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  • Fleets auf Twitter: Neben normalen Tweets gibt es jetzt Nachrichten, die nach 24 Stunden gelöscht werden

Tweets waren gestern: Warum Twitter jetzt „Fleets“ startet

  • Eine kleine Revolution bei Twitter: Neben Tweets führt das soziale Netzwerk ab sofort „Fleets“ ein – sich selbst zerstörende Nachrichten nach dem Vorbild von Snapchat und Instagram.
  • Das Ziel: Zögerliche Erstnutzer sollen sich sicherer fühlen, auch private Infos zu teilen.
  • Twitters Kampf gegen Trolle und Bots geht weiter – wenn da nicht noch dieses Problem im Weißen Haus säße.
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Der Ton ist rau, die Lunten sind kurz: In den sozialen Medien kippt die Stimmung schneller, als Donald Trump twittern kann. Aggressivität, Beleidigungen, Drohungen – auf Neueinsteiger wirkt Twitter manchmal so einladend wie sechs Wochen Bootcamp mit Schlammrobben und Liegestütz unter der Aufsicht von Drill Instructor Donald. „Wir wollen aber, dass Menschen sich bei uns sicher fühlen“, sagt Nikkia Reveillac, Research-Chefin bei Twitter Inc. in San Francisco. Ihr Team hat herausgefunden, dass den meisten Ärger nicht russische Bots, Cambridge-Analytica-Attacken oder systematisch böse Idioten machen, sondern ganz normale Menschen, die „kurzfristig die Kontrolle verlieren“ – denen also im Eifer des Gefechts der innere Gaul durchgeht. Kurz: der Troll von nebenan.

„Mehr Kontrolle“ also hat sich Twitter als Zauberwort für die Zukunft verordnet. Man könnte auch sagen: Bitte erst denken, dann twittern. So ist seit Kurzem bei einem Tweet einstellbar, wer auf diesen Tweet antworten darf, und einzelne, beleidigende Antworten sind ausblendbar. Querulanten und Nervensägen können nicht nur geblockt, sondern – ohne ihr Wissen – auch einfach stummgeschaltet werden. Das erhöht die Psychohygiene beim Twittern erheblich.

Balance zwischen Spontaneität und Vernunft

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Das Impulsmedium Twitter versucht also verstärkt, die Balance zu finden zwischen Spontaneität und Vernunft. Denn der Ton hat sich zuletzt merklich verschärft. Aus der digitalen Agora ist ein anstrengender Brüllwettbewerb geworden. Natürlich wissen sie das in San Francisco. Seit Kurzem werden Twitterer, die eine journalistische Story teilen wollen, vorher gefragt, ob sie diese nicht vielleicht erst lesen möchten. Das tut der Qualität der Diskussion erfahrungsgemäß gut. Seither klicken 40 Prozent mehr Benutzer auf einen Beitrag, bevor sie ihn teilen. „Schlagzeilen erzählen nicht die ganze Geschichte“, sagte Twitter-Produktchef Kayvon Beykpour in einer global übertragenen Pressekonferenz aus Kalifornien. „Wir wollen, dass Debatten bei Twitter gesund verlaufen, wir wollen sie schützen und gestalten.“

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Genau aus diesem Grund hat Twitter nun die größte Neuerung seit vielen Jahren angekündigt: Neben den klassischen 280-Zeichen-Tweets will das Netzwerk ab sofort auch „Fleets“ anbieten. Fleets sind frei gestaltbare Beiträge, die in einem eigenen Bereich im oberen Abschnitt des eigenen Accounts erscheinen und nach 24 Stunden automatisch wieder verschwinden. „Könnte sein, dass Ihnen das bekannt vorkommt“, schmunzelte Beykpour. „Könnte auch sein, dass wir ein bisschen spät dran sind, aber es erscheint uns sinnvoll.“ Nach Tests in Brasilien, Italien, Indien und Südkorea sollen Fleets in den nächsten Tagen für jedermann nutzbar sein. Die Wortschöpfung Fleets steht dabei für „fleeting tweets“ (flüchtige Tweets).

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Geschichten, die sich nach 24 Stunden selbst zerstören? Klingt vertraut. Natürlich standen Snapchat und die Instagram-Storys Pate. Der Markt scheint groß für oft mit Liebe gestaltete Beiträge, die nur für den Moment gedacht sind und kurz nach dem „Fleeten“ wieder verschwinden. Künftig sollen auch Fleets aufgehübscht werden können mit allerhand digitalem Blendwerk wie Aufklebern und Effekten. Auch Live-Broadcasting ist vorgesehen, was entfernt an Periscope erinnert, jenen Pionier-Liveshow-Dienst, den Twitter 2015 unter seine Fittiche genommen hatte, seitdem aber stiefmütterlich behandelt. Lesbar sind Fleets vorerst für alle, die dem Account des Urhebers folgen.

103 Tweets von Trump gekennzeichnet

„Wir sind erst am Anfang“, heißt es dazu bei Twitter. Das gilt auch für den neuen Ehrgeiz des Mutterkonzerns, die Qualität der Debatten zu erhöhen. „2020 war das Jahr, in dem digitale Kommunikation so wichtig war wie nie zuvor“, sagt Reveillac mit Blick auf Corona, die Krisen der Welt und die US-Politik. Die heftige Kritik an der Verantwortungslosigkeit der sozialen Netzwerke zeitigt erste Folgen. Das zeigte sich zuletzt im Umgang von Twitter Inc. mit den Tweets des Noch-US-Präsidenten Donald Trump. Streng wie nie zuvor kennzeichnete Twitter die Beiträge des Amok twitternden Wahlverlierers über angeblichen Betrug und Stimmenklau als „fragwürdig“, „falsch“ oder „umstritten“: Mindestens 103 Tweets und Retweets von Trump seit der Wahl am 3. November enthalten Warnhinweise.

„Twitter ist außer Kontrolle“: So klingt Donald Trump in diesen Tagen. Der mächtigste Mann der westlichen Welt kann Atomsprengköpfe abfeuern lassen, aber er darf auf Twitter nicht mehr unkontrolliert jede falsche oder irreführende Behauptung äußern. © Quelle: --/Twitter/dpa

Lange nahmen Facebook, Twitter und Google gern jeden giftigen Klick mit, auch wenn er von Menschenrechtsverächtern, Lügnern, Nazis oder Verleumdern kam. Seit Jahren betonen sie, sie seien publizistisch nicht in die Pflicht zu nehmen, weil sie als technische Plattform für die Inhalte auf ihren Servern nicht verantwortlich seien. Er wasche seine Hände in Unschuld, beteuerte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit Demutsblick und freute sich über jede neue steuerfreie Werbemilliarde. Etwa 330 Millionen User hat Twitter weltweit, 187 Millionen Accounts davon gelten als „monetizable“, also relevant für den Cashflow. In Deutschland nutzen mehr als sechs Millionen Menschen Twitter.

Ein sicherer Hafen für Minderheiten

Nun aber scheint es, als begönnen die sozialen Netzwerke, ihre gesellschaftliche Verantwortung zumindest in Teilen wahrzunehmen. Twitter und Facebook untersagten politische Werbung im Umfeld der US-Wahl, Twitter ließ weniger Lügen durchgehen. Und wies bei einer Pressekonferenz stolz darauf hin: „Mehr als 50 Prozent aller Beiträge, die gegen Twitter-Regeln verstoßen, werden schon jetzt automatisch gelöscht, bevor andere Twitterer sie melden.“

Sie selbst habe als schwarze Frau unentwegt Angriffe und Verletzungen erlebt, „auch auf Twitter“, sagte Maya Gold Patterson, Produktdesignerin bei Twitter. Umso besser gefalle ihr eine weitere Neuerung, die Twitter „Spaces“ nennt. Gesprochene Audio-Tweets gibt es bereits – in Kürze sind in geschütztem Rahmen auch Audiokonferenzen mit mehreren Teilnehmern möglich. Gedacht ist das Prinzip ausdrücklich für marginalisierte Minderheiten, die schnell den digitalen Zorn auf sich ziehen. Ihnen will Twitter einen sicheren Hafen schaffen.

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Eine der meistgeforderten Funktionen aber verweigert Twitter weiterhin: Das nachträgliche Editieren bereits erschienener Tweets bleibt unmöglich. Lassen oder löschen – mehr geht nicht. Und ein viel grundsätzlicheres Problem bleibt ebenfalls bestehen: Die Regeln, was auf ihren Servern zulässig ist und was nicht, schreiben sich die Firmen immer noch weitgehend selbst. Das aber dürfte sich bald ändern: Die EU-Kommission arbeitet nach einem Bericht des französischen Magazins „Contexte“ an einem Gesetz zur Regulierung von politischer Werbung im Netz. Das soll „erhöhte Transparenzpflichten“ für Werbefirmen, politische Parteien, Datenhändler und Plattformen wie Twitter, Google und Facebook mit sich bringen. Es könnte 2023 in Kraft treten – ein Jahr vor der nächsten US-Präsidentschaftswahl.

“Staat, Sex, Amen”
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