess. Jahre später kehrt er in den selben Gerichtssaal zurück – als Verteidiger eines Häftlings: “Heute habe ich die Möglichkeit, zurückzuschlagen. Und das werde ich verdammt noch mal tun.”

Die ABC-Serie “For Life” (zu sehen bei Sky) gründet auf einer wahren Geschichte. In der Figur des Aaron Wallace (beeindruckend gespielt von Nicholas Pinnock) steckt der real existierende Isaac Wright Jr., einer der ausführenden Produzenten der Serie. Der büffelte sich im Gefängnis zum Rechtsassistenten hoch, half ungerechte Urteile gegen eine Reihe von Mitgefangenen zu kippen und schaffte es nach fünf Jahren Haft, dass sein eigenes Urteil aufgehoben wurde.

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Serienheld Wallace ist noch besser. Mithilfe eines Schlupfloch-Abschlusses in Vermont und einiger hochrangiger Fürsprecher ist er – unerhört – hinter Gittern zum Advokaten der Unterprivilegierten aufgestiegen. Um sie zurück in die Gesellschaft und ins Leben zu bringen.

Wallace wird von Staatsanwälten nicht ernst genommen

Der Held von “For Life” wird von den Staatsanwälten, die ihn einst ins Gefängnis brachten, natürlich nicht ernst genommen. “Wallace ist ein Witz”, höhnt Dez O' Reilly (Erik Jensen). Und sein Chef Glen Maskins verpflichtet den jüngeren Kollegen umgehend zum Sieg gegen den Witz. Schließlich will Maskins (“House of Cards”-Star Boris McGiver trägt das feisteste Fieslingsgrinsen des Jahres zur Schau) Justizminister werden und diesen Posten keinesfalls an die (auch noch lesbische) Konkurrentin Anja Harrison (Mary Stuat Masterson) verlieren.

Und wenn er dann gewonnen haben wird, so sein Kalkül, wird er auch gleich mit den liberalen Reformideen von Harrisons Lebensgefährtin Safiya Masry (Indira Varma) aufräumen, die Wallace' Gefängnisdirektorin ist.

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Der Angeklagte wird Spielball in einem Match

Also ist auch Wallace zum Sieg verdammt, als es in seinem ersten Gerichtsgang darum geht, den wegen Missbrauchs einer Minderjährigen und Drogengeschäften verurteilten Latino José Rodriguez (Andrew Casanova) freizubekommen. Die Droge Oxycodone, mit der seine Ex-Freundin einen Selbstmordversuch unternahm, will er ihr nicht beschafft haben, die Opioide habe sie sich vielmehr beim Schuldealer besorgt. Weil er wusste, was ihm blühen könnte, habe er an seinem 18. Geburtstag mit der 15-Jährigen Schluss gemacht, diese habe aber habe auf eine letzte Zweisamkeit gepocht. Ein Wunsch, dem er nachgekommen sei. Die Sache wird sehr sehr persönlich und nicht ganz zu Unrecht fühlt sich José bald als Spielball in einem Match von Schwarz gegen Weiß.

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Curtis “50 Cent” Jackson ist unter den Produzenten der Serie von Hank Steinberg (“The Last Ship”, “Without A Trace”) wohl der bedeutendste. Der Hip-Hop-Superstar und Medienmogul, dessen jüngst ausgelaufenes Dealerdrama “Power” (ab 2014) ihn auch im Seriengeschäft etablierte, und der auch in “For Life” wieder höchstselbst mitspielt – als mächtiger Gegenspieler seines Helden – kommt mit dieser Geschichte passgenau zu Black-Lives-Matter-Zeiten.

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Denn es wird in ihr der systemische Rassismus deutlich, der auch jenseits schieß- und prügelwütiger Polizisten und der lächerlichen Kuttenträger des Ku Klux Klan in Amerika herrscht. Gegen einen Schwarzen verschwört sich sogar der Gefängnisbusfahrer, der seine Fahrt so legt – “bist du mein Navi?” –, dass Wallace zwei Stunden zu spät im Gerichtssaal eintrifft, und ihm daraufhin ein wichtiger Zeuge nicht mehr zur Verfügung steht. Selbst die asiatischstämmige Richterin scheint seiner herzlich abgeneigt zu sein. “Ich soll mich wohl erinnern, wo ich herkomme”, belfert Wallace schließlich in den Saal, was ihm umgehend eine Rüge einbringt.

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Eine frauenfeindliche Frauenfigur

Die Guten sind märchenhaft grundgut, die Bösen sind beflissen bösartig wie in den guten alten TV-Zeiten, was “For Life” vergleichbaren Serien wie “The Night of” (mit John Turturro) und “Perry Mason” (mit Matthew Rhys) unterlegen macht. Wobei der massiv übergewichtige schwarze Gefängniswärter, der sich mit dem weißen System gemein macht, dem Betrachter in dieser durchweg spannenden Geschichte als schlimmer erscheint, als die obligatorischen Gefängnisnazis, mit denen zumindest in Wallace' Knast eigentlich mittelgut Kirschen essen ist, und die sich schon mal mit ihm für eine gute Tat verbünden.

Vorteil: Das Schwarzweiß-Personal macht diese Serie leicht goutierbar. Wobei man den Anfang des “Ich war einmal wie ihr …” gegen ein “Es war einmal” eintauschen könnte. So manches, das auf einer wahren Geschichte basiert, entfernt sich doch deutlich von der Basis.

Und Wallace' Gattin Marie (Joy Bryant), die ihm immer noch zutiefst zugeneigt ist, während sie zeitgleich Tisch und Lager mit seinem besten Freund teilt, gehört ganz klar in die TV-Schublade mit den “frauenfeindlichen Frauenfiguren”.

“For Life”, bei Sky, 13 Episoden, mit Nicholas Pinnock, Indira Varma, Mary Stuart Masterson, Joy Bryant (erste Episode bei Sky Ticket streambar, seit heute – 5. Oktober – bei Sky Atlantic ab jetzt montags um 20.15 Uhr)

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