„Flora & Ulysses“: Hier kommt Disneys Supernager

  • Disney+ macht ein Eichhörnchen zum Superhelden.
  • In „Flora & Ulysses“ (streambar ab 19. Februar) rettet es ein kleines Mädchen davor, zur Zynikerin zu werden.
  • Lena Khan inszeniert einen rosaroten Kinderfilm, der super hätte werden können.
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Eltern sind die ersten Superhelden der Kinder, die Comichefte und Filme kommen später – wenn man entdeckt hat, dass weder Papa noch Mama fliegen kann, und beide auch keine Züge mit der bloßen Hand anhalten können, dass sie im schlechtesten Fall nicht einmal ihre Gefühle beherrschen, gegeneinander kämpfen, sich trennen.

Die kleine Flora Buckman, die uns in Lena Khans Verfilmung von Kate DiCamillos Kinderbuch „Flora & Ulysses – Die fabelhaften Abenteuer“ begegnet, ist schon einen Schritt weiter. „Ich bin eine Zynikerin“, stellt sie sich ihrem Publikum vor. Und: „Zyniker sehen die Welt, wie sie ist.“ Sie verkauft gerade ihre Comicsammlung mit Heften der „Grünen Laterne“, der „Fantastischen Vier“ und anderen Gezeichneten.

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Kleine Zynikerin verkauft ihre Comicsammlung

„Weil sie nie in der wirklichen Welt auftauchen“, verrät sie dem Verkäufer im Comic-and-Game-Store den Grund der „Trennung“. Nur das „Incandesto“-Heft behält sie. Nostalgie – Floras Vater hat es gezeichnet, es wurde nie veröffentlicht. Daddy schlurft seit seinem Misserfolg, apathisch wie ein Zombie, als Hilfskraft durch einen Supermarkt für Büromaterialien. Die Mutter, zuvor erfolgreiche Autorin von Kitschromanzen, hat länger schon keine Zeile mehr zu Papier gebracht. Schreiben ist schließlich auch eine Art Superkraft, und wenn es auf eine Scheidung zugeht, ist das wie Kryptonit für Superman, kommen einem Prinzessin-trifft-Mr.-Right-Storys eher falsch und unstatthaft vor.

Dann passiert die Sache mit dem Robot-Vakuum-Laubsauger „Ulysses“ von Tootie Tickham. Der futuristische Apparat der Nachbarin gerät außer Kontrolle, rattert kreuz und quer durch den Garten und saugt ein Eichhörnchen auf, das sodann von Flora per Mund-zu-Mund-Beatmung reanimiert wird.

Von Anfang an scheint der ewig hungrige, possierliche Nager etwas Besonderes zu sein, scheint Flora zu verstehen und den „Incandesto“-Comic überdies. Als er sich eine Heftchenseite einverleibt, wirkt das auf ihn wie der Biss der radioaktiven Spinne auf Peter Parker. Er wird zu Ulysses, dem fliegenden, superstarken, supercleveren Eichhörnchen. Ulysses braucht weder hautenge Strampelanzüge noch Capes, um seine exzeptionellen Talente optisch zu unterstreichen. Floras „Style“-Vorschläge lehnt er rigoros ab. Was Flora allerdings wichtig ist, ist ein „Purpose“ für Ulysses, ein Zweck, dem das superniedliche Supertierchen dient, wann immer es Heldenhaftes vollbringt. Disney-versierte Filmgucker ahnen bald, was das sein könnte.

Das Pfund des Films ist natürlich das animierte Supereichhorn. Ulysses, Namensvetter weniger des schicksalhaften Laubsaugers als vielmehr des kräftigen, antiken Schlaulis, der Troja einnahm, bevor er es auf seiner Odyssee dann mit allerhand Monstern aufnahm, landet sogar in der coolen Faust-auf-den-Asphalt-Kauerpose, die von Batman über Thor bis Captain Marvel zahllose Sonderwesen der Comicuniversen pflegen. Und er kann sich von der Zimmerdecke abseilen wie Spider-Man. Darüber hinaus stiftet er – darin Flora und ihrem Vater ähnelnd – vorzugsweise Chaos. In einem Donutcafé geht der angerichtete Schaden ganz offenkundig in die Tausende Dollar.

Alle Figuren in „Flora & Ulysses“ bleiben skizzenhaft

Eine Bedienstete schickt ihnen daraufhin zwar keine ruinöse Rechnung aber immerhin den Tierfänger der Veterinärbehörde (Danny Pudi) auf den Hals. Und der fühlt sich – in Uniformstyle und mit dem „Purpose“ der Beseitigung möglicherweise mit Tollwut befallener Kleintiere – selbst wie ein Superheld. Womit Ulysses seinen wirklichen Antagonisten hat. Floras Mama, die keine Ratten mag und schon den Hamster ihrer Tochter für eine hielt, zählt nicht wirklich zu den Bösen hier. Und Mr. Claws, die hässlichste animierte Katze seit Kitty Kahlohr aus Teil zwei von „Cats & Dogs“ (2010), auch nicht. Sie sträubt ein paarmal das Fell und fährt die Krallen aus. Für sie gilt in Sache Ulysses: Der Feind meines Feindes ist zwar nicht mein Freund, aber wen juckt’s?

Problem: Weder die Regisseurin noch Autor Brad Copeland („Arrested Development“, „Ferdinand: Geht stierisch ab“) schaffen es, dieser Geschichte sonderlich viel Leben einzuhauchen. Matilda Lawler weist als Flora kaum mehr Mimik auf als Ulysses. Die Darsteller der Eltern – Alyson Hannigan und Ben Schwartz – haben so gut wie keine Chemie miteinander. Und Benjamin Evan Ainsworth als Will, Nachbarinnenneffe und stressblinder Assistent von Ulysses‘ Sidekick Flora, ist nicht nur buchstäblich blass wie jüngst Ferdia Shaw, der sich im selben Steamingkanal glücklos als Artemis Fowl versuchte. Die Filmemacher wissen nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Mit den übrigen Figuren auch nicht. Alle Charaktere hier bleiben Skizzen. Wie in einem unkolorierten Comicheft.

Hier ist nichts super. Es wird schnurstracks erzählt, die Folgerichtigkeit bleibt außen vor. Das funktioniert schon in kleinen Dingen nicht. Wenn in einem nur von Mutter und Tochter bewohnten Haus irgendjemand (in diesem Fall Ulysses) im oberen Stockwerk eine Kommode zu Fall bringt, müsste das Mordsgetöse irgendjemandes Aufmerksamkeit im Erdgeschoss erregen. Tut es aber nicht. Khan und Copeland schaffen einen komischen Moment ohne logische Konsequenz. Überhaupt scheint es vor allem um komische Momente zu gehen. Die dann nicht mal alle komisch sind.

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Mag der Zweifel ein starker Nager sein, am Ende steht die klassischen Disney-Gewissheiten: 1. Familie ist alles, 2. es gibt eben doch Magie in der Welt. Das ist Floras Fazit, die ihren Zynismus denn auch abwirft wie Batman abends den Umhang (nach getaner Rettung von Gotham City). Sogar ihre Eltern sind wieder ein Stückweit ihre Superhelden geworden. Und wenn sie nicht gestorben sind (was bei Disney eh keine Option ist), dann leben die Buckhams glücklich bis ans Ende ihrer Tage respektive des letzten Sequels. Allen kleinen Zweiflern wie Flora ist der Glaube an die Alleskönner und Mutanten wiedergegeben worden. Irgendwo da draußen sind sie. Um irgendwann die Welt zu retten. Und der Teufel ist auch alles – nur kein Eichhörnchen.

„Flora & Ulysses“, bei Disney+, 91 Minuten, Regie: Lena Khan, mit Matilda Lawler, Alysson Hannigan, Ben Schwartz (ab 19. Februar)

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